Wie sich die deutschlandhassende Bubble im Hamburger Thalia Theater selbst zerlegt

Ein Essay von Chris Barth
Was hier als „Prozess gegen Deutschland“ verkauft wird, ist in Wahrheit ein Lehrstück darüber, wie man politische Gegner nicht widerlegt, sondern moralisch verhandlungsunfähig macht. Die Bühne imitiert das Rechtsformat – aber der Geist ist eher Tribunal: Nicht die Frage „Was stimmt?“ steht im Zentrum, sondern „Wer darf das sagen?“. Sobald jemand aus dem Drehbuch fällt, kippt das Klima: Zahlen werden nicht geprüft, sondern reflexhaft beschimpft („PKS“ – „totaler Bullshit“). Die folgenden sieben Miniaturen sind deshalb keine „Dokumentation“ eines Theaterabends, sondern ein Seismograf: Sie zeigen, wie schnell eine Szene, die sich gern als offen, divers und diskursfreudig inszeniert, auf Abwehr umschaltet, wenn Widerspruch nicht von den erwarteten Personen kommt.
Genau das ist die Pointe: Wer Deutungshoheit gewohnt ist, erlebt Gegenrede nicht als Debatte, sondern als Zumutung. Und wer sich im Besitz der Moral wähnt, hält Gewissheit für Wahrheit – bis jemand den Satz in den Raum stellt, der das ganze Gebäude erschüttert: „Wahrheit entsteht nicht im Schutz der eigenen Blase. Sie entsteht im Risiko des Gesprächs.“
Hier sind diese sieben Schlaglichter – nicht als Parteinarrativ, sondern als Blick auf das, was auf der Bühne tatsächlich passiert ist.
Harald Martenstein – das Beste immer zum Schluss? Nicht doch!
Martenstein nutzt die ihm zugedachte Rolle als „Schlussvortrag“ nicht für ein lauwarmes Plädoyer, sondern für einen Frontalangriff auf das Grundmotiv des Abends: die moralisch verbrämte Idee, eine große Oppositionspartei per Verbot aus dem Spiel zu nehmen. Gleich zu Beginn setzt er die Deutungshoheit: „Wir sprechen hier also in einer Art Schauprozess … Mit anderen Worten, wir reden über das Ende der Demokratie“ . Das ist zugespitzt – aber als Diagnose der Dramaturgie trifft es den Kern: Wer das politische Spektrum künstlich verengt, verkauft Zensur als Tugend und Repression als „Demokratieschutz“.
Sein stärkster Gedanke ist dabei nicht die übliche Empörung, sondern die saubere Trennung von legitimen Zielen (auch wenn man sie ablehnt) und illegitimen Zielen. Illegitim sei etwa „das Verbot von Parteien, die von den Regierenden als störend empfunden werden“ . Und dann kommt der Satz, der im Saal eigentlich wie ein Feueralarm wirken müsste: „Man kann mit der Begründung, man verteidige die Demokratie, die Demokratie nämlich auch abschaffen“ . Wer hier noch klatscht, klatscht nicht für Demokratie, sondern für ein bequemes Weltbild ohne Widerspruch.
Martenstein entlarvt außerdem den rhetorischen Taschenspielertrick „rechts = rechtsradikal“ und zeigt, wie „Nazi“ zum Sammelbegriff wird, um dem Gegner die Gesprächswürdigkeit abzusprechen („Satisfaktionsfähigkeit“) . Das ist die Brandmauer-Logik in Reinform: erst etikettieren, dann ausgrenzen, dann „juristisch“ erledigen.
Und am Ende serviert er die bitterste Pointe: Die AfD kleinzuhalten wäre „ein Kinderspiel“ – man müsste „lediglich ein paar Probleme angehen“ (Massenmigration, Sicherheit, Bildung, Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft). Heißt übersetzt: Nicht der Gegner ist übermächtig, sondern die eigene Politik zu schwach – und deshalb soll das Verbot die Debatte ersetzen!
Frauke Petry – Ex-AfD aber immer noch Hassfigur der Linken?
