Windkraftmonster zerstören unsere heimischen Wälder – der bürgerliche Widerstand wächst
Ein Leitartikel von Chris Barth – 25 Jahre Berufserfahrung in der Energiewirtschaft
Am Anfang steht fast immer derselbe Satz: "Wir sind nicht grundsätzlich gegen alles." Und am Ende steht fast immer dieselbe Erfahrung: Man wird trotzdem behandelt, als sei man ein Störfaktor. Als sei schon der Einwand, ein Wald könnte mehr sein als eine freie Industriefläche, Ausdruck von Rückständigkeit. Als habe der Bürger gefälligst zu nicken, wenn ignorante Bürgermeister, Landräte, Regierungs- und Ministerpräsidenten in unheilvoller Allianz mit mafiös daherkommenden Windkraftlobbyisten über seinen Kopf hinweg entscheiden.
Genau hier beginnt die Geschichte vieler Bürgerinitiativen – nicht nur in Hessen – die auf den ersten Blick nur lokale Gruppen sind – und in Wahrheit zu Symbolen eines viel größeren Konflikts geworden sind: BI Winterstein im nördlichen Taunus und AG Heubach Liebe im vorderen Odenwald. Zwei Regionen, zwei Landschaften, zwei unterschiedliche Ausgangslagen. Aber derselbe Eindruck: Erst wird geplant, dann beschleunigt, dann beschwichtigt. Und wer widerspricht, gilt schnell als verdächtig.
Auf der Website der BI Winterstein ist von einer „existentiellen Bedrohung“ die Rede: für Heilwald, Quellen und Gesundheit, für den Heilbad-Status von Bad Nauheim, für Brunnen und Wasserschutzräume. Die Initiative verweist auf 17 geplante Anlagen, auf ein erhebliches Gefahrstoffvolumen, auf offene Fragen zur Geologie, zu Gutachten und zur finanziellen Stabilität des Investors. Sie beschreibt das Projekt als Entscheidung „über unsere Köpfe hinweg“ und kritisiert ausdrücklich Defizite bei Transparenz und Bürgerbeteiligung. (bi-winterstein.de)
Die AG Heubach Liebe formuliert ihren Widerstand anders, aber nicht weniger deutlich. Auf ihrer Website verweist sie auf sechs geplante Windkraftanlagen in den Vorranggebieten 2-92 und 2-95, auf Veranstaltungen mit Betreibern, Behörden und Experten, auf Einwendungen und auf ihre „20 Thesen“ mit aktualisierten Zahlen. Der Protest ist dort längst nicht mehr bloß ein Nein auf dem Marktplatz. Er ist organisiert, dokumentiert und öffentlichkeitsfähig. (heubach-liebe.de)
Wer diese beiden Initiativen vorschnell als klassische „Dagegen“-Gruppen abtut, macht es sich zu einfach. Denn ihr Protest speist sich nicht aus Abstraktion, sondern aus Ortskenntnis: aus konkreten Wegen, Quellen, Waldstücken, Blickachsen, Schutzräumen. Der Winterstein ist für Kerstin Dutiné nicht irgendein Fleck auf der Karte, sondern ein „Herzensgebiet“. Der Moment, in dem sie aktiv wurde, kam, wie sie sagt, fast zufällig – aber die Motivation wurde klar, sobald sie sich eingelesen hatte: „Die Heilquellen müssen geschützt werden.“
Auch im Odenwald beginnt der Widerstand nicht mit Ideologie, sondern mit persönlicher Erfahrung. Gerade deshalb ist die Stimme von André Leers so aufschlussreich. Er war vor Jahren selbst ein entschiedener Befürworter der Windkraft, saß als Kommunalpolitiker im Stadtparlament und wollte Bürgergenossenschaften mittragen. Erst später, sagt er, sei er nach tieferer Beschäftigung mit dem Thema umgeschwenkt: „Die ideologische Verblendung ist den Fakten gewichen.“ Genau dieser Satz trifft einen Nerv. Denn er beschreibt nicht nur seinen eigenen Wandel, sondern auch das Gefühl vieler Bürger, die sich von Politik und Medien nicht ernstgenommen fühlen.
