"Wem dient die Maschine?"

Ein Gastbeitrag von S. Baier aus Rheinland-Pfalz
Es gibt Geschichten, die sind so uralt, dass wir zuweilen glauben, sie hätten uns heutzutage gar nichts mehr zu sagen.
Eine Geschichte über Ritter, über Burgen, Zauberschwerter, heilige Lanzen, einen verwundeten König und ein Land, das plötzlich zur Ödnis wird, zum Beispiel - was sollte das mit uns zu tun haben?
Wir leben schließlich im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Unsere Orakel wohnen nicht mehr in Tempeln oder Höhlen, sondern in Rechenzentren. Unsere Zauberspiegel hängen nicht an den Wänden, sondern liegen auf dem Schreibtisch. Wir fragen sie nach dem Wetter, nach Krankheiten, nach Geschichte, nach unseren Kindern, nach politischen Entscheidungen und inzwischen sogar danach, was wir denken oder fühlen sollen.
Aber vielleicht sind die alten Geschichten gar nicht veraltet. Vielleicht haben wir nur vergessen, ihre Sprache zu verstehen.
Eine der seltsamsten Geschichten aus dem Sagenkreis um König Artus handelt von Sir Balin. In Thomas Malorys "Le Morte d’Arthur" gerät Balin in einen Kampf mit König Pellam. Sein Schwert zerbricht. Bedrängt und auf der Suche nach einer neuen Waffe läuft er durch die Gemächer der Burg. Dort findet er eine geheimnisvolle Lanze. Er greift danach und stößt damit zu.
Es ist keine gewöhnliche Lanze. Es ist eine heilige Waffe. Und Balins Schlag ist kein gewöhnlicher Schlag!
Die Sage nennt ihn den Schmerzlichsten Schlag – den "Dolorous Stroke". Die Folgen treffen nicht nur den Mann, gegen den er geführt wurde. Die Burg stürzt zusammen. Verwüstung breitet sich aus. Was als unmittelbarer Kampf zwischen zwei Männern begann, verändert eine ganze Welt.
Darin liegt vielleicht eines der großen Bilder unserer Zeit.
Denn Balins eigentlicher Fehler besteht nicht darin, dass er ein Werkzeug benutzt. Sein Fehler besteht darin, dass er eine Macht benutzt, deren Wesen er nicht im Geringsten begreift.
Er sieht eine Lanze. Er sieht nicht, was sie bedeutet.
Er sieht ein Problem, das in diesem Augenblick gelöst werden muss. Er sieht nicht die Welt, die nach seinem Schlag entstehen wird.
Und genau hier beginnt unsere Geschichte mit der künstlichen Intelligenz.

Wir reden über KI meist so, wie Balin vermutlich über die Lanze gedacht hätte: Was kann sie? Wie stark ist sie? Wie schnell ist sie? Was kann ich mit ihr erreichen? Wie kann ich meinen Gegner besiegen? Wie kann ich meine Kosten senken? Wie kann ich produktiver werden? Wie kann ich im Wettbewerb bestehen?
Fast nie lautet die erste Frage: Wem dient sie eigentlich? Das ist nämlich eine vollkommen andere Frage.
Es geht dabei nicht um die Leistungsfähigkeit der Maschine. Es geht um die Frage nach ihrem Platz in eine lebendige und zutiefst menschliche Ordnung.
Eine künstliche Intelligenz kann einen Text schreiben. Gut. Aber welchem Menschen dient es, wenn er durch die Nutzung das eigenhändige Schreiben verlernt?
Sie kann uns eine Entscheidung vorschlagen. Gut. Aber wem dient es, wenn wir irgendwann nicht mehr wissen, warum wir diese Entscheidung getroffen haben?
Sie kann für Schüler Aufsätze verfassen, mathematische Aufgaben lösen und Bücher zusammenfassen. Aber wem dient es, wenn ein junger Mensch am Ende eine ausgezeichnete Abiturarbeit abgibt und zugleich die Fähigkeit verloren hat, zehn Seiten aufmerksam zu lesen, einen Gedanken festzuhalten und selbst um eine Erkenntnis zu ringen?
Wir halten das Ergebnis in der Hand und nennen es Fortschritt. Vielleicht müssten wir häufiger fragen, was währenddessen mit dem Menschen geschehen ist.
Technik war immer ein Verstärker menschlicher Fähigkeiten. Der Pflug verstärkte unsere Muskelkraft. Das Fernrohr verstärkte unsere Augen. Das Buch verstärkte unser Gedächtnis. Die Eisenbahn vergrößerte unseren Bewegungsradius.
Doch die künstliche Intelligenz berührt etwas anderes. Sie greift auf einen Schlag in Fähigkeiten und Tätigkeiten ein, die wir bisher eng mit unserem Menschsein verbunden haben: Sprache, Erinnerung, Urteil, Gestaltung, Erkenntnis, Empfinden und Entscheidung.
