Wie glaubwürdig sind die Geschichten über den Krieg im Nahen Osten?

Ein Gastbeitrag der Exil-Iranerin Fatemeh A.
Kriege beginnen selten mit Bomben. Sie beginnen mit Geschichten. Mit Schlagzeilen, mit moralischen Gewissheiten, mit der beruhigenden Botschaft, dass „wir“ auf der richtigen Seite stehen. Auch der Konflikt um den Iran wird uns heute als moralisch eindeutiges Drama erzählt: hier der aggressive, fanatische Staat, der angeblich kurz vor der Atombombe steht – dort der Westen, der angeblich gezwungen ist, präventiv einzugreifen, um eine Katastrophe zu verhindern.
Aber stimmt diese Geschichte wirklich? Oder erleben wir gerade eine neue Variante eines alten Drehbuchs?
Die erste Frage: Wer erzählt die Geschichte?
Bevor man über Fakten spricht, lohnt sich ein Blick auf die Bühne. Die meisten Informationen über den Nahen Osten erhalten Menschen in Europa aus wenigen großen Medienhäusern, Agenturen und Regierungsquellen. Diese Institutionen sind nicht neutral. Sie stehen in politischen, wirtschaftlichen und militärischen Netzwerken.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie frei ist eine Öffentlichkeit, wenn ihre Informationen aus denselben Machtzentren stammen, die Kriege führen oder unterstützen?
Schon einmal hat uns ein geschlossenes Medien-Narrativ in einen Krieg geführt. 2003 erklärten westliche Regierungen, Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen. Die meisten Medien verbreiteten diese Behauptung fast unkritisch. Heute wissen wir: Die Waffen existierten nicht.
Die Frage drängt sich auf: Warum sollte man ausgerechnet diesmal blind vertrauen?
Die zweite Frage: Wie real ist die iranische Atombombe?
Das zentrale Argument für militärischen Druck auf Iran lautet seit Jahrzehnten: Teheran stehe kurz davor, Atomwaffen zu bauen. Doch die Fakten sind komplizierter.
2015 wurde das sogenannte JCPOA-Abkommen geschlossen. Es verpflichtete Iran zu massiven Einschränkungen seines Atomprogramms: drastische Reduzierung von Uranbeständen, begrenzte Anreicherung und umfassende Kontrollen durch die Internationale Atomenergiebehörde. (Wikipedia)
Die IAEO bestätigte jahrelang, dass Iran diese Verpflichtungen erfüllte. (Atomwaffen A-Z)
Erst nachdem ausgerechnet die USA 2018 einseitig aus dem Abkommen ausstiegen, begann Teheran Schritt für Schritt, diese Beschränkungen wieder aufzuheben. (IAEA)
Heute ist die Lage widersprüchlich: Iran hat tatsächlich unbekannte Mengen angereicherten Urans produziert, die theoretisch weiter zu waffenfähigem Material verarbeitet werden könnten. (AP News)
Doch gleichzeitig bestreitet die iranische Regierung weiterhin, ein militärisches Programm zu verfolgen. Internationale Experten streiten darüber, wie weit das Land tatsächlich von einer Bombe entfernt ist. Aber die Darstellungen der iranischen Führung erscheinen plausibel. Schließlich ist der Iran ideologisch schon immer gegen Atomwaffen eingestellt gewesen. Der oberste religiöse Führer hatte sogar eine Fatwa erlassen, die den Besitz solcher Waffen als schwere Sünde verurteilte. Ironischerweise sind beim unprovozierten Erstschlag der USA gegen den Iran gerade diejenigen Personen ermordet worden, die innerhalb des Irans gegen Atomwaffen argumentiert hatten.
Geopolitische Kommentatoren vermuten deshalb hinter der militärischen Eskalation USAs und Israels nicht etwa die Verhinderung einer iranischen Atombombe, sondern der Versuch, den iranischen Staat zu destabilisieren oder zu zerstören.
Die diplomatische Antwort lautet also: Die Gefahr einer iranischen Atombombe lässt sich nicht negieren – aber sie ist politisch sehr umstritten, technisch komplex und weit weniger eindeutig als oft dargestellt.
Die dritte Frage: Wer besitzt im Nahen Osten tatsächlich Atomwaffen?
Diese Frage taucht in vielen westlichen Debatten kaum auf.
Denn es gibt tatsächlich einen Staat im Nahen Osten, der mit hoher Wahrscheinlichkeit über ein beträchtliches Atomarsenal verfügt – und der weder den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet noch internationale Kontrollen akzeptiert: und das ist ausgerechnet Israel!
Offiziell schweigt Israel über sein Programm. International wird jedoch seit Jahrzehnten davon ausgegangen, dass das Land mehrere Dutzend bis über hundert atomare Sprengköpfe besitzt.
