Ein Gastbeitrag von Fatemeh A.

Ich bin Exil-Iranerin, die seit Jahrzehnten in Deutschland lebt – und die jedes Mal zusammenzuckt, wenn im Westen wieder so getan wird, als ließe sich Iran mit einem einzigen Schlagwort erklären: „Regime“, „Revolution“, „Freiheit“, „Mullahs“, „Volksaufstand“. Als hätte man es mit einem simplen Drehbuch zu tun, nicht mit einem Land, das in den letzten siebzig Jahren immer wieder zum Spielfeld fremder Interessen gemacht wurde.
Iran ist keine einfache „Regime gegen Volk“-Story
Wer den Iran verstehen will, muss zwei Wahrheiten gleichzeitig aushalten: Ja, viele Iraner sind unzufrieden mit der islamischen Republik. Und ja, viele Iraner verabscheuen westliche Einmischung noch mehr. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Erfahrung, die sich durch Familiengeschichten zieht wie ein Faden aus Stahl.
Ich bin Ende der 80er nach Deutschland gekommen – kurz vor Ende des Iran-Irak-Krieges. Meine Familie ist nicht „aus Abenteuerlust“ gegangen, sondern weil das Leben im Iran nach der islamischen Revolution und in den Kriegsjahren für viele zur Dauer-Ausnahmesituation wurde. Wer das nicht erlebt hat, liest „Revolution“ und denkt an Hoffnung. Wir dachten damals an Kontrollposten, an Sirenen, an Bunker, an den morgendlichen Blick auf zerstörte Gebäude und an die Frage, wer in der Nacht gestorben ist.
Dazu kam eine gesellschaftliche Umerziehung im Sturztempo: von einem Tag auf den anderen wurde vorgeschrieben, wie man sich kleidet, wie man sich verhält, wie man sich zeigt. Wer den Iran der 70er kennt – oder wenigstens Fotos gesehen hat – weiß, wie abrupt dieser Bruch war: ein Land, das unter dem Schah auf „modern“ und „westlich“ getrimmt wurde, mit Handel, Konsum, Clubs, amerikanischen Symbolen, und dann plötzlich die moralische Polizei, die neuen Verbote, die Angst.
Aber damit beginnt die Geschichte nur. Denn auch der Schah war nicht einfach der „gute alte Westen-Iran“, als den ihn manche heute verklären. Unter ihm gab es Folter, Überwachung, eine Geheimpolizei, politische Unterdrückung. Es ist leicht, im Nachhinein Nostalgie zu produzieren – schwerer ist es, die Mechanik dahinter zu begreifen: Iran wurde mehrfach in Systeme hineingedrückt, die nicht organisch aus der Gesellschaft heraus gewachsen sind, sondern aus geopolitischen Kalkülen.
1953 sitzt bis heute im Gedächtnis: Einmischung als Trauma
Hier liegt der eigentliche Kern: 1953, Mossadegh, Operation Ajax. Wer sich mit Geschichte beschäftigt, stößt unweigerlich auf diesen Wendepunkt. Ein demokratisch legitimierter Ministerpräsident, der die Erdölfrage national anders regeln wollte, wird gestürzt – nicht durch eine offene Invasion, sondern durch Propaganda, Geld, Einflussoperationen. Der Clou an solchen Operationen ist ja: Man muss keine Bomben werfen, wenn man ein Land von innen destabilisieren kann. Und genau dieses Muster sitzt tief im kollektiven Gedächtnis vieler Iraner. Nicht als „Verschwörungstheorie“, sondern als historische Lektion: Große Mächte handeln nicht moralisch, sondern strategisch.
Schah, Revolution, Krieg: Umbrüche bedeuten für viele Angst, nicht Hoffnung
Im Kalten Krieg war Iran ein Schlüssel. Ressourcen, Lage, Einfluss. Also wurde der Schah zur Figur, die dem Westen passte – solange er passte. Und dann geschah etwas, das in der öffentlichen Erinnerung oft untergeht: Auch er begann, stellenweise aus der Reihe zu tanzen. Wer alte Interviews kennt, kennt auch den Tonwechsel, die Kritik an Lobby-Macht, an Israel, an Ölpolitik, an Abhängigkeiten. Ob man das überinterpretiert oder nicht: Für viele Iraner war klar, dass Loyalität in dieser Welt ein Einwegvertrag ist. Wer unpraktisch wird, wird ersetzt.