Petry eröffnet ihren Beitrag nicht mit Parteitaktik, sondern mit einem psychologischen Haken: „Sehr geehrte Besucher, haben Sie Angst, dass in absehbarer Zeit der Faschismus ausbricht?“ – und gleich danach der Schlüssel: „Gefühle sind mächtiger als jedes Argument.“ Damit benennt sie (zutreffend) den Motor solcher Abende: Es geht weniger um Beweise als um Stimmungen, weniger um Rechtsfragen als um moralische Erregung.
Dann zieht sie dem „Gerichts“-Setting die Maske vom Gesicht. Mit der Erinnerung an Hexenprozesse und „furchtbare Juristen“ rückt sie das Format in die Nähe historischer Selbstgerechtigkeit. Bei diesen Worten sinkt SPD-Urgesteins-Vorsitzende Däubler-Gmelin immer tiefer in ihren Richtersessel.
Und Petry setzt ihre persönliche Erfahrung als Kontrastfolie: DDR ohne Rechtsstaat, später „Bürger unter Generalverdacht während Corona“, „Meldestellen“ und „Hausdurchsuchung wegen Internetmemes“ . Der härteste Satz fällt nüchtern, ohne Pathos: „Ein Gericht … ist so ziemlich der letzte Ort, an dem ich Deutschlands Zukunft verhandelt sehen möchte.“ Das trifft die Peinlichkeit dieses Theaters: Politik wird zur Strafsache umetikettiert, damit Abweichung wie Schuld wirkt.
Inhaltlich ist ihre stärkste Passage die Beschreibung kultureller Deutungshoheit: Macht werde nicht primär durch Gewalt gesichert, sondern durch „kulturelle Hegemonie“ – also darüber, „wer bestimmt, was als moralisch gilt“ und welche Begriffe überhaupt noch sagbar sind . Genau hier sitzt der Stachel: Wer die Sprache kontrolliert, braucht kaum noch Argumente.
Ihre schärfste Zuspitzung folgt mit dem Alinsky-Zitat als Anleitung zur politischen Entmenschlichung: „Der Zweck heiligt die Mittel … Vergessen Sie jede Menschlichkeit … vernichten Sie den Gegner als Menschen.“ Und sie übersetzt es ins Heute: „mehr Druck, mehr Repression, mehr Verbote“ bis zur „Vernichtung des politischen Gegners“ . Das ist die eigentliche Anklage – nicht gegen „Deutschland“, sondern gegen ein Milieu, das Widerspruch zur Gefahr erklärt.
Ganz am Ende streift sie noch KI/Robotik/Biotechnologie als nächste „Umbruchwelle“ – aber das bleibt eher ein unbedeutender Nebenstrang; der Kern ihrer Rede ist die Warnung vor moralischer Herrschaftstechnik und dem Umbau der Debatte zur Tribunalszene.
Joana Cotar (Ex-AfD) über Moral, Gesinnung und die vermeintlich freiheitlich-offene Gesellschaft
Zunächst verwundert es, dass mit Cotar noch eine Ex-AfD-Abgeordnete sprechen muss. Die unvermeidliche Frage: Wollen die „Prozessmacher vom Thalia Theater“ keine Redner oder Zeugen von der AfD selbst oder wurden ausgerechnet die, welche man gerne verurteilen möchte, erst gar nicht eingeladen?
Cotar liefert jedenfalls – anders als viele, die sich in solchen Formaten in Parteietiketten verbeißen – eine präzise Diagnose der Mechanik hinter Brandmauer, Ausgrenzung und moralischer Selbstüberhöhung. Ihr stärkster Einstieg ist eine Ohrfeige für die Wohlfühlgewissheit des Publikums: „Freiheit scheitert selten an der Lüge. Sie scheitert an Gewissheit.“ Der Punkt sitzt: Lügen kann man prüfen, Gewissheiten werden geglaubt – und zwar mit religiösem Eifer. Wer sich „moralisch unangreifbar“ wähnt, hält Abweichler nicht mehr für Gesprächspartner, sondern für Gefahrgut.
