Ein Meinungsartikel von KLARTEXT Herausgeber Chris Barth über mutige Frauen, schweigende Städte und eine öffentliche Debatte im Ausnahmezustand.

Wenn Entsetzen kriminalisiert wird
Was macht man, wenn junge Mädchen begrapscht werden – ausgerechnet in einem öffentlichen Bad, das eigentlich ein Ort der Freizeit, des Vertrauens, der Sicherheit sein soll?
Man müsste doch annehmen: Die Empörung ist groß, die Anteilnahme ebenfalls. Das Schweigen wird gebrochen. Die Verantwortlichen stehen Rede und Antwort. Die Opfer bekommen Schutz und Würde zurück.
Nicht so in #Gelnhausen!
Dort geschahen die Übergriffe. Mädchen zwischen 11 und 16 Jahren wurden bedrängt, belästigt – offenbar systematisch – „im Rudel“ begrabscht, und zwar von mehreren Männern mit syrischer Staatsbürgerschaft und z.T. unklarem „Schutzstatus“. Die Reaktion des Bürgermeisters? Er sprach bei der anschließenden öffentlichen, z.T. erregter Diskussion darüber von „Sommerhitze“. Als wäre das eine Entschuldigung. Als wäre die Empörung ein Fieber, das man ausschwitzen könne.
Schweigende Mehrheiten – und ein Klima der Angst
Die Demonstration #frauenlaufen war eine Antwort auf diesen Zustand: Etwa 80 Menschen – vor allem Frauen – liefen entschlossen und würdevoll vom Rathaus zum Barbarossabad und zurück.
Ihre Botschaft: Wir wollen kein Klima des Wegschauens mehr. Wir wollen Schutz. Wir wollen gehört werden. Wir sind nicht links, nicht rechts, sondern entsetzt! Doch was vielen auffiel: Die Mehrheit der Bevölkerung blieb eher stumm. Schaute zu. Blieb fern – obwohl viele im vom Auto aus, aus den Fenstern und der Ferne Zustimmung zeigten. Warum?
- Weil es offenbar riskant geworden ist, sich öffentlich gegen Gewalt zu stellen, wenn dabei auch Migration zur Sprache kommt.
- Weil schon das Wort „Remigration“ genügt, um in den Verdacht des Extremismus zu geraten.
- Weil eine differenzierte Kritik an realen Problemen sofort in die Nähe von Hetze, Hass und rechter Gesinnung gerückt wird.
In Gelnhausen zeigte sich ein Phänomen, das längst bundesweit virulent ist: Nicht mehr die Taten sind der Skandal – sondern das Ansprechen der Taten.
Wenn Berichterstattung zu Deutungshoheit wird
Die GNZ, das lokale „Leitmedium“, nahm sich der Sache auf ihre Weise an – mit moralischem Zeigefinger, nicht mit journalistischer Neugier.
Was wurde berichtet?
- Dass Teilnehmer der Demo aus dem Rhein-Main-Gebiet kamen.
- Dass einige Autos keine „Gelnhäuser Kennzeichen“ hatten.
- Dass irgendwo im Zug auch Mitglieder der Partei „Die Heimat“ auftauchten.
- Dass auf Plakaten von „Remigration“ die Rede war.
Was nicht oder nur marginal berichtet wurde:
- Die ursprünglichen Taten.
- Die Angst der Betroffenen.
- Die tiefe Unsicherheit von Bürgerinnen und Bürgern, die sich seit Jahren nicht mehr trauen, das Thema Gewalt durch importierte Männlichkeitsbilder auch nur anzusprechen.
Stattdessen dominierte ein bekanntes Narrativ: Instrumentalisierung, Querdenker, rechte Unterwanderung, Kontaktschuld.
So wird aus einem Anliegen – Schutz und Sicherheit für Mädchen – eine vermeintliche "rechte Aktion". So wird aus berechtigtem Entsetzen ein Verdachtsmoment und schließlich eine Art Zielmarkierung.
Die Banalisierung von Gewalt – und das Ausblenden struktureller Probleme
Die Reaktion vieler offizieller Stimmen bleibt stereotyp:
- „Auch Deutsche verüben Übergriffe.“
- „Die absolute Statistik zeigt…“
- „Nicht alle Migranten sind so.“
Das mag stimmen. Aber es geht am Thema vorbei.
Denn die Tätergruppe in diesem Fall war nicht zufällig, sondern Ausdruck eines sozialen Problems, das lange verdrängt wurde: Die Verachtung von Frauenrechten durch patriarchale, oft religiös-kodierte Männlichkeitskulturen, die sich zunehmend im öffentlichen Migrationsraum bemerkbar machen – und gegen die viele Frauen alleine dastehen.
Wer das Problem benennt, will nicht „pauschalisieren“ – er will endlich differenziert über Ursachen, Prävention und Konsequenz sprechen dürfen.
Ohne moralische Keule. Ohne Angst. Ohne Stigma.
Es braucht eine neue Ehrlichkeit
Die Gesellschaft steckt in einer gefährlichen Zwickmühle:
- Schweigt man, schützt man Täterstrukturen.
- Spricht man, wird man diffamiert.
- Demonstriert man, wird man in die Nähe von Radikalen gerückt.
- Ist man radikal, vereinnahmt man die berechtigte Kritik der Anständigen.
So entsteht ein toxischer Kreislauf: Ohnmacht. Framing. Radikalisierung. Weitere Ohnmacht.
Wer das durchbrechen will, muss differenzieren können:
- Ja, man kann durchaus kritisieren, wenn extremistische Kräfte (egal ob von rechts oder von links) legitime Anliegen zu kapern versuchen – braucht sich aber auch nicht darüber wundern, wenn „die Mitte“ einfach zu jedem Missstand sich jeden Widerspruch selbst verbietet und Kundgebungen fernbleibt.
- Und es ist ebenso schlimm, wenn legitime Anliegen von Frauen wegen der schieren Anwesenheit von Menschen, deren politische Meinung man selbst bei anderen Themen nicht teilt, diskreditiert werden.
Fazit: Wahrheit braucht Mut – und Schutzräume
Es braucht Mut, über Gewalt zu sprechen, wenn diese ein sensibles politisches Feld berührt.
Mut, sich auf die Straße zu stellen. Mut, sich weder vereinnahmen noch einschüchtern zu lassen.
Die Wahrheit darf weder rechts noch links sein. Sie darf nicht parteigebunden sein. Sie darf nicht moralisch sanktioniert werden. Sie muss gesagt, gehört und politisch ernst genommen werden.
Wer für Mädchen einsteht, die im Freibad bedrängt wurden, steht nicht „rechts“.
Wer für Frauen kämpft, kämpft nicht gegen Menschlichkeit – sondern für sie.
Wer schweigt, schützt nicht.
Wer warnt, hetzt nicht.
Wer läuft, handelt.

Anm.d.Red.: Die beiden Redebeiträge von der Auftakt- und Abschlusskundgebung von #frauenlaufen können Sie hier ansehen: https://cutt.ly/UrUsuXNm