Es war einmal ein großes Land mitten in Europa. Ein Land mit tiefen Wäldern, alten Burgen, fleißigen Zwergen, stolzen Riesen und einer langen Geschichte.
Doch eines Tages wurde dieses Land geteilt.
Im Westen lebten die Menschen hinter glänzenden Mauern und glaubten, sie seien frei. Im Osten hingegen herrschten graue Burgen, strenge Parteifürsten und mächtige Zauberer.
Und genau dort, im Osten, lebte eine kleine Hexe.
Man nannte sie IM Erika.

Obwohl sie klein und unscheinbar war, besaß sie eine besondere Begabung. Sie konnte sich unsichtbar machen, wenn es gefährlich wurde, und gleichzeitig überall dort auftauchen, wo gerade ein Platz an der M acht frei wurde. Im Osten lernte sie die hohe Kunst der Agitation und Propaganda. Sie lernte, dass man den Menschen nicht unbedingt die Wahrheit erzählen musste, wenn man ihnen nur oft genug dasselbe erzählte.
Eines Tages rief der große Parteifürst HörnerEcker die kleine Hexe zu sich.
„Erika“, sprach er, „wir haben einen Auftrag für dich.“
„Was soll ich tun, großer Fürst?“
„Du gehst in den Westen.“
Die Hexe erschrak.
„In den Westen?“
„Ja. Dort leben die Menschen noch viel zu frei. Sie besitzen Häuser, Unternehmen und andere Dinge, die ihnen gehören. Sie haben ihre Religionen, ihre Traditionen und ihre eigenen Vorstellungen.“
Der Fürst runzelte die Stirn.
„Das müssen wir ändern.“
„Und wie?“
„Ganz einfach. Nenne es Fortschritt.“
Die kleine Hexe grinste.
„Und wenn jemand widerspricht?“
„Dann nennst du ihn rückständig.“
So packte IM Erika ihren Koffer und machte sich auf den Weg.
Die Hexe kommt in den Westen
Im Westen angekommen, dauerte es nicht lange, bis ein mächtiger Mann namens Helmut Kohn auf sie aufmerksam wurde. „Du hast Talent“, sagte er.
„Wofür?“
„Für Politik.“
Und so holte er sie in den großen Staatsapparat.
Die kleine Hexe stieg immer weiter auf.
Sie lernte, wie man freundlich lächelte, während man den Gegner beseitigte.
Sie lernte, wie man sich demokratisch nannte, ohne unbedingt demokratisch handeln zu müssen.
Und sie lernte, dass man in einem großen Königreich besonders weit kommt, wenn man niemals zu früh verrät, was man wirklich vorhat.
Bald kannten immer mehr Menschen ihren Namen.
Doch hinter den Grenzen des Landes saßen bereits andere mächtige Zauberer.
Besonders im fernen Westen über dem großen Meer.
Diese Zauberer hatten ein Interesse daran, dass das deutsche Königreich niemals wieder zu mächtig wurde.
Ein geteiltes, schwaches Deutschland war ihnen lieber.
Und wenn man dazu ein wenig Sozialismus, ein wenig Bürokratie und ein wenig Abhängigkeit gebrauchen konnte – warum nicht?
So wurde die kleine Hexe für manche sehr nützlich.
Der große Präsident und der Krieg
Eines Tages reiste IM Erika zum mächtigen Präsidenten KleinBusch.
Der saß in seinem gewaltigen Palast und bereitete einen Feldzug gegen ein fernes Land vor.
„Wir müssen dort einmarschieren“, sagte KleinBusch.
„Warum?“
„Weil sie gefährliche Zauberwaffen besitzen.“
Einige weise Männer im Reich warnten:
„Vielleicht besitzen sie diese Waffen gar nicht.“
Doch KleinBusch wollte davon nichts hören.
IM Erika dagegen versprach:
„Wenn du in den Krieg ziehst, werde ich an deiner Seite stehen.“
Der Präsident war begeistert.