Dann kam die islamische Revolution mit den Volksmojahedin (MEK) – und sie kam nicht aus dem Nichts. Sie war zunächst auch eine Reaktion auf Unterdrückung, Ungleichheit, Fremdsteuerung. Das Tragische ist: Viele, die damals gegen den Schah waren, bekamen nicht die Freiheit, die sie suchten, sondern ein anderes, ebenso hartes System. Wieder ein Bruch, wieder eine neue Ordnung, wieder eine Gesellschaft im Schock. Und dann der Krieg. Wer das überlebt, entwickelt ein feines Gespür für alles, was nach „Regime Change“ klingt. Denn solche Worte bedeuten für uns nicht Talkshow-Rhetorik, sondern Tote.
Wenn die Wirtschaft kollabiert, ist Protest normal
Wenn heute im Iran Proteste ausbrechen, ist das zunächst einmal vollkommen normal. Die wirtschaftliche Lage ist für viele Menschen brutal. Sanktionen, Misswirtschaft, Korruption, Hyperinflation – das alles frisst sich ins Leben hinein. Wenn eine Währung abstürzt, wenn man für Alltagsdinge symbolisch „mit dem Koffer“ einkaufen muss, dann wächst der Zorn. Dann gehen Menschen auf die Straße, weil sie nicht mehr können. Das ist legitim, das ist menschlich, das ist politisch.
Und trotzdem kippen solche Proteste manchmal. Nicht, weil Iraner „von Natur aus“ gewalttätig wären, sondern weil in solchen Momenten andere Akteure auftauchen können: bewaffnete Gruppen, Provokateure, organisierte Zellen, Leute mit eigenen Zielen. Ich formuliere das bewusst vorsichtig: Ich kann von hier aus nicht jeden Clip verifizieren, nicht jede Zahl prüfen, nicht jedes Gerücht bestätigen. Aber ich kenne das Muster der Informationskriege, welche „Groß-Israel“ aus dem Wüstensand geradezu "herbeiposaunen" möchten – und ich sehe, wie schnell aus einem sozialen Protest ein Schlachtfeld-Narrativ wird, das sich hervorragend für Außenpolitik eignet. Warum lässt sich eigentlich der selbsternannte „Friedenspräsident“ Trump vor diesen außenpolitischen Sprengstoffkarren spannen?
Wenn es eskaliert, beginnt der Kampf um die Deutung
Denn ab dem Moment, in dem Schüsse fallen und Tote als „Beweis“ für eine einzige Deutung dienen, beginnt die zweite Schlacht: die um die Geschichte, die erzählt werden soll. Und diese Geschichten laufen im Westen oft erstaunlich synchron: dramatische Zahlen, moralische Eindeutigkeit, klare Helden und Schurken. Das Problem ist nicht, dass man über Gewalt berichtet. Das Problem ist die Suggestion, es gebe nur eine Ursache, nur einen Täter, nur eine logische Konsequenz: „Jetzt muss der Westen handeln.“
Ich habe in meinem Leben zu oft gesehen, was „handeln“ bedeutet. Irak. Libyen. Syrien. Afghanistan. Palästina. Überall begann es mit einem moralischen Imperativ und endete in Trümmern, Milizen, Flucht, Dauerkrieg. Und jedes Mal hieß es: „Dieses Mal wird es anders.“ Eine Exil-Iranerin hört das und denkt nicht an Rettung, sondern an den Preis, den wieder andere zahlen sollen.
Ein weiterer blinder Fleck in der Debatte ist die Frage nach Exil-Politik. Natürlich gibt es Exil-Iraner, die die islamische Republik verabscheuen und jeden Sturz bejubeln würden, egal wie er zustande kommt. Das ist emotional verständlich – viele haben Gefängnis, Repression, gebrochene Biografien erlebt. Aber Exil ist auch eine gefährliche Perspektive: Man lebt weit weg von den Konsequenzen. Man kann leicht „Revolution“ rufen, wenn nicht die eigenen Kinder im Chaos aufwachsen müssen.
