Beitrag von Mascha, Team „Ärzte für Aufklärung“

Es gibt kein auserwähltes Volk. Jedenfalls findet man im Alten Testament nicht die üblich gewordene Interpretation. Diejenigen von uns, die die Menschen am liebsten in würdigen und unwürdigen teilen und an den Taten statt an der Ethnie urteilen würden, finden sich durch die alten Schriften bestätigt.
Ist es klug, heutzutage solche Aussagen zu tätigen? Genieße ich als Nachkomme von Holocaust-Überlebenden, mehr Meinungsfreiheit? Die Frage ist rhetorisch, die Antwort ist "ja". Und das ist verheerend. Falsch und verheerend in jeder Hinsicht: religiös, sozial, gesellschaftlich und sogar geopolitisch.
Im Jahr 2014 ergriff Dr. Naomi Wolf - ebenfalls eine Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden – den religiösen Aspekt des Konzepts der Auserwähltheit als Teil einer politischen Debatte. Da ich bei weitem nicht so bibelkundig bin wie Naomi, zitiere ich aus ihrem Vortrag , der mir aus dem Herzen spricht.
“…Wenn Sie die Genesis, den Exodus und das Deuteronomium auf Hebräisch lesen, - so wie ich es tue, - dann sehen Sie, dass Gott den Juden/Israeliten Israel nicht "gegeben" hat.
…Eigentlich geht es bei Gottes "Bund" in Genesis, Exodus und Deuteronomium mit dem jüdischen Volk NICHT um eine Ethnie und NICHT um einen Vertrag. ES GEHT UM EINE ART UND WEISE, SICH ZU VERHALTEN.
Er sagt: WENN ihr die Gefangenen besucht ... der Witwe und der Waise gnädig seid ... den Fremden in eurer Mitte aufnehmt ... die Kranken pflegt ... Gerechtigkeit übt und Barmherzigkeit liebt .... und verschiedene andere Aufgaben erfüllt ... DANN WERDET IHR MEIN VOLK SEIN UND DIESES LAND WIRD EURES LAND SEIN.
„Mein Volk" ist also nicht ethnisch - es ist transaktional. Wir sind Gottes Volk nicht von Geburt an, sondern durch eine Verhaltensweise, die ethisch, freundlich und gerecht ist. Und wir hören auf, "Gottes Volk" zu sein, wenn wir nicht ethisch, freundlich und gerecht sind. Und JEDER, der ethisch, gütig und gerecht ist, ist laut Gott in der Genesis "Gottes Volk".
Für gläubige Menschen, die sich zu den drei Weltreligionen bekennen, sollte diese Richtigstellung von großer Bedeutung sein. Und nicht zuletzt fördert dieser Gedanke das religionsübergreifende Gute und beseitigt den Konflikt, den der Anspruch, auserwählt zu sein, unweigerlich schürt.
Diese Richtigstellung ist bereits aus der unbestreitbaren Maxime erforderlich, dass nur die Wahrheit frei macht. Und die Wahrheit ist das erste Opfer in jedem Krieg. Es scheint mir, dass diese Tatsache zu der Schlussfolgerung führt, dass es keine Kriege gäbe, wenn wir in Wahrhaftigkeit leben könnten, leben dürften.
Ich glaube, dass es, neben den organisierten Kriegen der Neuzeit, die Perversion der Religionen war, die die meisten Menschenleben gefordert hat und mancherorts noch immer fordert. Die jüdische Religion hat sich zwar keiner Kreuzzüge oder des Dschihad schuldig gemacht, aber diese eine Fehlinterpretation des Judentums wurde besonders erfolgreich für den Angriff auf unsere Wahrnehmung ausgenutzt, für den Informationskrieg: Unter Berufung auf Schuld und Reue wird das Gute im Menschen auf perfide Weise gegen ihn missbraucht. Es liegt mir fern, die Geschehnisse der 30er/40er Jahre in Deutschland zu leugnen, zu relativieren oder zu verharmlosen oder sonst irgendetwas, was als Straftat gilt. Wichtig ist mir aber die Intention der entsprechenden Gesetzesparagraphen: Es ist eine Sache, wenn Schuld und Reue ein Volk durch Erkenntnis stärken, eine andere - wenn das Volk dadurch bewusst gebrochen wird.
Es ist etwas grundlegend Falsches geschehen oder umgesetzt worden: Damals Opfer, stehen die Juden heute unter besonderem Schutz als Ausgleich für das zugefügte Leid. Ist das in Ordnung? Ich glaube nicht. Ausgrenzung, wie damals, und Exklusivität, wie heute, sind hässliche Zwillinge. Wer ernsthaft gegen die Ausgrenzung einer Minderheit ist, muss auch gegen die Exklusivität dieser Minderheit sein. Jede Phobie hat ihre Wurzeln in der Ausgrenzung, sei es, weil man schwul ist, sei es, weil man fettleibig ist, sei es, weil man Jude ist, unabhängig davon, ob die Ausgrenzung durch Ausschluss oder durch Exklusivität zum Ausdruck kommt.
"Ausgewählt für was?" fragte Vera Sharav während einer unserer Unterhaltungen. "Um getötet zu werden? Um Absolution zu erhalten?" Ausgewählt zu sein als eine Verpflichtung, als eine Art, sich zu verhalten, schließt beide Optionen aus, ungeachtet der ethnischen Zugehörigkeit, der Hautfarbe und der sexuellen Orientierung. Und so sollte es auch sein.
Matthäus 7:16-20: "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen". Das ist einfach und essentiell.