„Eine treue Verbündete!“
Im eigenen Königreich regierte zu dieser Zeit allerdings noch der Friedenskanzler Schrödinger.
Der wollte nicht einfach glauben, was ihm die Hofzauberer erzählten.
„Zeigt mir die Zauberwaffen“, verlangte er.
Doch niemand konnte sie ihm zeigen.
Das gefiel den Kriegsherren überhaupt nicht.
Denn für einen großen Krieg braucht man schließlich einen guten Grund.
Und so wurde Schrödinger bald als altmodisch betrachtet.
Die Zeiten änderten sich.
Die Krönung der kleinen Hexe
Nicht lange danach geschah das, worauf die kleine Hexe lange gewartet hatte.
IM Erika wurde Kanzlerin.
Sechzehn Jahre lang saß sie auf dem Thron.
Sechzehn Jahre sind eine lange Zeit.
Lang genug, um ein ganzes Land zu verändern.
Und genau das tat sie.
Zuerst langsam.
Dann immer schneller.
Sie öffnete die Tore.
Sie veränderte die Energie.
Sie veränderte die Wirtschaft.
Sie veränderte die Bildung.
Sie veränderte die gesellschaftlichen Regeln.
Und immer wenn jemand fragte:
„Warum?“
antwortete der Hof:
„Alternativlos.“
Das war einer der mächtigsten Zaubersprüche des Königreichs.
Denn wer etwas als alternativlos bezeichnete, musste keine Alternative mehr erklären.
Das Reich der Gleichmacherei
Die kleine Hexe hatte einen Traum.
Alle sollten gleich sein.
Nicht unbedingt gleich reich.
Nicht unbedingt gleich mächtig.
Aber möglichst abhängig vom selben großen System.
Eigentum wurde komplizierter.
Steuern wurden höher.
Vorschriften wurden mehr.
Die Menschen mussten immer mehr arbeiten, um sich immer weniger leisten zu können.
Doch gleichzeitig sagte der Hof:
„Ihr seid freier denn je!“
Die Menschen schauten auf ihre leeren Geldbeutel.
„Wirklich?“
„Natürlich.“
„Und warum haben wir dann immer weniger?“
„Das ist Nachhaltigkeit.“
So lernten die Menschen ein neues Wort nach dem anderen.
Und wer die neuen Wörter beherrschte, durfte sich zu den Guten zählen.
Die Spaltung der Zwerge
Doch die Hexe wusste:
Ein Volk, das zusammenhält, kann gefährlich werden.
Also wurde es geteilt.
Die Menschen wurden in immer mehr Gruppen eingeteilt.
Jeder bekam ein Etikett.
Jeder sollte wissen, zu welcher Gruppe er gehörte.
Und wenn zwei Gruppen miteinander stritten, konnten die Hofzauberer in Ruhe weiterregieren.
Die einen wurden als rückständig bezeichnet.
Die anderen als gefährlich.
Wieder andere galten als besonders moralisch.
Und wer die falsche Meinung hatte, bekam einen neuen Namen:
„Problemfall. Oder gar Querdenker.“
Wer zu laut wurde, verlor seinen Platz an der Tafel.
Wer noch lauter wurde, wurde aus dem gesellschaftlichen Leben verbannt.
Das nannte man nun Cancel Culture.
Die grünen Zauberer
Währenddessen kamen die Grünen Zauberer aus ihren Wäldern.
Lange Zeit hatte kaum jemand sie ernst genommen.
Doch plötzlich erhielten sie Zugang zum Hof.
„Wir werden das Reich retten!“, riefen sie.
„Wovor?“, fragten die Zwerge.
„Vor euch selbst!“
Und so begann der große grüne Zauber.
Kohle musste verschwinden.
Kraftwerke mussten verschwinden.
Autos mussten verändert werden.
Heizungen mussten verändert werden.
Die Wirtschaft musste verändert werden.
Alles musste verändert werden.
Nur eine Sache blieb gleich:
Die Rechnung.
Die kam weiterhin beim Volk an.
