DER ARZT, DER MAHNER – UND DER MENSCH

von Redaktion — über |

Eine Begegnung mit Dr. Wolfgang Wodarg im hessischen Rodgau

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Ein Gastbeitrag von S. Baier aus Rheinland-Pfalz

Es ist einer dieser Abende, an denen man schon vor Beginn spürt: Die Menschen sind nicht zufällig gekommen. Sie wollen hören, nachfragen, verstehen – und vielleicht auch ein Stück Bestätigung dafür finden, dass ihre Zweifel der vergangenen Jahre nicht aus der Luft gegriffen waren.

Am 2. Juni gab Dr. Wolfgang Wodarg kurz vor seinem Vortrag in Rodgau noch ein sehr persönliches interview. Der Saal füllte sich, die Technik wurde geprüft, erste Gespräche entstanden. Doch bevor es um die großen Fragen gehen sollte – Gesundheit, Demokratie, Corona, Macht und Verantwortung –, bestand die Möglichkeit, den Menschen Wolfgang Wodarg kennenzulernen.

Nicht mit den üblichen politischen Stichworten. Sondern mit Satzanfängen. Persönlich. Direkt. Manchmal heiter, manchmal nachdenklich. Auf die Frage, worüber er sich als kleiner Junge am meisten freute, antwortete Wodarg sinngemäß: Wenn er etwas Neues entdeckte – und wenn etwas gelang. Dieses Motiv zog sich später durch das ganze Gespräch: Neugier, Widerspruch, Ausprobieren, Eigenständigkeit.

Wenn er an sein Elternhaus denke, sehe er zuerst Menschen, die ihm vertrauten, die keine Angst hatten, dass er etwas falsch mache, und die ihn gestützt hätten. Seinen Eltern sei er dankbar, dass er „alles machen durfte“ und Unterstützung erfuhr. Es klingt schlicht – und erklärt vielleicht doch einiges: Wer früh Vertrauen erlebt, kann später leichter widersprechen.

Auch Freiheit beschreibt Wodarg nicht abstrakt. Als Kind habe er sie gespürt, wenn er in eine andere Umgebung kam, neue Gegenden entdeckte, neue Stadtteile, neue Natur. Schon in der Schule sei er keiner gewesen, der sich für alles gleichermaßen begeisterte. Aber für einzelne Themen, die ihn packten, konnte er brennen: Physik, Biologie, eigene Hobbys, eigene Gedanken.

Ein Lehrer habe ihn besonders geprägt: einer, der seine Schüler verunsicherte, provozierte und zum Widerspruch brachte. „Der wollte nicht, dass wir folgsam sind“, erinnert sich Wodarg. Man kann diesen Satz fast als Überschrift über sein späteres Leben stellen.

Der Weg zur Medizin führte für ihn nicht nur über Bücher, sondern über Begegnungen. Eine Arztfamilie in der Nachbarschaft habe ihn beeindruckt. Ihn faszinierte, dass man als Arzt „für andere Menschen etwas Gutes tun“ könne. Doch Gesundheit verstand Wodarg bald weiter als bloße Normwerte. Im Gespräch sagte er sinngemäß: Gesundheit sei etwas Individuelles. Wenn jemand Normen für Gesundheit setze, tue er damit immer auch Menschen unrecht.

Besonders eindrücklich war seine Beschreibung ärztlicher Arbeit. Von Patienten habe er gelernt, dass jeder Mensch in seiner eigenen Welt lebe. Menschen mit chronischen Krankheiten hätten sich oft in ihrem Leben eingerichtet; Aufgabe des Arztes sei es, sie zu stärken, ihnen zuzuhören, sie erzählen zu lassen. Ein guter Arzt sei für ihn jemand, der zuhört, aufmerksam ist, achtsam – und der sich sicher sein müsse, dass das, was er tut, mehr nutzt als schadet.

Dann, am Abend, stand Wodarg auf der Bühne. Der Vortrag trug den Titel: „Die Welt ist krank – wie kann man da gesund sein?“ Aus der persönlichen Begegnung wurde eine große Diagnose. Wodarg sprach über Gesundheitswesen, Politik, internationale Institutionen, Lobbyismus, die Corona-Jahre und über sein Verständnis von Demokratie.

