Ein Leitartikel zum Ende sozialromantischer Legenden von Chris Barth

Es ist eine Szene, die man nicht erfinden könnte, weil sie zu grotesk wäre. Ein kleines Mädchen, vielleicht drei Jahre alt, begegnet zum ersten Mal Fidel Castro. Er schenkt ihr eine Puppe. Nicht irgendeine Puppe, sondern eine, die aussieht wie er selbst: eine Babypuppe mit Haaren im Gesicht. Das Kind beginnt, die Haare herauszuziehen. Es ist die erste Erinnerung von Alina Fernández an den Mann, der Kuba verändern, eine ganze Nation prägen und ihr eigenes Leben überschatten sollte. Fidel Castro. Ihr leiblicher Vater.
In dieser kleinen Szene steckt bereits fast alles: der Kult um den Führer, die Allgegenwart des Revolutionärs, die groteske Vermischung von Vaterfigur, Staatsmacht und politischem Mythos. Castro war nicht einfach ein Politiker. Er war Bild, Stimme, Ritual, Drohung, Versprechen. Er sprach stundenlang im Fernsehen, ließ sich feiern, inszenierte sich als einsamer Kämpfer gegen den Imperialismus. Und während er die Befreiung verkündete, lernte seine eigene Tochter früh, was diese Befreiung im Alltag bedeutete: Angst, Mangel, Anpassung, Schweigen.
Alina Fernández ist keine gewöhnliche Kritikerin des kubanischen Kommunismus. Sie ist die Tochter des Revolutionärs, den sie nie wirklich „Vater“ nennt. Denn Vater, sagt sie sinngemäß, sei er nie gewesen. Er war Fidel Castro. Der Führer. Der Mann in Uniform. Der Mann, der das Land nach seinem Bild formen wollte und dabei nicht einmal vor der eigenen Familie Halt machte.
Das Interview, welches Fernández der Epoch Times gegeben hatten, ist deshalb so stark, weil er nicht aus der Distanz kommt. Er kommt aus dem Innersten des Systems. Aus Wohnzimmern, in denen der Revolutionär nachts erschien. Aus einer Kindheit, in der die Mutter der Revolution verfiel, während Kindermädchen und Großmutter Castro verabscheuten. Aus Schulformularen, auf denen Kinder angeben mussten, ob sie „Verräter“ oder „Würmer“ in der Familie hatten. Aus einem Land, in dem selbst Verwandtschaft politisch sortiert wurde.
Die Revolution versprach den Armen Würde. Doch Alina Fernández sah ihr Kindermädchen, das sie liebte wie eine zweite Mutter, in Armut und Mühsal leben. Sie sah Menschen mit Rationierungskarten in Schlangen stehen. Sie sah, wie der öffentliche Nahverkehr zusammenbrach, wie Essen knapp wurde, wie das Leben enger und grauer wurde. Und sie stellte die naheliegende Kinderfrage, die viele Erwachsene nicht mehr zu stellen wagten: Warum?
Warum geht es den Armen nicht besser, wenn doch alles angeblich für sie getan wird? Warum müssen Menschen um Nahrung kämpfen, während der Führer endlos redet? Warum wird Eigentum genommen, Freiheit eingeschränkt, Arbeit zur ideologischen Pflicht erklärt? Warum darf ein Arzt seine Praxis nicht behalten? Warum wird aus freiwilliger Arbeit eine Pflicht, aus Solidarität Kontrolle, aus Hoffnung Gehorsam?
Besonders erschütternd sind jene Briefe, die Menschen dem Kind mitgaben, weil sie wussten, dass Fidel Castro bei ihr zu Hause auftauchte. Briefe von Angehörigen Hingerichteter, von Enteigneten, von Menschen, die ausreisen wollten, von Verzweifelten. Man muss sich diese Szene vorstellen: Erwachsene Bürger eines revolutionären Staates geben einem Kind ihre Bitten an den mächtigsten Mann des Landes. Sie hoffen auf Gnade, Erklärung, Hilfe. Doch Castro nimmt die Briefe nicht einmal mit. Für Alina Fernández war das ein frühes Erwachen. Sie begriff: Es interessierte ihn überhaupt nicht im Geringsten.