Das große Medienorakel
Doch wie konnte der Hof dafür sorgen, dass die Zwerge nicht zu viele Fragen stellten?
Ganz einfach.
Man brauchte ein Orakel.
Also wurden die großen Medienhäuser zu den Hoforakeln des Landes.
Tag für Tag verkündeten sie, was richtig und was falsch war.
Manche Hofschreiber waren ehrlich überzeugt.
Andere wollten einfach ihren Platz am Hof behalten.
Und wieder andere hatten entdeckt, dass man mit Angst und Empörung sehr viele Zuschauer gewinnen konnte.
Die Zwerge hörten zu.
Doch eines Tages geschah etwas Ungewöhnliches.
Einige begannen, die Hoforakel nicht mehr zu glauben.
Sie suchten selbst nach Informationen.
Sie verglichen verschiedene Geschichten.
Sie stellten Fragen.
Und damit begann der große Ärger.
Von der Leiden und das große EU-Reich

Nun trat eine neue mächtige Zauberin auf.
Ihr Name war von der Leiden.
Sie zog in das große Schloss der EU.
Dort gab es ein riesiges Parlament.
Die Zwerge glaubten zunächst:
„Dort wird bestimmt alles demokratisch entschieden.“
Doch die Zauberin lächelte.
„Natürlich.“
„Und wer entscheidet?“
„Wir.“
„Und wen haben wir gewählt?“
„Das ist kompliziert.“
„Und warum gibt es so viele Regeln?“
„Weil Regeln wichtig sind.“
So wuchs das EU-Reich immer weiter.
Neue Verordnungen.
Neue Richtlinien.
Neue Behörden.
Neue Vorschriften.
Und immer mehr Macht wanderte nach oben.
Die Zwerge unten merkten:
Der Hof wurde größer.
Ihre eigene Stimme dagegen kleiner.
Die große Pandemie
Dann kam das Jahr des großen Schreckens.
Ein unsichtbarer Feind erschien.
Man nannte ihn Covid.
Die Menschen bekamen Angst.
Die Tore wurden geschlossen.
Die Straßen wurden leer.
Die Hofzauberer verkündeten neue Regeln.
„Bleibt zu Hause!“
„Tragt Masken!“
„Haltet Abstand!“
„Vertraut dem Hof!“
Und die meisten Zwerge gehorchten.
Doch währenddessen geschah etwas, das die Zauberer nicht vorhergesehen hatten.
Die Menschen begannen zu fragen.
Immer mehr.
Und immer lauter.
„Was stimmt eigentlich?“
„Welche Zahlen sind richtig?“
„Wer entscheidet?“
„Warum dürfen manche Fragen nicht gestellt werden?“
Und so wurde aus dem Angstzauber langsam etwas völlig anderes: das Wahrheitsvirus.
Das Erwachen
Das Wahrheitsvirus konnte man nicht impfen.
Man konnte es nicht verbieten.
Man konnte es nicht wegmoderieren.
Denn sobald ein Mensch angefangen hatte, selbst zu denken, konnte man seinen Gedanken nicht mehr einfach abschalten.
Das Virus wanderte von Mensch zu Mensch.
Ein Vater sprach mit seinem Sohn.
Eine Nachbarin sprach mit ihrer Nachbarin.
Ein Arbeiter sprach mit seinem Kollegen.
Und überall hörte man denselben Satz:
„Irgendetwas stimmt hier nicht.“
Die Hofzauberer gerieten in Panik.
„Stoppt sie!“
Doch wie sollte man Gedanken stoppen?
Der Fall der alten Zauberer
Während die Menschen erwachten, verlor die kleine Hexe immer mehr Macht.
Dann verlor von der Leiden an Einfluss.
Und schließlich begann auch der große Finanzzauberer Mr. Blackrock nervös zu werden.
Denn sein Reich bestand aus Zahlen, Aktien, Beteiligungen und Geldströmen.
Doch Geld kann vieles kaufen.
Nur eines kann es nicht kaufen:
das Vertrauen eines Volkes, das aufgehört hat zu glauben.