Deshalb könnte der entscheidende Konflikt des KI-Zeitalters ganz anders aussehen, als wir ihn uns vorstellen.
Vielleicht lautet er nicht: Mensch gegen Maschine.
Vielleicht lautet er: Der Mensch, der seine Fähigkeiten bewahrt, gegen den Menschen, der sie freiwillig abgegeben hat.
Vermutlich werden sehr viele Menschen direkt oder indirekt „Künstliche Intelligenz“ benutzen.
Wir werden Maschinen nutzen, die besser übersetzen, schneller rechnen, gewaltige Datenmengen durchsuchen und +Zusammenhänge erkennen können, die kein Mensch überblickt.
Die entscheidende Frage lautet weniger, ob wir diese Werkzeuge benutzen. Die Frage lautet, was wir ihnen überlassen.
Und hier wird die alte Sage plötzlich unangenehm aktuell: Denn Balin greift nach der mächtigsten verfügbaren Waffe, weil die Situation es verlangt. Genau das hören wir heute ebenfalls:
- Wir müssen KI einsetzen, weil die Konkurrenz es tut.
- Wir müssen automatisieren, weil China automatisiert.
- Wir müssen unsere Kinder früh mit diesen Systemen vertraut machen, weil sie sonst zurückfallen.
- Wir müssen unsere Verwaltungen, Schulen, Unternehmen, Medien und Streitkräfte algorithmisieren, weil wir sonst nicht wettbewerbsfähig bleiben.
- Wir müssen jeden Ort, jeden Menschen, jeden Gedanken jederzeit überwachen, um damit „unsere Demokratie“ vor „Feinden“ zu schützen.
Immer gibt es einen guten Grund, nach der Lanze zu greifen. Und jeder einzelne Grund kann sogar stimmen. Aber gerade das macht die Sache so gefährlich.
Denn große Fehlentwicklungen beginnen selten damit, dass Millionen Menschen gemeinsam beschließen, etwas Schlechtes zu tun. Viel häufiger treffen Millionen Menschen einzeln vollkommen nachvollziehbare Entscheidungen:
- Ein Unternehmer automatisiert, weil sein Konkurrent automatisiert.
- Ein Lehrer erlaubt KI, weil die Schüler sie ohnehin benutzen.
- Ein Schüler benutzt KI, weil alle anderen dadurch bessere Noten bekommen.
- Eine Behörde wertet Bürger automatisiert aus, weil Menschen zu langsam sind.
- Ein Militär entwickelt autonome Systeme, weil der Gegner es ebenfalls tut.
Niemand will „die Ödnis“. Jeder will nur „den nächsten Kampf“ gewinnen.
Ist das nicht der „Schmerzlichste Schlag“ unserer Zeit?
Nicht eine einzige Superintelligenz, die eines Morgens erwacht und die Menschheit unterwirft. Viel wahrscheinlicher ist etwas Alltäglicheres.
Wir übertragen den Maschinen Stück für Stück das Erinnern, Schreiben, Orientieren, Entscheiden, Beobachten, Bewerten und schließlich vielleicht sogar unseren Willen. Und eines Tages stellen wir fest, dass die Maschinen gar nicht unsere Herrschaft an sich reißen mussten. Wir haben sie ihnen übergeben: aus Bequemlichkeit, aus Kostengründen, aus Angst, zurückzufallen.
Die entscheidende Verteidigung gegen diese Entwicklung beginnt deshalb erstaunlicherweise nicht im Rechenzentrum. Sie beginnt in uns Menschen!
Wir sollten gerade deshalb wieder mehr Dinge tun, die unter dem Gesichtspunkt maximaler Effizienz geradezu absurd erscheinen.
- Ein Gedicht auswendig lernen, obwohl man es jederzeit nachschlagen könnte.
- Eine Landkarte lesen, obwohl ein Navigationsgerät den Weg kennt.
- Einen langen Text schreiben, obwohl eine Maschine ihn in Sekunden erzeugen könnte.
- Ein analoges Instrument selbst spielen, obwohl eine Software vollkommenere Töne hervorbringt.
- Den Kriegsdienst zwischen dem 17,5- und 65-ten Lebensjahr noch rechtzeitig vor dem Ausrufen des Spannungsfalles verweigern, obwohl man dann zu einer Musterung gehen muss.
- Einen eigenen Gemüsegarten anlegen.
- Mit Kindern Geschichten lesen.
- Ein Handwerk lernen.
- Ein Feuer machen.
- Einander zuhören.
- Diskutieren, ohne sofort nachzusehen, was eine Suchmaschine für richtig hält.
- Sich wirklich selbst erinnern.
- UND GANZ WICHTIG: ZU GOTT BETEN!
All das erscheint in einer vollständig durchtechnisierten Welt plötzlich ineffizient. Aber vielleicht ist gerade das der eigentliche Wert dieser Tätigkeiten. Denn der Sinn derselben liegt nicht allein in ihrem Ergebnis.