Hier beginnt die eigentliche Systemfrage. Wie wird aus einer Befreiungsbewegung ein Apparat aus Angst, Mangel und Loyalitätszwang? Die Antwort liegt nicht allein in der Persönlichkeit Castros, so gewaltig sein Schatten auch war. Sie liegt im Wesen einer Ideologie, die den Menschen nicht als freien Bürger betrachtet, sondern als Material für ein politisches Projekt. Wer zustimmt, gehört dazu. Wer zweifelt, wird verdächtig. Wer geht, ist ein Verräter. Wer widerspricht, ist ein Wurm. Die Mariel-Krise 1980 machte diese Logik brutal sichtbar. Als Tausende Kubaner das Land verlassen wollten, reagierte das Regime nicht mit Selbstprüfung, sondern mit Demütigung. Ausreisewillige mussten sich öffentlich erklären. Nachbarn, Kollegen, Kommilitonen wurden gegen sie mobilisiert. Menschen wurden beschimpft, bedroht, geschlagen, mit Eiern beworfen, aus ihren Häusern gedrängt. Die Revolution zeigte ihr Gesicht: Nicht der Bürger entscheidet über sein Leben. Das Kollektiv urteilt über ihn. Und das Kollektiv spricht mit der Stimme der Macht.
Für Alina Fernández wurde daraus der Weg in die offene Dissidenz. Erst sprach sie in Interviews nicht über Mode, wie erwartet, sondern über die kubanische Wirklichkeit. Dann kam die Isolation. Angst. Schlaflosigkeit. Berufsverbote. Besucher, die sich beschweren wollten oder Hilfe suchten. Schließlich die Flucht: ein gefälschter Pass, ein Flug nach Spanien, politisches Asyl, die Ankunft in den Vereinigten Staaten. Ihre Tochter musste sie zunächst zurücklassen. Auch das gehört zur Wahrheit des Exils: Freiheit hat oft den Preis eines zerrissenen Herzens.
Und doch endet diese Geschichte nicht in Bitterkeit. Alina Fernández sagt, sie hasse Fidel Castro nicht. Sie empfinde eher Mitleid. Das ist bemerkenswert. Denn wer ihr zuhört, hört nicht nur Abrechnung, sondern Trauer. Trauer um ein Land, das einst zu den fortschrittlicheren Nationen Lateinamerikas gehörte und in Armut, Repression und Abhängigkeit versank. Trauer um Familien, die durch Ideologie zerrissen wurden. Trauer um Menschen, die jahrzehntelang lernten, sich zu ducken. Das macht dieses Interview so wichtig. Es ist nicht nur ein Stück kubanische Geschichte. Es ist ein Spiegel für alle Gesellschaften, in denen politische Legenden mächtiger werden als die Wirklichkeit. Im Westen trägt Che Guevara bis heute den Glanz des Pop-Ikonenhaften. Fidel Castro wird von manchen noch immer als romantischer Rebell verklärt. Doch hinter den Bildern stehen Hinrichtungen, Enteignungen, Mangelwirtschaft, Propaganda, Gefängnisse, Flucht und ein elitäres Führungskader, für den es keinen Mangel und fast unbegrenzte Macht gibt.
Linke Legenden leben oft davon, dass ihre Opfer weit weg sind. Kuba war für viele ein Symbol. Für die Kubaner war und ist es immer noch Alltag. Dieses Dossier will deshalb genauer hinsehen: auf Alina Fernández und ihre Geschichte; auf Kuba damals und heute; auf den Mythos Che Guevara; auf die Frage, warum der Kommunismus nicht an „falscher Umsetzung“, sondern am Menschen selbst scheitert. Denn wo Freiheit, Eigentum, Familie, Glaube und Widerspruch dem politischen Ziel untergeordnet werden, entsteht keine gerechte Gesellschaft. Es entsteht ein Käfig.
Alina Fernández hat diesen Käfig von innen gesehen. Gerade deshalb lohnt es sich, ihr zuzuhören.
Zur Fortsetzung unsere Dossiers über Aline Fernandez und den real-existierenden Sozialismus auf Cuba: WARUM DER KOMMUNISMUS IMMER WIEDER ENTSCHULDIGT WIRD