Die alten Zauberer versuchten es trotzdem.
Sie versprachen neue Krisenlösungen.
Neue Programme.
Neue Regeln.
Neue Rettungspakete.
Doch immer weniger Menschen hörten ihnen zu.
Die Rückkehr des Ostens
Und dann geschah das Unerwartete.
Die Befreiung begann ausgerechnet dort, wo einst alles begonnen hatte: im Osten.
In den Ländern und Regionen, die früher hinter dem Eisernen Vorhang gelegen hatten, gingen die Menschen zur Wahl.
Sie setzten ihre Kreuze.
Und plötzlich stellten die Hofzauberer fest:
Die Menschen ließen sich nicht mehr so leicht lenken.
Die sogenannte Brandmauer sollte die alten Parteien schützen.
Doch die Zwerge hatten begonnen, über die Mauer hinwegzusehen.
Die Wahlurnen wurden zu kleinen Toren der Veränderung.
Und je mehr Menschen hindurchgingen, desto mehr schlossen sich ihnen an.
Aus Zwergen wurden Riesen.
Das letzte Kapitel – Der Fall des Zauberreichs
Doch die Geschichte war noch lange nicht zu Ende.
Denn die alten Zauberer hatten zwar ihre Macht verloren, aber sie hatten noch nicht aufgegeben.
In den dunklen Türmen des alten Reiches saßen sie zusammen und berieten.
„Die Riesen werden immer mehr“, sagte einer.
„Dann müssen wir ihnen wieder Angst machen“, antwortete ein anderer.
„Und wenn das nicht funktioniert?“
Da erhob sich der älteste aller Zauberer.
„Dann müssen wir ihnen erzählen, dass sie sich gegenseitig fürchten müssen.“
Und so begann der letzte große Zauber.
Die Trolle des alten Palastes
Aus allen Ecken des Reiches wurden die Hofschreiber gerufen.
Die einen schrieben in Zeitungen.
Die anderen sprachen aus großen Kästen, die man Fernseher nannte.
Wieder andere saßen vor leuchtenden Kristalltafeln und verbreiteten ihre Botschaften über das ganze Land.
Und überall ertönte dieselbe Warnung:
„Fürchtet euch!“
„Die Riesen sind gefährlich!“
„Wenn ihr selbst entscheidet, wird das Reich untergehen!“
„Nur wir können euch retten!“
Doch diesmal geschah etwas Merkwürdiges.
Die Riesen hörten zu.
Und dann lachten sie.
Nicht, weil alles lustig gewesen wäre.
Sondern weil sie inzwischen gelernt hatten, zwischen einem echten Ungeheuer und einem aufgeblasenen Hofdrachen zu unterscheiden.
Sie begannen, die Geschichten der Hofschreiber miteinander zu vergleichen.
Und siehe da:
Hier fehlte eine Hälfte der Geschichte.
Dort wurde ein Satz aus dem Zusammenhang gerissen.
An anderer Stelle war aus einer Vermutung plötzlich eine Tatsache geworden.
Und manchmal war aus einem kleinen Mäuschen ein riesiger Drache gemacht worden.
Die Riesen begannen zu verstehen:
Wer die Geschichte kontrolliert, versucht oft auch zu kontrollieren, was die Menschen für wahr halten.
Die Festung Zion
Doch hinter den sichtbaren Türmen gab es in diesem Märchen noch eine andere Festung.
Sie hieß Zion.
So jedenfalls nannten die Riesen das geheimnisvolle Bündel aus Geld, Einfluss, politischen Netzwerken, Medienmacht und internationalen Interessen, das sie hinter den Mauern der alten Ordnung vermuteten.
Ob Zion wirklich ein einziger großer Zauberer war oder nur der Name, den die Menschen ihrem Misstrauen gegenüber den Mächtigen gegeben hatten, darüber stritten die Riesen.