Der Leitkonflikt lautet deshalb nicht einfach: Windkraft ja oder nein? Er lautet: Darf Landschaft in Deutschland nur noch unter dem Gesichtspunkt technischer Verwertbarkeit betrachtet werden? Darf ein Wald nur noch so lange Wald sein, bis jemand errechnet hat, dass er sich energetisch nutzen lässt? Darf eine Quelle, ein Heilwald, ein Naherholungsgebiet, ein alter Höhenzug mit einem Federstrich in ein „Vorranggebiet“ verwandelt werden – und jede Gegenrede gilt dann als irrational?
Die Bürgerinitiativen beantworten diese Frage mit einem klaren Nein. Nicht, weil sie Maschinen hassen. Nicht, weil sie Fortschritt fürchten. Sondern weil sie etwas verteidigen, das in der Energiewende-Debatte fast vollständig aus dem Vokabular verschwunden ist: Landschaft als Lebensraum, nicht als Restfläche.
Wer die monströsen Dimensionen der modernen Windindustrie begreifen will, muss sich nur diesen Vergleich ansehen: Ein Linienbus wirkt daneben wie ein Spielzeug, eine ausgewachsene Buche wie Buschwerk und selbst ein 150 Meter hoher Funkturm nur noch wie ein Vorbau jener bis zu 400 Meter hohen Stahlgiganten, die künftig über Hessens Wälder herrschen sollen.

Besonders deutlich wird dies alles in Heubach. Dort berichten die Aktivisten nicht zuerst von negativen CO₂-Bilanzen, sondern von einem der längsten Waldwege vor Ort, von zehn Kilometern Trasse mitten durch den Wald, von großen gerodeten und unbewaldet bleibenden Flächen, von 33 Quellen und von der Ernüchterung, wie wenig Resonanz selbst solche konkreten Hinweise oft auslösen. Viele Menschen, so schildert die Initiative, seien im ersten Moment erschüttert – und griffen dann doch wieder zum Totschlagargument: „Wir brauchen doch den grünen Strom. Oder bist Du etwa ein Putin-Versteher?“
Damit ist der zweite Kern des Konflikts benannt: Die moralische Erpressung des Einwands. Wer gegen Windkraft im Wald argumentiert, wird nicht nach seinen Gründen gefragt, sondern nach einem genauen Ersatzplan. Er soll sich rechtfertigen, als hätte allein er die Verantwortung für Versorgungssicherheit, Industriepolitik und den Klimahype zu tragen. Projektierer, Verwaltungen und politische Verfechter dieser Anlagen müssen sich diese Frage erstaunlich selten in derselben Schärfe gefallen lassen.
Dabei sind auch die wirtschaftlichen Einwände der Initiativen keineswegs bloß Gefühl oder Kulturpessimismus. Im KLARTEXT-Videopodcast mit den beiden Initiativen wird mehrfach auf aus ihrer Sicht verzerrte Anreizsysteme verwiesen: garantierte Vergütungen, zusätzliche staatliche Zuschüsse bei niedrigen Börsenpreisen, hohe Ausbaukosten bei Netzen und Trassen sowie das Risiko, dass Kommunen und Eigentümer am Ende auf den Rückbaukosten sitzenbleiben könnten. Die Heubach-Vertreter sprechen ausdrücklich die Diskrepanz zwischen hinterlegten Sicherheiten und tatsächlichen Rückbaukosten an und schildern die Sorge, dass Betreiberstrukturen und niedrige Bürgschaften das Risiko auf die Allgemeinheit verlagern.
Auch Winterstein stellt die wirtschaftliche Seite in den Mittelpunkt: Dort wird nicht nur über Natur und Wasser gesprochen, sondern auch über offene Gutachten, fehlende Genehmigungen, Netzanschlussfragen und die finanzielle Verfassung des Projektentwicklers. Auf der Website wird offen gefragt, ob es verantwortbar sei, eine so sensible Region einem Vorhaben auszusetzen, wenn zugleich Zweifel an der wirtschaftlichen Stabilität des Investors und an der rechtlichen Transparenz bestehen.
Und im Gespräch schildert Kerstin Dutiné zusätzlich einen Punkt, den viele Bürger offenbar gar nicht auf dem Schirm haben: dass selbst dort, wo ein Projekt politisch als beschlossen erscheint, Trassen und Umspannwerk nicht zwangsläufig geklärt sein müssen.
Damit kommt ein dritter Aspekt ins Spiel: das Demokratiedefizit.