Und dann gibt es Figuren wie رضا پهلوی Reza Pahlawi, der Sohn des Ex-Schahs (nun ein US-Playboy), der plötzlich uns im Westen als „Alternative“ präsentiert wird, als sei ein Land eine Firma, die man einfach neu besetzt. Kronprinzen-Nostalgie, PR-Events, westliche Empfangsräume, große Worte von „Demokratie“. Ich sage das hart: Wer Jahrzehnte nicht im Land war, wer dort keine Verwurzelung mehr hat, wer nur als Symbol dient, der kann nicht glaubwürdig behaupten, er werde im Handumdrehen eine stabile Ordnung schaffen. Demokratie ist kein Exportprodukt. Sie ist Kulturarbeit, Institutionenarbeit, Vertrauensarbeit – und sie braucht Zeit. Wer sie „bringt“, bringt meist zuerst Macht.
Veränderung ja – aber kein „Demokratie-Export“ auf Kosten der Menschen
Deshalb reagiere ich allergisch, wenn deutsche Medien eine Deutung bevorzugen, die wie eine Rampe in Richtung Eskalation aussieht. Wenn Zahlen im Tagesrhythmus explodieren, ohne transparenten Beleg. Wenn Tote sofort politisch vereinnahmt werden. Wenn jedes brennende Bild zum einzigen Fenster in ein Land wird, das man seit Jahrzehnten nicht verstehen will. Und wenn man gleichzeitig so tut, als wären Geheimdienste, Einflussoperationen und Stellvertreterstrukturen reine Fantasie – obwohl die Geschichte voll davon ist.
Man kann die islamische Republik kritisieren, ohne zum Lautsprecher fremder Agenda zu werden. Man kann Solidarität mit Protestierenden zeigen, ohne sich für Krieg einzuspannen. Man kann das Leid der Menschen ernst nehmen, ohne aus ihnen Schachfiguren zu machen. Und man kann auch anerkennen: Viele Iraner denken patriotisch, selbst wenn sie mit der Regierung hadern. Sie wollen Veränderung – aber sie wollen sie nicht als Ruinenlandschaft geliefert bekommen.
Was wünsche ich mir von einem Publikum „mit Geschichtswissen“? Vor allem eins: Misstrauen gegenüber einfachen Erzählungen. Wer Iran nur als Bühne für den nächsten moralischen Feldzug betrachtet, wird wieder danebenliegen. Wer nur „das Regime“ sieht und nicht die Bevölkerung, nicht die Traumata, nicht die Erinnerung an 1953, nicht den Krieg, nicht die furchtbaren Sanktionen, nicht die geopolitische Lage, der versteht nur die Schlagzeilen – nicht das Land, nicht die Menschen.
Und was wünsche ich mir von Journalisten in Deutschland? Weniger Pose, mehr Demut. Weniger Aktivismus im Gewand der Nachricht, mehr harte Fragen an alle Seiten. Weniger Zahlen-Feuerwerk, mehr Quellenklarheit. Weniger Schwarz-Weiß, mehr Kontext. Der Protest ist real. Aber er ist schon längst von CIA und Mossad unterwandert. Die Repression ist real. Aber auch die mediale Manipulation ist real. Und wer das eine sieht und das andere ausschließt, wird Teil eines Spiels, das Perser nur zu gut kennen: Erst schreibt man die Erzählung, dann rechtfertigt man die Tat.
Ich bin nicht naiv. Ich als Frau weiß ganz besonders, dass die islamische Republik kein zartes System ist. Ich weiß, dass Oppositionelle leiden. Ich weiß, dass es Gefängnisse gibt, Gewalt, Willkür. Ich weiß, dass Frauenrechte systematisch unterdrückt werden. Aber ich weiß auch: Wenn außenpolitische Falken beginnen, Iran als „ihre nächste Aufgabe“ zu behandeln, dann wird es nicht Freiheit regnen. Dann wird es Blut regnen. Und am Ende werden wieder Exil-Studios diskutieren, was „schiefgelaufen“ ist, während im Land die Trümmer sprechen.
Wer wirklich Frieden will, muss die Versuchung widerstehen, Iran zum moralischen Projekt zu machen. Frieden beginnt mit Wahrheit – und Wahrheit beginnt damit, Komplexität auszuhalten.
Anm.d.Red.: Gastautorin Fatemeh A. hatte diesen Artikel VOR der neuen Eskalation im Nahen Osten geschrieben, welcher sich in der Zwischenzeit zu einem globalen Flächenbrand ausweitet. Ihren aktueller Beitrag können Sie hier lesen.