Warum wird diese Tatsache selten thematisiert, während die hypothetische iranische Bombe permanent Schlagzeilen macht?
Diese doppelte Perspektive wirft eine unbequeme Frage auf: Handelt es sich bei der Atomdebatte wirklich um Sicherheit – oder um geopolitische Machtspiele?
Die vierte Frage: Wie neutral ist die moralische Empörung?
Im westlichen Diskurs wird der Konflikt meist als Kampf zwischen Demokratie und Autoritarismus beschrieben. Doch Moral wirkt glaubwürdig nur dann, wenn sie universell angewendet wird.
Wenn zivile Opfer in einem Land (Israel) große Schlagzeilen auslösen, während ähnliche Opfer anderswo (Palästina, Libanon, Iran, Jemen) kaum Beachtung finden, entsteht ein Problem.
In der Berichterstattung über Gaza wurde häufig kritisiert, dass palästinensische Opfer weniger Aufmerksamkeit erhalten als israelische. Ähnliche Vorwürfe tauchen auch in der Debatte über Iran auf: Angriffe auf zivile Infrastruktur, Schulen oder Krankenhäuser werden unterschiedlich bewertet – je nachdem, wer sie ausführt. Ein zentraler Vorwurf von Kommentatoren richtet sich gegen die selektive Berichterstattung der westlichen Medien. Beispielsweise wurde der gezielte Angriff auf eine Mädchenschule in Teheran mit US-amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörpern, bei dem etwa 165 Schülerinnen ermordet wurden, größtenteils verschwiegen (Infos dazu u.a. hier). Wären dagegen israelische Opfer zu beklagen gewesen, hätte dies vermutlich alle Titelseiten dominiert.
Die unbequeme Frage lautet daher: Sind Menschenleben im geopolitischen Diskurs wirklich gleich viel wert?
Die fünfte Frage: Welche Interessen stehen im Hintergrund?
Internationale Konflikte entstehen selten aus moralischen Prinzipien allein. Sie entstehen aus Interessen: Macht, Ressourcen, Einflusszonen.
Der Iran liegt in einer strategisch entscheidenden Region. Das Land kontrolliert Zugänge zum Persischen Golf, besitzt enorme Energiereserven und spielt eine Schlüsselrolle im geopolitischen Gleichgewicht zwischen USA, Russland, China und dem Nahen Osten.
Ein destabilisierter Iran könnte die gesamte Region verändern. Es könnte neue Allianzen schaffen – oder Chaos erzeugen.
Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu fragen: Welche geopolitischen Ziele verfolgen die verschiedenen Akteure tatsächlich?
Die sechste Frage: Wiederholt sich die Geschichte?
Die Geschichte des Nahen Ostens ist voller Interventionen.
1953 wurde der demokratisch gewählte iranische Premierminister Mossadegh durch einen von CIA und britischem Geheimdienst unterstützten Putsch gestürzt. Der Grund: Er wollte die Kontrolle über iranisches Öl verstaatlichen!
Der daraus entstandene autoritäre Schah-Staat führte schließlich zur islamischen Revolution von 1979, hinter der ebenfalls Kräfte des Westens vermutet werden, da der Schah zumindest am Ende seiner autokratischen Herrschaft zu deutlich Israel kritisierte (siehe auch meinen früheren Gastbeitrag hier).
Dieses historische Kapitel zeigt: Außenpolitik folgt selten moralischen Prinzipien – sie folgt Interessen. Punkt!
Die unbequeme Schlussfrage
Vielleicht liegt das eigentliche Problem gar nicht darin, dass Medien lügen. Vielleicht liegt es darin, dass sie zu einfache Geschichten und diese auch noch lückenhaft erzählen.
Die Welt wird aufgeteilt in Helden und Schurken, Demokratie und Terror, Gut und Böse. Solche Narrative funktionieren gut für Schlagzeilen. Aber sie erklären selten die Realität.
Die Wahrheit ist komplizierter:
Die Islamische Republik Iran ist ein autoritärer Staat mit einer sehr problematischen Innenpolitik. Gleichzeitig hat der Westen eine lange Geschichte von Interventionen in der Region. Israel ist (zumindest vordergründig) ein demokratischer Staat – und zugleich eine militärische Macht mit eigenem Atomarsenal.
Und Medien sind nicht nur Beobachter dieser Konflikte, sondern Teil ihrer politischen Umgebung.
Die entscheidende Frage bleibt daher:
Wer erzählt uns die Geschichte des Nahen Ostens – und warum genau diese Version?
Vielleicht ist die wichtigste Lektion aus den Kriegen der letzten Jahrzehnte nicht, dass eine Seite immer recht hat.
Sondern dass die Wahrheit im Krieg selten auf der Titelseite steht.
Anm.d.Red.: Lesen Sie zu den gesamten Hintergründen auch Peter Obornes Buch „Complicit: Britain’s Role in the Destruction of Gaza“