Ein ganz normaler AfD-Infostand…

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Ein ganz normaler AfD-Infostand…

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…fand an einem Samstagnachmittag in einem sogenannten Problemviertel in Darmstadt statt. Es war ein milder Sommertag, ohne große Hitze, ohne Regenschauer – unspektakulär. Ich war gerade auf dem Heimweg von der Arbeit, als mir ein Fahrzeug der Stadtpolizei auffiel. Es stand neben einer auffälligen Menschenmenge. Da fragte ich mich unwillkürlich: Was ist denn da wieder los? Schließlich ist Polizeipräsenz hier nichts Seltenes.

Schon wenige Meter weiter sah ich den Grund: Ein Infostand der AfD – ein einfacher Pavillon – aufgebaut vor der seit Jahren geschlossenen Sparkassenfiliale an der Ecke Gruberstraße/Bartningstraße in Darmstadt-Kranichstein.

Ich blieb kurz stehen und fragte mich: Seit wann braucht es eigentlich Polizeischutz, wenn eine Partei einen Infostand macht? Warum sehe ich nie solche Polizeipräsenz bei den Ständen von SPD, Grünen oder CDU – also den Parteien, die hier in Darmstadt in Stadtregierung und Verwaltung fest verankert sind?

Und noch etwas fiel auf: Eine Gruppe von etwa 40 bis 50 Personen hatte sich zusammengefunden – aber nicht, um zu informieren oder zu diskutieren, sondern um die vier bis sechs Standbetreiber der AfD lautstark zu beschimpfen. Über zwei Stunden hinweg wurde mit Megafonen und Lautsprechern skandiert. Slogans wie „Nazis raus!“ oder „Faschisten haben hier nichts verloren!“ wurden in Endlosschleife wiederholt, während vom AfD-Stand keinerlei vergleichbare Lautstärke oder Provokation ausging.

Ich fuhr erst einmal nach Hause, wechselte meine Kleidung, zog ein T-Shirt an, das mich als „ungeimpft“ kenntlich machte, und ging zurück. Ich wollte mir ein eigenes Bild machen.

Am Stand angekommen sprach ich zwei der AfD-Aktivisten an: „Muss es wirklich sein, dass überall, wo die AfD auftaucht, sofort eine Gegendemonstration entsteht? Gab es je eine AfD-Veranstaltung ohne Gegendemo?
Die Antwort kam trocken, mit einem Hauch bitteren Humor: „Nein, nie“, sagte der eine. Der andere ergänzte: „Das sind alles unsere Fans. Die haben sonst keine Aufgabe im Leben.
Ich sagte, dass ich es traurig finde, wie feindselig Menschen aufeinander losgehen, statt miteinander zu reden.

Danach ging ich die paar Schritte hinüber zur Gegenseite. Zwei Frauen skandierten gerade wieder „Nazis raus!“. Ich fragte sie:
Was ist für Sie Faschismus – und wo sehen Sie hier Faschisten?
Beide zeigten stumm auf den Stand.
Was genau haben die Menschen dort getan, um so bezeichnet zu werden?
Eine Frau sagte knapp: „Mit Ihnen rede ich nicht. Sie kommen von denen.
Ich erwiderte: „Ich gehöre nicht zur AfD. Ich bin lediglich ein Passant und interessiere mich für die Vorgänge hier.
Darauf eine Stimme aus dem Hintergrund: „Was Sie sind, erkennt man ja an Ihrem T-Shirt.
Ich: „Heißt das, wer nicht geimpft ist, ist automatisch ein Nazi oder Faschist?
Keine Antwort.

Ich wandte mich an die andere Frau und fragte: „Wollen Sie mir erklären, warum Sie hier demonstrieren?
Weil die AfD gegen das Grundgesetz ist. Haben Sie deren Wahlprogramm gelesen? Da steht Faschistisches drin.
Ich: „Ja, habe ich. Und auch die Programme anderer Parteien. Ich sehe da nichts, was eindeutig verfassungsfeindlich wäre.
Sie: „Die wollen alle Ausländer abschieben!
Ich: „Haben die das hier gesagt? Wissen Sie das aus erster Hand?“ Wieder blieb die Antwort aus.

Dann fielen mir Kinder auf, die laut mit skandierten. Ich fragte eine der Demonstrantinnen:
Meinen Sie, die Kinder verstehen, was ‚Nazis‘ oder ‚Faschisten‘ sind? Finden Sie es richtig, sie in diese Auseinandersetzung einzubinden?"
Auch hier: keine Reaktion, stattdessen gezieltes Ignorieren.