Manche sagten:
„Dort sitzt der eigentliche Herrscher.“
Andere sagten:
„Nein. Es sind viele verschiedene Mächte.“
Und wieder andere sagten:
„Vielleicht suchen wir den einen großen Zauberer, obwohl die Welt viel komplizierter ist.“
Doch eines war allen klar:
Macht konzentriert sich gern dort, wo Menschen nicht genau hinschauen.
Und deshalb begannen die Riesen hinzuschauen.
Die Geldströme
Sie sahen auf die großen Schatzkammern.
Sie fragten:
„Wer bezahlt diese Organisation?“
„Wer finanziert jene Kampagne?“
„Wer besitzt dieses Medienhaus?“
„Wer verdient an diesem Gesetz?“
„Wer bekommt öffentliche Aufträge?“
„Wer entscheidet eigentlich, wohin das Geld fließt?“
Die Fragen wurden zu Pfeilen.
Und jeder Pfeil traf einen Teil der alten Festung.
Denn die alten Zauberer hatten mit allem gerechnet.
Mit Protesten.
Mit Wahlen.
Mit Demonstrationen.
Mit gelegentlichem Ärger.
Aber nicht damit, dass die Riesen anfangen würden, die Bücher aufzuschlagen.
Die große Erkenntnis
Eines Tages sagte ein alter Riese: „Vielleicht ist unser größter Fehler gewesen, zu glauben, dass immer einer allein schuld sein muss.“
Die anderen sahen ihn an: „Was meinst du?“
„Vielleicht ist die Welt nicht von einem einzigen Zauberer beherrscht. Vielleicht gibt es viele Menschen mit verschiedenen Interessen. Politiker wollen Macht. Unternehmen wollen Geld. Medien wollen Aufmerksamkeit. Organisationen wollen Einfluss. Staaten wollen Sicherheit. Und überall gibt es Menschen, die ihre eigenen Interessen verfolgen.“
„Aber dann ist es ja noch schwieriger.“
„Ja.“
Der alte Riese lächelte: „Aber auch ehrlicher.“
Da verstanden die Riesen etwas Wichtiges:
Man musste nicht an eine einzige große Verschwörung glauben, um Macht zu hinterfragen.
Man musste nur wachsam bleiben.
Die letzte Schlacht
Unterdessen bereitete der alte Hof seinen letzten großen Zauber vor.
Er sollte Krieg heißen.
Denn Krieg war schon immer ein mächtiger Zauber gewesen.
Er konnte Angst erzeugen.
Er konnte Menschen zusammenschweißen.
Er konnte Regierungen stärken.
Und er konnte dafür sorgen, dass niemand mehr fragte, warum die Dinge eigentlich so geworden waren.
Die alten Zauberer hofften:
„Wenn wir den großen Krieg bekommen, werden die Riesen wieder zu Zwergen.“
Doch diesmal standen die Riesen zusammen.
Nicht für einen Herrscher.
Nicht für eine Partei.
Nicht für einen Konzern.
Nicht für einen Hof.
Sondern für den Frieden.
Sie sagten:
„Wir wollen keinen Krieg für fremde Interessen.“
„Wir wollen keine Kinder, die für die Fehler alter Männer sterben.“
„Wir wollen keine Propaganda, die uns dazu bringt, andere Menschen zu hassen.“
„Und wir wollen keine Herrscher, die uns erzählen, dass Krieg alternativlos sei.“
Da wurde es still im Palast.
Denn gegen Menschen, die keine Angst mehr vor Krieg hatten, war der Kriegszauber wirkungslos.
Die letzte Mauer
Nun blieb den alten Zauberern nur noch eine letzte Möglichkeit.
Sie errichteten eine gewaltige Mauer.
Darauf stand:
BRANDMAUER.
„Damit halten wir die Riesen auf!“, riefen sie.
Doch die Riesen betrachteten die Mauer.
Dann gingen sie links herum.
Einige gingen rechts herum.
Andere bauten eine Tür.
Und wieder andere fragten:
„Wer hat eigentlich beschlossen, dass diese Mauer hier stehen muss?“
Da bekam die Mauer Risse.