Wer ein Gedicht lernt, besitzt hinterher nicht nur ein Gedicht. Sein Gedächtnis hat gearbeitet.
Wer ein Instrument spielt, produziert nicht lediglich Musik. Er hat Geduld, Wahrnehmung und Körperbeherrschung geübt.
Wer selbst einen Gedanken formuliert, besitzt hinterher nicht nur einen Text. Er hat sich gezwungen herauszufinden, was er eigentlich selbst denkt.
Wer zu Gott betet, vollzieht nicht nur ein Ritual der Stille. Er verbindet sich mit der Quelle, der Schöpferkraft und findet darin Ruhe, Geborgenheit und Hoffnung auch in schweren Zeiten großer Unsicherheit und Verwirrung.
Das ist der Unterschied zwischen einem Werkzeug und einer Prothese. Ein gutes Werkzeug erweitert meine Fähigkeiten. Eine Prothese ersetzt eine verlorene Fähigkeit.
Die große Gefahr besteht darin, dass ich meine ureigensten Fähigkeiten amputiere, nur weil die Prothese bereits auf dem Tisch vor mir liegt.
Vielleicht wird deshalb eine der wichtigsten Tugenden des kommenden Zeitalters die Fähigkeit sein, etwas ganz bewusst nicht zu automatisieren.
Nicht, weil wir technikfeindlich sind. Sondern weil wir wissen, dass manche Anstrengungen ihren Sinn gerade darin haben, dass ein Mensch sie vollbringt.
Unsere Kinder müssen nicht besser rechnen als Computer. Sie müssen verstehen, was Zahlen bedeuten. Sie müssen nicht mehr Informationen speichern als eine Datenbank. Sie müssen lernen, Wahrheit von Propaganda und Täuschung zu unterscheiden. Sie müssen nicht schneller Texte produzieren als eine KI. Sie müssen etwas viel Schwierigeres lernen: einen eigenen Gedanken zu entwickeln.
Und vielleicht müssen auch wir Erwachsenen wieder lernen, was jede große Sage voraussetzt: Dass Macht und Weisheit nicht dasselbe sind. Dass nicht alles, was getan werden kann, getan werden sollte. Dass eine Waffe nicht dadurch gut wird, dass sie mächtig ist. Und dass der Mensch, der nach ihr greift, vorher wissen sollte, wem sie dient.
Die Zukunft der künstlichen Intelligenz wird nicht allein in den Laboren großer Technologiekonzerne entschieden.
Sie entscheidet sich auch an Küchentischen. In Schulen. In Vereinen. In Redaktionen. In Gemeinderäten. In Familien. Und in jedem Augenblick, in dem ein Mensch entscheidet, ob eine Maschine ihm eine Arbeit abnehmen soll – oder eine Fähigkeit.
Vielleicht werden wir die Entwicklung der künstlichen Intelligenz nicht selbst aufhalten können. Wenn wir Glück haben erledigt dies noch rechtzeitig vor weiteren Schäden an der Menschheit ein von der Sonne direkt auf unsere Erde ausgerichteter koronaler Massenauswurf inklusive hochdosiertem EMP für uns. Unser Erdmagnetfeld, welches uns normalerweise Schutz bieten sollte, ist ja auch nicht mehr ganz das, was es im Jahre 1859 beim sog. „Carrington Event“ einmal gewesen war.

Und wenn nicht? Dann können wir selbst noch etwas anderes tun: Wir können verhindern, dass mit jedem Fortschritt der Maschine ein Rückschritt des Menschen verbunden ist. Wir können Werkzeuge schaffen, ohne selbst zu Werkzeugen zu werden. Wir können Maschinen benutzen, ohne ihnen unser Urteil zu überlassen. Und wir können unseren Kindern etwas hinterlassen, das wertvoller sein könnte als jede neue Technologie: die Fähigkeit, auch ohne sie Mensch zu bleiben.
Sir Balin erkannte die Bedeutung der Lanze erst, nachdem er zugeschlagen hatte.
Wir haben einen Vorteil. Unser Schlag ist noch nicht vollendet. Noch können wir fragen.
Nicht nur: Was kann künstliche Intelligenz für uns tun?
Sondern: Was macht sie aus uns?
Und schließlich jene Frage, die vielleicht über jeder mächtigen Technologie stehen sollte: Wem dient sie eigentlich?
Wem dient Peter Thiels „Palantir“ zum Beispiel? Saruman oder Sauron? Jedenfalls sicher nicht den Hobbits!
Die ständige Frage für uns und die Generationen nach uns muss also lauten: Wem dient die Technologie eigentlich?
Denn möglicherweise entscheidet sich daran, ob die Welt, die wir mit diesen Werkzeugen errichten, ein fruchtbares Land wird –
oder eine lebensfeindliche Ödnis.