Sehr klug ist auch, wie sie „Postwahrheit“ umdeutet: nicht als Zeitalter der Lüge, sondern als Zeitalter der Identitäts-Wahrheit. „Wahrheit dient der Selbstverortung, nicht der Verständigung“ ; jede Gruppe hat „eigene Zahlen, Experten und Narrative“ . Das ist die nüchterne Erklärung, warum Debatten nicht mehr debattieren: Man prüft nicht, man „bewohnt“ Wahrheiten. Und sobald Wahrheit Haltung ist, wird „Abweichung verdächtig“ und Irrtum zum Gesinnungsbeweis .
Dann kommt der Teil, der dem Thalia-Setting besonders wehtut: Freiheit lebt davon, „dass Menschen falsche Dinge sagen dürfen, ohne … sozial aussortiert zu werden“ . Genau das aber ist hier das inoffizielle Programm: Man verkauft Ausschluss als Hygiene. Cotar beschreibt den Kipppunkt messerscharf: Wenn der gemeinsame Maßstab fehlt, wird Widerspruch nicht sachlich, sondern moralisch erklärt – als „Mangel an Integrität“ . Ergebnis: „laut und gleichzeitig still, voller Meinung, aber arm an echten Gesprächen“ .
Und schließlich zerlegt sie die autoritäre Versuchung der „offenen Gesellschaft“, die sich „notfalls mit dem Ausschluss derer, die nicht passen“ verteidigt – „ohne die Ironie dabei zu erkennen“ . Besonders stark sind ihre konkreten Bilder: „mehr Gesetze gegen lustige Memes“, Hausdurchsuchungen bei Publizisten, Ärzten, Libertären – alles „im festen Glauben auf der richtigen Seite zu stehen“ . Das ist die Pointe des Abends: Nicht „Deutschland“ steht vor Gericht, sondern ein Milieu, das die Demokratie zur Kulisse macht und Stabilität zum Selbstzweck.
Ihr Schluss bringt es auf einen Satz, den man als Gegengift zur Brandmauer über jeden Eingang schreiben könnte: „Wahrheit entsteht nicht im Schutz der eigenen Blase. Sie entsteht im Risiko des Gesprächs.“
Feroz Khan – „Alibi-Rechter mit Migrationshintergrund“?
Khan tritt in diesen „Zeugenstand“ nicht als Bittsteller auf, sondern als echtes Störsignal: Er passt nicht ins moralische Drehbuch. Und genau deshalb kippt die Szene in etwas, das unfreiwillig entlarvend ist – weniger für ihn als für die Fragestellerinnen und das „Gericht“.
Schon der Auftakt zeigt, wie die Inszenierung funktioniert: erst eine Einordnung als „Influencer mit deutsch-pakistanischen Wurzeln“, der AfD wähle „wegen kriminellen Flüchtlingen“ und „Islamisierung“ – das ist kein neutraler Steckbrief, das ist Framing. Frau Bednartz spielt dann die „vernünftige“ Verteidigerin Deutschlands, die ihn quasi sozialpädagogisch abklopft: „Sind Sie AfD Mitglied? … seit wann? warum?“ Khan antwortet strukturiert, benennt „Fehlentwicklungen“ und stellt Migration in vier Felder: sozial, wirtschaftlich, kulturell, demografisch . Das Entscheidende: Er argumentiert nicht über Gefühle, sondern über Zustände.
Als er die innere Sicherheit priorisiert („ohne Sicherheit ist alles nichts“) und konkrete Zahlen nennt – „zwei Gruppenvergewaltigungen… über 700 jedes Jahr“, „30.000 … Messerstraftaten … 2024“, „70 bis 80%“ Anteil Migrantenhintergrund bei Delikten – müsste ein echtes Gericht jetzt nach Quellen, Definitionen, Deliktgruppen fragen. Stattdessen weicht Bednartz auf Gesinnungsabfrage aus: „ethnokultureller Volksbegriff“, „Staatsbürger zweiter Klasse“, „fremdenfeindlich“, „Invasoren“.
Er kontert sachlich, will Begriffe klären („Wie Invasion definiert ist…“) und landet bei einem simplen Mindeststandard: „Grenzkontrollen … dass wir wissen, wer im Land ist“ . Das ist der Moment, in dem die Fassade Risse bekommt: So banal dieser Satz ist – im Milieu des Abends wirkt er wie Ketzerei.