Gleich zu Beginn machte er deutlich, dass ihn nicht Krankheit als Geschäftsmodell interessiere, sondern Prävention. Er habe einen großen Teil seines Lebens damit verbracht, sich darum zu kümmern, „dass Menschen nicht krank werden“. Als Amtsarzt, Hafenarzt, Lungenarzt, Gesundheitspolitiker. Sein Schwerpunkt seien gesunde Lebensumstände gewesen.

Ein zentraler Satz seines Vortrags lautete: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Für Wodarg ist das nicht nur eine Formel aus dem Grundgesetz, sondern der Kern des Zusammenlebens. Kein Mensch dürfe zum Objekt anderer Menschen werden. Jeder sei anders, aber alle seien gleichberechtigt. Daraus entstünden Konflikte – und genau dafür brauche es faire Regeln.

Demokratie beschreibt er als Schutzmittel gegen Machtkonzentration. Sie solle ermöglichen, dass Bürger an den Regeln mitwirken können, nach denen sie später leben müssen. In seinem Vortrag formulierte Wodarg zugespitzt: Man müsse keinen Regeln gehorchen, an deren Entstehung man nicht zumindest die Chance hatte mitzuwirken.

Scharf wurde seine Kritik dort, wo er über das Gesundheitswesen als Markt sprach. Früher sei es darum gegangen, Menschen mit möglichst wenig Aufwand gesund zu halten. Heute werde aus dem Gesundheitswesen immer stärker ein Gesundheitsmarkt – also ein Bereich, in dem mit Krankheit Geld verdient werde. Wodarg sprach über Lobbyismus, private Interessen und darüber, wie politische, wissenschaftliche und institutionelle Strukturen verformt werden können, wenn Macht und Geld eine zu große Rolle spielen.

Besonders deutlich wurde er beim Rückblick auf die Corona-Jahre. Im persönlichen Gespräch sagte er, ihn habe am meisten erschüttert, dass so viele Ärzte, Wissenschaftler und Institutionen mitgemacht hätten. Kraft gegeben hätten ihm dagegen jene Menschen, „die wach blieben“, die widersprachen, Fragen stellten und sich nicht den Mund verbieten ließen.

Trotz allem ist sein Menschenbild nicht düster. „Der Mensch ist ein tolles Geschöpf mit vielen Möglichkeiten“, sagte Wodarg im Interview. Und dann ein Satz, der vielleicht einer der schönsten des Tages war: „Menschen brauchen Menschen.

Am Ende wurde es wieder persönlich – und zukunftsgewandt. Jungen Menschen, jungen Ärzten und jungen Politikern würde Wodarg mitgeben, Mut zu haben: auszusprechen, was ihnen wichtig ist, sich für das einzusetzen, was sie im Herzen spüren, das Bauchgefühl nicht zu verleugnen. Man könne streiten, sagte er, aber zur Sache – nicht zur Person.

Für Kinder und Enkel wünscht er sich, dass sie die „Gleise verlassen“, auf die man sie gesetzt habe. Dass sie entdecken, wie viele Möglichkeiten es gibt, das Leben zu gestalten. Dass sie nicht alle dasselbe Weltbild übernehmen, sondern unterschiedliche Perspektiven entwickeln, miteinander sprechen, voneinander lernen.

So blieb von diesem Abend mehr als ein Vortrag. Es blieb die Begegnung mit einem Mann, der vielen als Kritiker bekannt ist – der an diesem Abend aber auch als Sohn, Schüler, Arzt, Zuhörer und Großvater sichtbar wurde.

Der öffentliche Wodarg analysiert Macht.
Der persönliche Wodarg spricht lieber von Vertrauen.
Und irgendwo dazwischen liegt vielleicht die eigentliche Botschaft dieses Abends: Gesund bleiben kann nur, wer wach bleibt – und wer seinen Mitmenschen nicht aus dem Blick verliert.


Anm. d. Red.: Zum persönlichen Kurzinterview mit Dr. Wolfgang Wodarg in Rodgau hier entlang: https://cutt.ly/dt0Ei7bC 👈
Zum ca. vierstündigen Livetream des gesamten Vortags von Dr. Wodarg hier entlang: https://cutt.ly/jt0SbRf4 👈
Wer die Mitmenschen in seiner Nachbarschaft mit KLARTEXTen versorgen möchte, damit auch diese wach werden und Mensch bleiben, hier per E-Mail melden: klartext-rheinmain.de/kontakt 👈