Erst kleine.
Dann größere.
Und schließlich fiel ein Stein heraus.
Dann noch einer.
Und noch einer.
Bis die ganze Mauer zu bröckeln begann.
Das Erwachen der Welt
Was danach geschah, konnte niemand mehr aufhalten.
Menschen in anderen Ländern begannen ebenfalls Fragen zu stellen.
In einem Land fiel ein alter Zauber.
In einem anderen verlor eine alte Partei ihre Macht.
In einem dritten verlangten die Menschen mehr Kontrolle über ihre Regierung.
Und überall hörte man dasselbe Wort:
Freiheit.
Die Riesen hatten entdeckt, dass sie nicht allein waren.
Der eine Riese stand in Deutschland.
Der nächste in Frankreich.
Ein anderer in Italien.
Einer in Amerika.
Einer in Polen.
Einer in Ungarn.
Und viele weitere auf der ganzen Welt.
Sie waren nicht alle einer Meinung.
Und genau das war ihre Stärke.
Denn sie mussten nicht gleich denken.
Sie mussten nur frei denken dürfen.
Das Ende der kleinen Hexe
Im hohen Turm saß inzwischen IM Erika.
Sie schaute aus dem Fenster.
Unter ihr hatte sich das Land verändert.
Die Menschen waren nicht mehr dieselben wie früher.
Sie waren misstrauischer geworden.
Wacher.
Sturer.
Und vor allem:
Sie stellten Fragen.
Die Hexe wusste, dass ihr größter Zauber gebrochen war.
Sie konnte keine Angst mehr herbeizaubern, die alle Menschen gleichzeitig lähmte.
Sie konnte keine Geschichte mehr erzählen, die alle glaubten.
Und sie konnte nicht verhindern, dass die Riesen miteinander sprachen.
Da nahm sie ihren alten Zauberstab.
Sie sprach: „Ordnung!“
Niemand hörte. Sie sprach: „Alternativlosigkeit!“
Niemand gehorchte.
Sie sprach: „Vertrauen Sie uns!“
Die Riesen antworteten: „Zeigt uns erst, warum.“
Da zerbrach der Zauberstab.
Von der Leiden
Auch von der Leiden saß inzwischen in ihrem großen europäischen Palast.
Vor ihr lagen Tausende Seiten mit Regeln.
Doch draußen standen die Riesen.
„Ihr könnt uns nicht ewig regieren, indem ihr immer neue Regeln schreibt“, riefen sie.
Die Zauberin antwortete:
„Aber wir haben doch nur das Beste für euch gewollt!“
Da rief einer der Riesen:
„Dann lasst uns selbst entscheiden, was das Beste für uns ist!“
Und wieder bekam der Palast einen Riss.
Mr. Blackrock

Ganz weit oben in einem Turm aus Gold saß inzwischen Mr. Blackrock.
Er blickte auf die Zahlen.
Auf die Aktien.
Auf die Unternehmen.
Auf die Märkte.
Doch plötzlich bemerkte er etwas, das sich nicht berechnen ließ.
Vertrauen.
Denn Geld konnte fallen.
Aktien konnten steigen.
Firmen konnten gekauft werden.
Aber wenn die Menschen begannen, Fragen über die Macht des Geldes zu stellen, war selbst der größte Finanzzauberer nicht mehr allmächtig.
Mr. Blackrock blickte aus seinem Fenster.
Zum ersten Mal seit langer Zeit sah er nach unten.
Und dort standen die Riesen.
Der Morgen danach
Als schließlich der Morgen kam, war das alte Reich noch da.
Die Burgen standen.
Die Paläste standen.
Die Parlamente standen.
Die Banken standen.
Die Medienhäuser standen.
Doch etwas Entscheidendes hatte sich verändert.
Die Menschen hatten sich verändert.
Sie hatten gelernt, dass Demokratie nicht bedeutet, alle vier Jahre einen Zettel in eine Kiste zu werfen und danach vier Jahre lang zu schweigen.