Dann kommt Heinecke – und mit ihr der offene Kontrollverlust. Sie hört Zahlen, aber will keine Prüfung, sondern Unterwerfung: „Super Zahl. Woher haben Sie die?“ – „PKS“ – und die Linksanwältin sofort: „totaler Bullshit“ . Das ist der zentrale Offenbarungseid: Fakten werden nicht widerlegt, sie werden beschimpft. Khan antwortet trocken: „Das sagt sehr viel über Sie aus, weniger über mich." Das Publikum wollte bei "Bullshit" schon applaudieren, der Applaus erstickt aber abrupt nach Khans schlagfertigem Statement.
Von da an wird Khan nicht mehr befragt, sondern dressiert: Unterbrechungen, Ermahnungen, Wortentzug-Drohung . Heinecke legt noch nach, spielt den humanitären Kartenstapel („IS… tausende … vergewaltigt“) und fordert Ja/Nein-Moral ; Khan bleibt bei Rechts- und Geografieargumenten („nächstsichere Region“, „spätestens Türkei/Griechenland“) .
Die Schlüsselszene ist Gauland: „Bevölkerungsaustausch“ – Khan nennt es „Taschenrechner“ (Zuwanderung, Abwanderung, Geburtenraten) . Heinecke reagiert nicht mit Gegenrechnung, sondern wieder mit Herabsetzung: „dummes Zeug“ . Damit ist das Stück auserzählt: Wer die Bühne kontrolliert, braucht keine Argumente – nur Etiketten. Und das Publikum sieht (wenn es sehen will), wer hier wirklich „vor Gericht“ steht: nicht Deutschland, sondern die Fähigkeit, Dissens auszuhalten.
Peter Höres – professoraler Geschichtswissenschaftler mit ungewöhnlicher Schlagfertigkeit
Höres ist ein dankbarer Zeuge – nicht, weil er per se „rechts“ verteidigt, sondern weil er das verordnete Weltbild mit dem Werkzeugkasten des Historikers zerlegt: Begriffe, Herkunft, Bedeutungsverschiebungen, Doppelstandards.
Schon sein Einstieg ist eine kleine Provokation mit Substanz: Kulturhistorisch sei „rechts“ in fast allen Kulturen „die gute Seite“ und „links“ die „böse, die linkische“ – und ihn interessiere, „warum diese Umkehrung so weit geht, dass … die rechte Seite heute quasi nicht mehr stattfinden darf“ . Damit ist der Ton gesetzt: nicht Empörung, sondern Erklärung – und damit zugleich Anklage gegen ein Milieu, das Begriffe zur Waffe macht.
Dann legt er den Finger genau auf die wunde Stelle dieses Spektakels: Dehumanisierung. Was hier als „Kampf gegen rechts“ verkauft werde, laufe darauf hinaus: „Die müssen ausgestoßen werden aus dem Diskurs. Mit denen darf man nicht reden“ . Und Höres zieht die historische Warnlinie: Der „Antifaschismus“ sei nicht nur „gegen Faschismus“, sondern als Ideologie im Stalinismus geboren, DDR-Staatsdoktrin gewesen – mit tödlicher Bilanz . Seine Pointe ist brutal logisch: „Wenn wir nicht bereit sind, rechts genauso zu akzeptieren wie links, dann sind wir nicht mehr in einer Demokratie“ . Wer das nicht aushält, will keine Demokratie, sondern eine Gesinnungsverwaltung.
In der Befragung durch die „Verteidigung“ wird das noch plastischer, weil Höres die linke Doppelmoral an Beispielen festnagelt: Solidaritätserklärungen für eine militante Szene („Hammerbande“, „ins Koma getreten“) und gleichzeitig Desinteresse, wenn Gewalt „gegen rechts“ geht . Dazu seine wohl entlarvendste Beobachtung über den Rollenwechsel der Linken: Sie habe „Herrschaftskritik, Machtkritik und Ideologiekritik verloren“ und kritisiere inzwischen „Medien, die die Regierung kritisieren“ – das sei „irre“ . Treffender kann man den selbstzufriedenen Autoritarismus der Gegenwart kaum beschreiben.
