DIE PERFEKTE STEILVORLAGE

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Oder: Warum der Fall Fernandes/Ulmen für die Freunde der Klarnamenpflicht wie ein Sechser im politischen Lotto wirkt

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Ein Gastbeitrag von M. Maler

Nehmen wir einmal einen Schritt Abstand von der moralischen Nebelmaschine und schauen auf die eigentliche Pointe dieses Falls: Kaum wird ein prominenter, maximal aufgeladener und medial hervorragend verwertbarer Fall öffentlich, steht schon wieder die gute alte Klarnamen- und Identifikationspflicht geschniegelt im Türrahmen, geschniegelt wie ein Versicherungsvertreter nach Wohnungsbrand.

Eine gewisse Frau Collien Fernandes erhebt schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen; laut aktuellen Berichten laufen dazu Vorermittlungen in Spanien, für Ulmen gilt bisweilen die Unschuldsvermutung. Das ist die juristisch saubere Ebene. Die politische und mediale Ebene funktioniert naturgemäß etwas rustikaler: Dort genügt ein schockierendes Narrativ, und schon wird aus einem individuellen, womöglich hochkomplexen Fall die Steilvorlage für den nächsten Angriff auf anonyme oder pseudonyme Kommunikation im Netz.

Und genau an dieser Stelle wird es unerquicklich. Denn in der WDR-Sendung „Kölner Treff“ erklärte eine Frau Fernandes pathetisch, was nun endlich folgen solle:

Also es ist schon echt alles ganz schön krass und deswegen bin ich auch für eine Identifikationspflicht im Netz. Das wäre dann ja gar nicht passiert, wenn es die gäbe.

Die Botschaft ist also klar: Horrorfall gleich Identifizierungspflicht. Trauma gleich Ausweispflicht. Schock gleich Kontrollinfrastruktur. Bequemer kann man Freiheitsabbau inzwischen kaum noch emotional verpacken.

Denn natürlich, das kennt man: Wenn irgendwo ein Verbrechen geschieht, ist nie der Täter das Hauptproblem, sondern immer zuerst die Freiheit der Unbeteiligten. Ein Mann missbraucht angeblich digitale Mittel? Dann muss selbstverständlich der ganze Rest der Bevölkerung künftig mit digitalem Namensschild durchs Netz laufen. Weil ja jeder weiß: Der pathologische Täter lässt sich zuverlässig dadurch stoppen, dass Rentner, Journalisten, Dissidenten, Whistleblower, Stalking-Opfer und politisch Unbequeme künftig nur noch unter Klarnamen sprechen dürfen. Welch genialer Schlag gegen das Böse.

Und die politische Klasse steht längst bereit. Bundeskanzler Friedrich Merz forderte im Februar 2026 offen, er wolle „Klarnamen im Internet sehen“ und wissen, „wer sich da zu Wort meldet“. Endlich Klarheit: Nicht die Strafverfolgung muss besser werden, nicht schnellere Löschung klar rechtswidriger Inhalte, nicht bessere Medienkompetenz wird gefordert. Nein, das Problem ist offenbar, dass der Bürger noch zu frei sprechen und online kommunizieren kann.

Wer profitiert also von dieser Erzählung? Zunächst die Politik. Sie kann mit ernster Mine Handlungsfähigkeit simulieren, ohne die mühsame Detailarbeit zu leisten, die echte Täterverfolgung bedeuten würde. Dann die Plattformen: Verifizierte Nutzer sind verwaltungstechnisch bequemer, regulatorisch sauberer und kommerziell oft noch wertvoller. Und schließlich profitieren all jene, die von digitalen Identitätslösungen, Zugangsschleusen, Altersverifikation und immer tieferer Nutzererfassung leben. Je emotionaler der Anlass, desto geringer der Widerstand. Aus „nur für schlimme Fälle“ wird dann ganz rasch „nur für sensible Bereiche“, danach „nur für ganz große Plattformen“ und irgendwann „eigentlich für alles“. So marschiert die Entrechtung heute: nicht mit Stiefeln, sondern mit Sicherheitsargumenten und Betroffenheitsvokabular.

Die Leute, die sich mit Freiheitsrechten, Demokratie und digitaler Gewalt tatsächlich beschäftigen, warnen vor genau dieser Nummer. Netzpolitik.org nennt die Klarnamenpflicht ein autoritäres Instrument und warnt davor, dass sie die Falschen trifft. Die UN-Sonderberichterstattung zu Meinungsfreiheit betont seit Jahren die Schutzfunktion von Anonymität und Verschlüsselung. Selbst Bundesjustizministerin Stefanie Hubig lehnt (zumindest derzeit noch) eine staatlich verordnete Klarnamenpflicht ab und verweist auf nachvollziehbare Gründe, warum Menschen anonym oder unter Pseudonym sprechen wollen. Anders gesagt: Nicht nur „anonyme Trolle“ sind gegen die Klarnamenpflicht, sondern auch Bürgerrechtler, Menschenrechtler und Teile der Regierung.

Und warum? Weil die Realität der Propaganda widerspricht. Klarnamen schützen nicht automatisch Frauen. Klarnamen stoppen keine professionellen Täter. Klarnamen verhindern keine Deepfake-Produktion. Klarnamen machen vor allem eines: sie erhöhen die Hürde für legale, aber unbequeme Rede. Sie treffen jene, die Schutz brauchen, nicht jene, die sich mühelos neue Wege suchen. Forschung und Analysen zu Real-Name-Modellen warnen seit Jahren vor genau diesen Nebenwirkungen.

Der Fall Fernandes/Ulmen „riecht nach Inszenierung. Dafür gibt es derzeit zwar noch keinen Beleg, und alles andere zu behaupten wäre unseriös. Aber der Fall zeigt in Reinform, wie ein emotionaler Promi-Schock politisch funktional gemacht wird.

Das ist womöglich die wahre Lehre: Der Staat muss das Problem gar nicht selbst schaffen. Es reicht völlig, keinen aufgeladenen Einzelfall ungenutzt verstreichen zu lassen. Erst kommt das Pathos, dann die Panik, dann die Pflicht zur Identifizierung. Und am Ende soll der Bürger auch noch dankbar dafür sein, dass ihm überall und immer staatliches Doxing droht. Wie fürsorglich. Wie modern. Wie erstaunlich praktisch für alle, die schon lange wissen wollen, wer es noch wagt, seine eigene unbequeme Meinung in Wort, Schrift oder als Video zu artikulieren.