Sie hatten gelernt, dass Freiheit Verantwortung bedeutet.
Dass Eigentum Verantwortung bedeutet.
Dass Meinungsfreiheit auch bedeutet, Meinungen auszuhalten, die man selbst nicht mag.
Dass Frieden nicht Schwäche bedeutet.
Und dass ein Staat seinen Bürgern dienen sollte – nicht umgekehrt.
Der neue Bund der Riesen
Die Riesen schlossen deshalb keinen neuen Pakt mit einem König.
Sie gründeten keinen neuen Hof.
Sie erschufen keinen neuen allmächtigen Zauberer.
Stattdessen versprachen sie sich etwas viel Schwierigeres:
Sie wollten selbst wachsam bleiben.
Wenn ein Politiker zu viel Macht wollte, sollten sie fragen.
Wenn ein Unternehmen zu viel Einfluss bekam, sollten sie fragen.
Wenn ein Medienhaus eine Geschichte erzählte, sollten sie fragen.
Wenn eine Regierung neue Regeln erließ, sollten sie fragen.
Wenn ein großer Zauberer behauptete:
„Es gibt keine Alternative.“
sollten sie erst recht fragen:
„Warum nicht?“
Und so endet die Geschichte …
Und so endete das Zeitalter der kleinen Hexen nicht mit einer großen Explosion.
Es endete mit etwas viel Unspektakulärerem.
Mit Menschen, die anfingen zu denken.
Mit Menschen, die miteinander redeten.
Mit Menschen, die sich nicht mehr so leicht gegeneinander aufhetzen ließen.
Und mit Menschen, die verstanden hatten, dass Freiheit niemals ein Geschenk der Mächtigen ist.
Sie muss immer wieder verteidigt werden.
Nicht mit Hass.
Nicht mit Gewalt.
Nicht mit Krieg.
Sondern mit Mut, Verstand, Wahrheitssuche und der Bereitschaft, auch die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen.
Die alten Zauberer aber?
Sie verschwanden nicht über Nacht.
Einige wechselten nur ihre Gewänder.
Andere zogen in neue Burgen.
Manche nannten sich plötzlich Demokraten.
Andere nannten sich Freiheitskämpfer.
Wieder andere erfanden ganz neue Zaubersprüche.
Denn Macht verschwindet selten einfach.
Sie sucht sich meistens nur einen neuen Namen.
Doch die Riesen waren vorbereitet.
Sie wussten nun:
Der gefährlichste Mensch für jeden mächtigen Zauberer ist nicht der lauteste.
Es ist derjenige, der ruhig bleibt, selbst denkt und fragt:
„Woher weißt du das?“
Und so begann ein neues Zeitalter.
Nicht das Zeitalter der Hexen.
Nicht das Zeitalter der Könige.
Nicht das Zeitalter der großen Zauberer.
Sondern das
Zeitalter der Riesen
Und wenn die Riesen nicht wieder eingeschüchtert wurden, dann stehen sie noch heute da.
Sie schauen den Mächtigen auf die Finger.
Sie prüfen ihre Zauberbücher.
Sie lesen das Kleingedruckte.
Und wenn wieder irgendwo ein Zauberer aufsteht und ruft:
„Vertraut mir! Ich weiß, was gut für euch ist!“
dann antworten die Riesen gemeinsam:
„Nein. Danke. Wir denken selbst.“
Und seit diesem Tage weiß jedes Kind im ganzen Land:
Ein Volk, das sich selbst zum Zwerg erklärt, kann beherrscht werden.
Ein Volk, das sich erinnert, dass es aus Menschen besteht, wird zu Riesen.
Und wenn die Riesen nicht wieder eingeschlafen sind, dann stehen sie noch heute dort und stellen den Mächtigen die wichtigste Frage von allen:
„Warum?“
Und wenn ihnen die Antwort nicht gefällt, dann fragen sie einfach weiter.
Und so beginnt das eigentliche Ende des alten Märchens – und der Anfang einer neuen Geschichte.