Und dann kommt die „Anklage“ – und liefert unfreiwillig die Bestätigung. Statt auf seine Differenzierung einzugehen, versucht Heinecke ihn mit dem plumpesten Schulbuch-Test zu stellen: „Links oder rechts? Wer hat den zweiten Weltkrieg begonnen?“ . Höres will historisch sauber bleiben („nicht so einfach“), wird dafür moralisch abgekanzelt. Als er erklärt, dass die Nazis den Gegensatz „rechts/links“ ideologisch „überwinden“ wollten, grätscht sie mit Empörungsreflex rein: „Ich kann nicht … das Wort aufheben … hören“ . Das ist das Muster des Abends in Reinform: Wer differenziert, wird verdächtigt; wer moralisch zuschlägt, gilt als wachsam.
Am Ende steht Höres’ Gegenbild zu Brandmauer und Tribunalisierung: Nächtelange Diskussionen „mit Marxisten“, Bier, Streit, keine Übereinstimmung, aber Respekt – und als Grenze nicht „falsche Meinung“, sondern der Versuch, Menschen „persönlich … fertig zu machen“, „soziale Vernichtung“ . Genau diese Grenze wird in der Inszenierung dauernd überschritten – und Höres’ Auftritt macht das sichtbar.
Jens Lehrich – „fair talk“ auch in der Thalia-Theater-Schlangengrube? Wohl kaum!
Lehrich ist als Zeuge eigentlich ideal für diese Inszenierung: „alternative Medien“, „Corona“, „Gefühle“ – das sind die Triggerwörter, mit denen man ihn leicht als schillernden Sonderling markieren kann. Und genau daran scheitert das Stück, weil er sich nicht in die Karikatur pressen lässt, sondern ruhig, freundlich und erstaunlich unaggressiv bleibt. Schon im Vorspann wird er etikettiert: „Kritiker werfen ihm die Verbreitung von Verschwörungstheorien vor“ – ein Satz, der bei anderen Zeugen auffällig fehlt. Lehrich benennt das als Unfairness: „Bei den anderen wird es aber nicht benannt… Bei mir wird es benannt… zeigt… wo es … nicht ganz fair abläuft“ . Das ist der erste Riss in der Bühnenfassade: Das „Gericht“ bewertet, bevor es fragt.
In der Befragung durch Schwilden wirkt der Verteidiger bemüht, seine Rolle seriös zu füllen, aber zugleich merkt man: Hier wird ein „Dialog“-Narrativ vorbereitet, das die Anklage später als Knüppel benutzen will. Lehrich erklärt „alternative Medien“ als Gegenperspektive zu Themen, die „in den Leitmedien … zu kurz kommen“ , und begründet seinen Weg biografisch – ohne Mission, ohne Heilsversprechen. Er sagt sogar ausdrücklich: „Empfehle ich jedem Menschen, Fairtalk zu schauen? Nein, auf gar keinen Fall“ . Das ist nicht der Ton eines Agitators, sondern eines Moderators, der seine Reichweite einhegen will.
Schildens stärkster Moment ist das Beispiel mit dem Tweet des Gesundheitsministeriums vom 14. März 2020 („Achtung, Fake News… massive weitere Einschränkung… Das stimmt nicht“) und dem Hinweis, dass kurz darauf Einschränkungen kamen . Lehrich weigert sich aber, daraus die große Verschwörung zu basteln: „dazu habe ich keine Bewertung… ich nehme das wahr und bleibe bei mir“ . Auch das passt nicht ins Feindbild – er liefert keine Steilvorlagen.
Dann übernimmt der „Ankläger“ Speit – dieser schaut während der gesamten Zeugenbefragung drein, wie eine Angela Merkel damals in dem Moment, als sie nach einem Wahlsieg eine Deutschlandfahne unachtsam in eine dreckige Ecke geworfen hatte.