Beide Initiativen beklagen nicht nur die Sache, sondern auch das Verfahren. Winterstein spricht ausdrücklich von Entscheidungen „über unsere Köpfe hinweg“. Heubach schildert gut besuchte Veranstaltungen, aber auch die Erfahrung, dass häufig vor allem diejenigen kommen, die ohnehin schon kritisch sind. Die Arbeitsgemeinschaft erklärt, wie viel Geld, Freizeit und Eigenleistung in die Arbeit fließen, während die Unterstützung vor Ort oft verhalten bleibt und selbst Gutachten oder anwaltliche Beratung nennenswerte Summen verschlingen können.
Das ist vielleicht der bedrückendste Teil dieser Geschichte: Nicht nur die Natur wird zur Verfügungsmasse, sondern auch das Bürgerengagement. Es wird gelobt, solange es dekorativ bleibt. Es wird problematisch, sobald es wirksam werden könnte.
Natürlich gehören zu diesem Streit auch die technischen und gesundheitlichen Bedenken – u.a. zu PFAS, Bisphenol A oder Infraschall. Sie spielen auf beiden Seiten eine wichtige Rolle. Auf den Webseiten und im Interview werden diese Punkte als ernste Risiken und offene Fragen behandelt, nicht zuletzt mit Blick auf Wasser, Boden, Gesundheit und Lebensqualität. Heubach bewarb eigens Vortragsveranstaltungen zu Infraschall; Winterstein hebt Gesundheits- und Infraschallfragen ebenfalls prominent hervor. Im Videopodcast schildern die Vertreter dazu ausführlich ihre Sorgen und verweisen auf Vorträge und vorliegende Gutachtenkritik.
Schon die Tatsache, dass solche Punkte von betroffenen Bürgern mit wachsender Intensität und mit Expertenunterstützung vorgetragen werden und von offizieller Seite gerne als Randthema abgetan werden, vertieft das Misstrauen. Es ist dieses Misstrauen, das politische Konflikte eskalieren lässt.
Denn am Ende geht es nicht nur um Rotorblätter, Netze oder Nabenhöhen. Es geht um die Frage, wer in diesem Land die Lasten des vermeintlichen Fortschritts trägt und wer über sie bestimmen darf. Die Bürgerinitiativen im Taunus und Odenwald haben darauf eine unbequeme Antwort gefunden: Es sind fast immer die Menschen vor Ort, die Landschaft, Ruhe, Wasser, Wege, Blickbeziehungen und Heimat verlieren könnten – während andere die moralische Deutungshoheit, die Projektlogik und die Förderkulisse liefern.
Deshalb ist ihr Widerstand weit mehr als lokaler Protest. Er ist ein Einspruch gegen eine Politik, die Natur mit Technik verwechselt und Akzeptanz mit Gewöhnung. Er ist ein Einspruch gegen die Vorstellung, man könne Landschaft beliebig industrialisieren und das dann als ökologischen Fortschritt verkaufen. Und er ist ein Einspruch gegen eine öffentliche Debatte, die jeden Zweifel an Windkraft im Wald vorschnell verdächtigt, statt ihn ernsthaft zu prüfen.
Was am Winterstein, in Heubach und an vielen anderen Orten im Rhein-Main-Neckar-Gebiet geschieht, sind deshalb keine Provinzpossen. Es ist ein Lehrstück über den Zustand unseres Landes und seiner Staatsbürger, die gerade dabei sind, sich selbst aufzugeben. Über eine Energiewende, die immer öfter aussieht wie ein Verwaltungsakt gegen das Konkrete. Über Bürger, die erst dann sichtbar werden, wenn sie stören. Und über Landschaften, die so lange als schützenswert gelten, bis jemand beschlossen hat, dass sie verwertbar sind.
Wer das alles für Fortschritt hält, hat nicht verstanden, was gerade für unsere Generation und die, die noch kommen sollen, droht verloren zu gehen. Und wer diese Bürgerinitiativen belächelt, sollte sich fragen, ob nicht gerade sie die letzten sind, die noch begriffen haben:
Eine Heimat lässt sich nicht in Megawatt messen… erst recht nicht in der nächsten Dunkelflaute!
Anm.d.Red.: Hier geht’s zur BI Winterstein und hier zur AG Heubach-Liebe. Hier geht’s zum KLARTEXT-Videopodcast.