Ein Gastbeitrag von Thomas T. aus Frankfurt
Nach einigen Jahren Pause wollte ich 2026 mal wieder am Frankfurter Christopher Street Day teilnehmen. Früher war ich regelmäßig mit Bannern auf die Straße gegangen, um für die Öffnung der Ehe, das Adoptionsrecht und andere Themen zu demonstrieren.
Zwei Träume, die sich Jahre später erfüllten, als mein Partner und ich als erstes Männerpaar vom Frankfurter Jugendamt einen Pflegesohn anvertraut bekamen. Und auch die Möglichkeit des Heiratens habe ich später sehr glücklich genutzt.
Für welches Thema geht man(n) dann 2026 überhaupt noch auf die CSD-Straße?
Als Sohn einer deutsch-türkischen Mischehe wählte ich das Thema: „Islamismus und Homosexualität sind nicht kompatibel“. Die KI sagte mir, dass sich laut Statistik die Gewalt gegen Schwule und Lesben in den letzten zehn Jahren fast verfünffacht hatte! Auch ein kurzer Appell an die Politik gehörte natürlich auf mein Plakat.
Videobeiträge von Tichys Einblick, Nius sowie Tagesschau, Spiegel u. a. bettete ich als QR-Codes in mein Plakat ein und druckte 50 Flyer mit den gleichen Codes zum Verteilen. Natürlich war ich auf die Resonanz der Zuschauer und Demo-Teilnehmer sehr gespannt.
Der Frankfurter CSD hatte früher zwar einmal den Ruf, ein bisschen politischer zu sein als beispielsweise der CSD in Köln. Trotzdem ist er für die meisten Teilnehmer schon lange eher eine bunte Parade als eine Demo, was natürlich völlig in Ordnung ist.
Zwischen Partystimmung und Politik
Das Motto des Frankfurter CSD „Demokratie braucht keine Alternative“ war vermutlich als Drohung an die Mitglieder unserer Community zu verstehen, die aufgehört hatten, ihr Wahlkreuz auf der linken Seite des Wahlscheins zu setzen. Wahrscheinlich hatten die CSD-Organisatoren vergessen, dass eine Umfrage unter 60.000 schwulen Männern (①) schon kurz vor der Bundestagswahl 2025 ergab, dass die AfD mit 27,9 Prozent die mit Abstand beliebteste Partei unter schwulen Männern war.
Trotzdem hatten sich viele Teilnehmer das Motto ausgedruckt und trugen es vor sich her. Die Angst vor „rechts“ ist für viele Schwule und Lesben offenbar sehr bedrohlich.
Einige Minuten stand ich am Straßenrand und beobachtete die ersten Demonstranten, als mir ein Plakat ins Auge stach: „Doppelmoral braucht keine Alternative“ mit dem Foto von Jens Spahn, seinem Mann und dem neugeborenen Baby nur wenige Stunden vor seinem Rücktritt.
Wie schön! Es sind nicht alle nur gleichgeschaltet. Zwar finde ich es sehr schade, dass die Kritik an Leihmutterschaft auf dem Rücken eines schwulen Mannes ausgetragen wird, obwohl die meisten Nutzer von Leihmüttern natürlich Heterosexuelle sind. Trotzdem gehört diese Doppelmoral eines führenden CDU-Politikers unbedingt laut ausgesprochen! Bei allem Verständnis für seinen Kinderwunsch.
Für mich war der Anblick dieser Botschaft jedenfalls der Moment, in die Demo einzusteigen und mein Plakat hoch in die Luft zu strecken.
Durch meine Sonnenbrille konnte ich die Blicke der Zuschauer gut beobachten, ohne dass sie es merkten. Ein Großteil sah mich gut gelaunt an, blickte auf mein Plakat, und wenige Sekunden später weiteten sich die Augen und das Lachen verwandelte sich in Schock.
Andere Zuschauer sahen schnell weg, als wollten sie sich den schönen Tag nicht verderben lassen.
Schon nach kurzer Zeit bemerkte ich aber die ersten Zuschauer, die mich betreten, aber zustimmend ansahen. Meist waren es Menschen jenseits der 40, die positiv auf meinen Text reagierten. Wenig später ging es los:
Der erste Zuschauer zeigte mir eindeutig einen Daumen nach oben! Ich griff wie geplant in meine Tasche und gab ihm meinen ersten Flyer mit den Videolinks. Wenig später sah mich eine woke Junglesbe wütend an und zeigte mir sofort beide Mittelfinger. Die Reaktion kannte ich von Montagsspaziergängen und reagierte mit einer höflichen Geste.
Kurz darauf kam ein älterer Türke auf mich zu und bedankte sich bei mir! Er war von der Botschaft meines Plakats begeistert und fand meine Aktion sehr wichtig. Was für ein Moment!
Natürlich weiß ich durch meine türkische Familie, wie herzlich, friedliebend und gastfreundlich Muslime in aller Regel sind. Auch wenn man sich bei ihnen geoutet hat und sie den Ehemann und den Sohn kennengelernt haben, haben sie keine Berührungsängste – zumindest nicht, wenn sie eine gewisse Bildung haben.
Trotzdem war ich mir nach diesem Moment sicher, eine gute Entscheidung getroffen zu haben.
Zustimmung, Ablehnung und alte Bekannte
Im Laufe der Demo traf ich viele Menschen aus meiner Vergangenheit, die mich anhielten, um mich kurz zu umarmen. Schade, dass zum Plaudern keine Zeit war … die Demo ging gnadenlos weiter.