Ich ging ein Stück weiter in Richtung Grundstraße – heute Mirjam-Pressler-Straße – und erkannte dort eine Nachbarin mit türkischem Hintergrund, die im Zentrum eine Reinigung betreibt. Auch sie rief laut mit: „Nazis raus!
Ich sprach sie an: „Wo sehen Sie hier Nazis? Die gab es von 1933 bis 1945. Das hier ist doch etwas anderes.
Sie zeigte wortlos auf den Stand.
Eine weitere Frau mischte sich ein: „Das sind Faschisten! Die wollen alle abschieben!
Ich: „Nach 1945 sind viele Nazis in die CDU eingetreten. Dort fanden sie politische Heimat – das ist historisch belegt und sogar auf Wikipedia nachlesbar.
Sie wirkte irritiert, winkte aber ab.
Die Reinigungskraft sah mich an: „Ich kenne Sie doch irgendwoher…?“ Ich: „Wir sind Gartennachbarn.
Sie erinnerte sich. Da sagte die andere Frau: „Sie hat so viele Kunden – da kann man sich nicht an jeden erinnern.“ Der Ton war seltsam, beinahe wie ein Versuch, ihre Bekanntschaft mit mir zu relativieren – als wäre schon das ein Makel.

Kurz darauf traf ich den Mann der Nachbarin. Ich grüßte freundlich: „Ich habe eben mit deiner Frau gesprochen.
Er: „Ich wollte nur schauen, was hier los ist.
Ich: „Ich verstehe nicht, warum man die wenigen AfD-Leute so laut anschreit, anstatt mit ihnen zu diskutieren.
Er: „Ja, das ist falsch. Man sollte reden. Aber ich muss jetzt los, habe einen Termin.

Inzwischen drängte ein Vertreter der Sparkasse auf das Zusammenräumen des Stands – wegen „Privatgelände“. Wohlgemerkt: Das Gebäude ist seit Jahren leer. In der Nähe hörte ich ein Gespräch: Ein Mann mit Migrationshintergrund sprach ruhig mit einem AfD-Aktivisten. Es ging um eine Aussage: „Ich weiß, wo du wohnst“, die angeblich gefallen war. Der Mann fühlte sich bedroht.
Er erzählte, dass er in seinem Heimatland verfolgt, geschlagen und in Angst gelebt habe.
Der AfD-Mann konterte: „Ich lasse mich hier zwei Stunden anschreien und beleidigen. Muss ich das hinnehmen?
Der Migrant: „Wer sich politisch äußert, muss das aushalten. Oder etwas anderes machen.
Ich mischte mich ein: „Gilt das auch für Beleidigungen?
Der Mann: „Nein. Das ist nicht in Ordnung. Sie sollten Anzeige erstatten.
Der AfD-Vertreter: „Haben wir – mehrfach. Aber es wurde nichts unternommen.
Ein anderer AfD-Aktivist deutete auf einen Mann mit Megafon: „Der verfolgt mich seit Jahren bei jeder Veranstaltung – beleidigt mich regelmäßig. Der ist von der SPD.
Der Migrant sagte: „Er ist hier nicht als SPD-Vertreter zu erkennen.“ Und er hatte recht: keine Parteisymbole, keine Kennzeichen – genauso wenig wie die AfD-Leute welche trugen.
Er betonte: „Ich diskutiere nur. Ich spreche nicht mit denen.“ Das gefiel mir – denn Diskussion ist der einzige Weg.

Wenig später, an der Ampel Richtung Süden, rief mir jemand zu: „Verpiss dich – deine Leute sind weg!
Ich: „Ich bin Anwohner und bleibe, solange ich will.
Hier will dich keiner haben!
Ich: „Das ist mir gleich – ich bleibe trotzdem.
Ein anderer junger Mann grinste: „Euch Faschisten will hier keiner.
Ich: „Was habe ich getan, um als solcher zu gelten?
Er: „Ich rede nicht mit Ihnen.
Ich: „Aber Sie haben mich doch angesprochen…“ – doch es kam nichts mehr.

Ich ging zurück zum Einkaufszentrum. Dort sah ich meinen Nachbarn, wie er einem mutmaßlichen Sparkassenmitarbeiter die Hand schüttelte. Ich stieg ins Auto und fuhr nach Hause.

All das – Gespräche, Szenen, Eindrücke – passierte innerhalb von etwa 20 Minuten.

Ich bin sehr gespannt, wie sich beim nächsten Gartenzauntreffen das Verhältnis zu meinen Nachbarn gestalten wird. Bisher war es gut. Wir haben Essen getauscht. Meine Enkel durften auf ihrer Schaukel spielen. Und plötzlich steht zwischen uns: Politik.

Gastautor: Jörg aus Darmstadt