Ein Faktencheck: Was vom revolutionären Versprechen übrigblieb

Wer Alina Fernández, der leiblichen Tochter Fidel Castros zuhört, könnte meinen, es gehe um ferne Erinnerungen: Rationierungskarten, endlose Schlangen, politische Angst, „Würmer“ als Schimpfwort für Ausreisewillige, ein Staat, der die Familie bis ins Private hinein überwacht und politisiert. Doch genau darin liegt die Härte dieses Epoch Times Interviews: Vieles, was Fidel Castros Tochter beschreibt, ist nicht einfach Vergangenheit. Es ist Gegenwart.
Kuba steckt 2026 in einer tiefen Alltagskrise. Human Rights Watch berichtet von langen Stromausfällen, teils bis zu 20 Stunden am Tag, sowie von akuten Engpässen bei Lebensmitteln, Medikamenten und anderen Grundgütern. Zwischen Oktober 2024 und September 2025 habe das Land fünf landesweite Blackouts erlebt. Das ist kein Komfortproblem. Ohne Strom funktionieren Wasserpumpen, Kühlung, Kommunikation, Verkehr und medizinische Versorgung nur eingeschränkt oder gar nicht. (Human Rights Watch)
Besonders dramatisch ist die Lage im Gesundheitswesen. Nach Angaben von UN-Vertretern vom 15. Mai 2026 müssen Krankenhäuser Operationen verschieben, lebenswichtige Geräte unter unsicheren Bedingungen betreiben und mit schweren Medikamentenengpässen umgehen. Mehr als 100.000 Patienten, darunter 11.000 Kinder, warten demnach auf verschobene Operationen. Rund fünf Millionen Menschen mit chronischen Erkrankungen sind von Unterbrechungen lebenswichtiger Behandlungen bedroht; betroffen sind auch Krebspatienten, Schwangere, Neugeborene und Notfalldienste. (The United Nations Office at Geneva)
Auch die Ernährungslage widerspricht dem revolutionären Versprechen sozialer Sicherheit. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen verweist auf wachsende Schwierigkeiten vieler kubanischer Familien bei Ernährung und Versorgung. 2024 unterstützte das WFP 1,3 Millionen Menschen in Kuba; die staatliche monatliche Lebensmittelzuteilung besteht laut WFP weitgehend aus Importen, bei deren Verteilung die Regierung selbst Mängel und Verzögerungen meldete. (World Food Programme)
Amnesty International nennt noch härtere Zahlen aus kubanischen Beobachterquellen: 2025 hätten 96,91 Prozent der Bevölkerung infolge der Inflation den Zugang zu Lebensmitteln verloren; mehr als 60 Prozent müssten zwischen fünf und 15 Stunden pro Woche aufwenden, um Essen zu beschaffen. Im Juli räumten Behörden ein, dass nur 30 Prozent der wichtigen Medikamente verfügbar seien. (Amnesty International)
Zur materiellen Krise kommt die politische. Amnesty dokumentiert für 2025 mindestens 3.179 repressive Aktionen und 529 willkürliche Festnahmen. Betroffen sind Aktivisten, Oppositionelle, Künstler, Studenten, Journalisten und Menschenrechtler. Auch friedliche Proteste werden kriminalisiert; Versammlungsfreiheit und Meinungsfreiheit bleiben massiv eingeschränkt. (Amnesty International)
Human Rights Watch berichtet zudem, dass nach einer von der Regierung im April 2026 verkündeten Freilassung von 2.010 Gefangenen nach Angaben mehrerer Menschenrechtsgruppen keine politischen Gefangenen identifiziert wurden. Mehr als 700 politische Gefangene sitzen demnach weiter in Haft; viele weitere stehen unter Hausarrest oder anderen Auflagen. (Human Rights Watch)
Natürlich verweist Havanna regelmäßig auf das US-Embargo. Auch Menschenrechtsorganisationen sehen darin eine Belastung für wirtschaftliche Rechte. Aber Human Rights Watch formuliert zugleich klar: Das Embargo ist kein Freibrief für Repression und kein Vorwand, Kritiker einzusperren. (Human Rights Watch)
Was bleibt also vom revolutionären Versprechen? Ein Staat, der Gleichheit versprach und Mangel verwaltet. Ein System, das Würde verkündete und Widerspruch bestraft. Eine Regierung, die sich auf das Volk beruft, aber Angst vor freien Bürgern hat. Genau deshalb sind Alina Fernández’ Aussagen im Interview mehr als eine Erinnerung. Er ist ein lebendiges Zeugnis einer grausamen Gegenwart im heutigen Kuba.
Anm. d. Red.: Zur Fortsetzung unsere Dossiers über Aline Fernandez und den real-existierenden Sozialismus auf Cuba: HISTORISCHE EINORDNUNG Von Havanna nach Miami: 1959, Mariel, Spezialperiode, heute 👈 ... ... ... und hier geht es zum Anfang des gesamten Dossiers: FIDEL CASTROS TOCHTER: WARUM DER KOMMUNISMUS IN DER PRAXIS NICHT FUNKTIONIEREN KANN 👈