IM SÜDHESSISCHEN OTZBERG ENTDECKT MAN DIE WINDKRAFT WIEDER

Ein Kommentar von Chris Barth
Kaum war die Windkraftdebatte im Odenwald etwas leiser geworden, wird die nächste Runde eingeläutet. Im Otzberger Märkerwald sollen nach dem Willen von Grünen und MfO zwei bis vier gigantische Windenergieanlagen entstehen. Was 2017 nach heftiger Diskussion politisch beerdigt wurde, soll neun Jahre später wieder ausgegraben werden.
Begründet wird das mit Klimaschutz, regionaler Energieversorgung, Bürgerbeteiligung – und bemerkenswert offen auch mit Geld. „Pachterlöse tragen zur wirtschaftlichen Konsolidierung der Gemeindekasse bei“, heißt es im Antrag.
Da wird man doch hellhörig!
Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um einen weiteren südhessischen Beitrag zur angeblichen Rettung des Weltklimas. Der heimische Wald wird zugleich zur Einnahmequelle einer hochverschuldeten Kommune. Die Otzberger Grünen (ein lokaler Ableger einer noch immer bundesweit auftretenden Zerstörungssekte namens „Bündnis90/dieGrünenden“) hatten bereits im März mit Pachterträgen von bis zu 200.000 Euro pro Anlage und Jahr geworben.
Man darf deshalb fragen: Wird hier zuerst geprüft, was Natur und Bürgern zugemutet werden kann – oder zuerst gerechnet, was in der Gemeindekasse hängenbleibt?
Besonders bemerkenswert ist ein anderer Satz. „Erhebliche Auswirkungen auf Wohnlagen sind nicht zu erwarten“, heißt es bereits jetzt.
Ach so!
Dabei erklärt derselbe Antrag, dass die fachlichen Untersuchungen zu Natur-, Arten- und Immissionsschutz erst im weiteren Bauleitplanverfahren erarbeitet werden sollen.
Wie kann man das Ergebnis schon kennen, bevor die Untersuchungen abgeschlossen sind?
Genau diese Art politischer Beruhigungssprache kennen die Bürgerinitiativen im Odenwald inzwischen zur Genüge: Erst wird erklärt, alles werde selbstverständlich sorgfältig geprüft. Gleichzeitig werden die erhofften Vorteile schon als Gewissheiten und die möglichen Nachteile als beherrschbare Randerscheinungen präsentiert.
Dabei hatte Otzberg gute Gründe, die Pläne 2017 NICHT weiterzuverfolgen. Schon damals standen Fragen zu Grundwasser, Bodenversiegelung, Waldrodung, Infraschall, Schwarzstorch, Fledermäusen und Wildtieren im Raum. Diese Probleme lösen sich nicht dadurch auf, dass neun Jahre vergangen sind.
Im Gegenteil!
Moderne Anlagen werden größer. Nach den derzeit genannten Dimensionen könnten die Anlagen im Märkerwald rund 270 Meter Gesamthöhe erreichen. Das sind keine Windmühlen. Das sind weithin sichtbare Industrieanlagen.
Und ausgerechnet Otzberg besitzt mit seiner Veste ein Wahrzeichen, das die Gemeinde selbst als weithin sichtbar und landschaftsprägend beschreibt. Wer solche Anlagen in diese Kulturlandschaft stellen will, sollte deshalb nicht nur über Megawatt und Pachteinnahmen sprechen. Er sollte Visualisierungen vorlegen. Sichtachsen untersuchen. Denkmalschutz ernst nehmen. Und den Bürgern zeigen, wie ihre Heimat anschließend tatsächlich aussehen würde.
Hinzu kommen jene Fragen, die im ECHO-Beitrag kaum vorkommen und die Bürgerinitiativen andernorts längst beschäftigen: Rotorblattabrieb und Mikroplastik, mögliche problematische Inhaltsstoffe wie PFAS oder Bisphenol A, Infraschall, Trinkwasser, Artenschutz, Fundamente, Zuwegungen und schließlich der vollständige Rückbau. Über den wissenschaftlichen Stellenwert einzelner Gesundheits- und Stofffragen kann und muss man streiten. Was man nicht tun sollte, ist sie einfach aus der Debatte verschwinden zu lassen.
Und dann wäre da noch die Ökonomie!
Die Gemeinde sieht nur die Pacht. Der Betreiber sieht nur den Ertrag. Doch der Stromverbraucher sieht das gesamte System, welches ER bezahlen darf – entweder direkt über Netzentgelte und Strompreise oder indirekt über für den deutschen Windkraftwahn zweckentfremdete Steuern.
Windkraft liefert, wenn Wind vorhanden ist – nicht wenn Strom gebraucht wird. Eine Binsenweisheit, die sich scheinbar noch nicht bis zu den Otzberger Grünenden herumgesprochen hat. 2025 gab es in Deutschland 573 Stunden mit negativen Großhandelspreisen; gleichzeitig traten tausende Stunden mit Preisen oberhalb von 100 Euro je Megawattstunde auf. Der Ausbau verlangt Netze, Reservekapazitäten und Eingriffe ins Engpassmanagement. Die Bundesnetzagentur prognostiziert dafür allein 2026 Kosten in Milliardenhöhe.
Die Pacht bekommt die Gemeinde Otzberg – eine durchgehende Liquidität des Betreibers über 20 Jahre vorausgesetzt. Die Systemkosten verschwinden dagegen irgendwo in Netzentgelten, Strompreisen und Steuern.
Genau deshalb reicht es nicht, den Bürgern eine Genossenschaftsbeteiligung hinzuhalten und zu erklären, dann würden schließlich „alle profitieren“.
- Wer profitiert wie viel?
- Wer trägt welches Risiko?
- Wer bezahlt Netzausbau und Folgekosten?
- Wie hoch ist die Rückbausicherheit tatsächlich?
- Welche Waldflächen werden dauerhaft benötigt?
- Welche Auswirkungen gibt es auf Wasser und Arten?
- Und wie sieht Otzbergs Landschaft hinterher aus?
Das wären die Fragen, die vor einem politischen Freibrief beantwortet gehören.
Am 17.08.2026 steht der Antrag im Otzberger Gemeindeparlament auf der Tagesordnung. Noch ist also Gelegenheit, aus dem üblichen Verfahren – erst politischer Wille, dann Gutachten, dann angeblich alternativlose Umsetzung – tatsächlich einmal ein ergebnisoffenes Verfahren zu machen.
Denn der Märkerwald ist kein kommunales Sparschwein.
Und die Landschaft rund um die Veste Otzberg ist keine Restfläche, die man industrialisieren darf, nur weil sich damit ein Haushaltsloch etwas angenehmer darstellen lässt.
Eine Kommune kann ihre Finanzen sanieren.
Eine zerstörte Kulturlandschaft bekommt sie nicht zurück.