Eine alte lesbische Bekannte, von der ich mich allerdings schon 2021 aufgrund ihrer Haltung zur Corona-Politik entfernt hatte, sah mich schon von Weitem und wandte sich angewidert ab. Sie ignorierte auch meinen Versuch eines höflichen „Hallo“. Das nennt man wohl „Ent-Täuschung“.
Ich traf auch Susanne, die ich vor vielen Jahren bei einem schwul-lesbischen Tanzkurs kennenlernte und als Schwurblerin in den Corona-Jahren beim Montagsdemonstrieren wiedertraf. Sie war begeistert von meinem Plakat und freute sich noch mehr, als sie mich als Autor der Botschaft erkannte.
Dagegen wurde ich von zwei jungen Demo-Teilnehmern gefragt, ob ich wirklich finde, dass mein Plakat zu der Demo passt und ob ich nicht doch glaube, dass es wichtigere Themen als meines gibt. Meine Antwort war kurz und deutlich.
Immer wieder verteilte ich meine Flyer an Zuschauer, die sichtbar froh darüber waren, ihre Sorgen auf meinem Plakat endlich einmal öffentlich zu lesen.
Als die Demo am Main endete, waren von meinen 50 Flyern nur noch zwei übrig.
Meine Quote des Tages war daher: fünf Kritiker gegen 50 Daumen nach oben!
An diesem Abend bin ich mit einem breiten Lächeln stolz eingeschlafen.
Die „Kirsche auf der Torte“ kam dann am Montag darauf: Mein lieber Kollege Bäppi war von meinem Foto in der FNP Online so begeistert, dass er es auf seinem beliebten Instagram-/Facebook-Profil (②) postete: „Es gibt noch Mutige“, war sein Kommentar, und der Beitrag erhielt in kürzester Zeit zehntausende Views und über 1.000 Likes!
Eine Woche später
Die Freude über diese Resonanz kam natürlich zum Stillstand, als eine Woche später Abdul Ballout (③) mit einem Kleinbus in die Menschenmenge des Berliner CSD fuhr und feiernde Besucher tötete und schwer verletzte.
Kurz vor Mitternacht begann ich damit, meine Berliner Freunde anzutexten, um sicherzugehen, dass niemand zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war.
Ein Kreuzberger Freund mit polnischem Background meldete sich morgens um 7:30 Uhr. Er und sein Mann hatten das Fest rechtzeitig verlassen. Es war ihm aber sehr wichtig zu erwähnen, dass extremer Katholizismus genauso schlimm sei wie Islamismus.
Ein Frauenpaar aus Potsdam antwortete mir erst morgens um kurz vor neun. Eine der beiden schrieb mir ganz erstaunt, sie sei fest davon überzeugt gewesen, es wäre ein „rechter Deutscher“ gewesen, der den Kleinbus fuhr.
Der Höhepunkt aller Reaktionen kam von einer Senioren-Lesbe aus Berlin-Schöneberg, die ich früher als kluge, starke Frau wahrgenommen hatte, die immer den Mund aufmachte und ihr Herz am rechten Fleck hatte.
Sie schrieb in der Nacht tatsächlich, es könnte ja auch ein AfDler gewesen sein, da die AfD „alle CSDs bedroht hätte“.
Na, dann können die NGO „Omas gegen Rechts“ und die Antifa wieder ihren Protest starten und so tun, als wären Neonazis trotzdem viel gefährlicher als Islamisten im Kleinbus.
Von den Gegendemos von „Rechten“ konnte ich am Tag nach dem Attentat nur noch mit viel Mühe etwas nachlesen. Es waren 15 Menschen angemeldet, die friedlich gegen den CSD protestiert haben.
Darauf bin ich nicht gerade stolz, aber es ist trotzdem demokratisch und hat niemanden getötet!
Aber manche wollten das einfach nicht wahrhaben, und so spekulierte n-tv noch so lange wie möglich offen über den rechten CSD-Attentäter. (④)
Und sogar eine Organisatorin des Berliner CSD gab bei einer Trauerfeier am Tag nach dem Attentat zu, lange gehofft zu haben, dass es „kein Kanacke (sic!), sondern eine weiße, christliche Person im Auto“ gewesen sei. (⑤)
Wie passend, dass ich zeitgleich von Bäppi ein Statement bekam, das die CSD-Orga noch am Sonntag auf Instagram gepostet hatte. Darin forderte sie nicht etwa die Politik auf, etwas gegen islamistische Terroristen zu unternehmen, sondern richtete sich „an die Rechtsextremen“, die „die gleiche Queerfeindlichkeit“ verbreiteten. ⑥ Abdul Ballout war für sie – wie immer – eine „Einzelperson, die schlimme Dinge tut“.
Als am Sonntagabend bekannt wurde, dass der Attentäter von der Polizei in einer Gartenlaube erschossen worden war, versuchte ich, nach meinen Gefühlen zu suchen. Bin ich erleichtert? Wütend? Traurig?
Leider rührt sich in mir gar nicht mehr so viel. Diese Vorfälle haben sich in den letzten Jahren derart gehäuft, dass nur noch ein stumpfes Gefühl der Resignation bleibt.
Wann schützt uns die Politik wieder angemessen und zwingt Zugewanderte, sich unseren Regeln und Gesetzen anzupassen?
Was muss wohl noch passieren, dass wir alle – auch die Schwulen und Lesben – auf die Straße gehen und gegen diese aggressiven Unmenschen protestieren, statt nur betrunken die Regenbogenfahnen zu schwingen?
Liebe Gay Community … liebe Mitmenschen …
WAKE UP AND SMELL THE COFFEE!!
⑥