Die Anklage fragt nicht wirklich, sie signalisiert Abscheu. Gleich der Einstieg: „Warum laden Sie rechtsextreme ein?“ . Lehrich antwortet mit einem demokratietheoretisch sauberen Gedanken: Extremismus gedeihe „im Dunklen… durch Ausgrenzung“, deshalb gehöre er „auf eine Bühne… viel Licht“ . Speit kontert nicht argumentativ, sondern psychologisierend-herablassend: „Gefühle sind Gefühle, aber… besorgt bei ihrem Gefühl“ . Das ist das Muster: Nicht Inhalt prüfen, sondern sofort den Charakter des vermeintlichen Gegners pathologisieren.
Als Speit ihm dann vorhält, sein Format sei gar nicht dialogisch („da sitzen die gleichen Meinungen“) , kommt die eigentliche Entlarvung: Lehrich berichtet, man habe Lauterbach, Drosten & Co. wiederholt eingeladen – „Diese Dialog wurde immer untersagt“ . Heißt: Der Mangel an „Dialog“ ist nicht primär sein Wille, sondern die Verweigerung derer, die später „fehlende Ausgewogenheit“ anklagen.
Am Schluss sagt Speit den entscheidenden Satz: „Sie bieten Plattform… Forum… Resonanzraum“ . Genau. Und in dieser Inszenierung ist das schon das Delikt: einen Debatten- bzw. „Resonanzraum“ zu schaffen, den das Milieu offenbar nicht zu kontrollieren weiß. Wie gut!
Kay Ray – eine „Hamburger Tunte“ lehrt die vorgeblich „Achso-Divers-Tolleranten“ was wahre Kunstfreiheit bedeutet!
Bei Kay Ray passiert auf dieser Bühne das, was man sonst nur aus schlechten Drehbüchern kennt: Die Anklage kneift. Und zwar offen. Die „Linksanwältin“ lässt verkünden, man verspreche sich „keine erhellenden Informationen“ – übersetzt: Dieser Zeuge ist zu unberechenbar für die gewünschte Dramaturgie! Ein bisexueller Regierungskritiker, der optisch nicht ins Feindbild passt und inhaltlich den Finger genau in die Wunde „Cancel Culture“ legt? Den fragt man lieber gar nicht. Das ist weniger Prozess als PR-Management.
Damit fällt Schwilden (die „Verteidigung“) unfreiwillig die komplette Zeugenbefragung zu – und macht es tatsächlich streckenweise so unbeholfen, als wolle er gleich mit abräumen, was die Anklage liegen lässt. Er beginnt mit dem „queer“-Etikett und dem Versuch, Ray als „Feindbild der AfD“ zu rahmen. Ray bügelt das trocken weg: unpolitisch, kein Jurist, kein Parteimensch – sein Thema sei „die Freiheit der Kunst“ . Der Mann steht da nicht als Parteisoldat, sondern als Künstler, der sich nicht vorschreiben lassen will, welche Haltung er haben muss, um auftreten zu dürfen.
Und dann wird Kay Ray richtig gut – weil er das Milieu im Raum mit einem Satz auf Temperatur bringt. Er blickt in die Reihen und stichelt: Bei seinen Shows sei es voll, „hier ist es nicht voll“ . Das sitzt, weil es die Selbstwahrnehmung der Szene trifft: Man hält sich für Mehrheitsgesellschaft, ist aber oft nur Echokammer mit Förderkulisse.
Seine Diagnose zur Cancel Culture ist dann das eigentliche Finale: Es gehe weniger um ihn, sein Publikum finde ihn immer; das Problem sei „ideologische Homogenität“ in staatlichen Häusern und „vorauseilender Gehorsam“ von Theaterleitungen . Er beschreibt Cancel Culture nicht als offizielles Verbot, sondern als soziale Technik: „man spricht nicht mit mir… man geht nicht mehr ans Telefon… versucht dann diesen Namen auch nie wieder zu erwähnen“ . Kein Richterspruch, keine Debatte – nur stilles Wegorganisieren!
Und dann die letzten Worte, die wie ein Schlussakkord in die Stille knallen: „Das Schlimmste… [ist], dass die Leute, die canceln wollen, nicht nur die Künstler loswerden wollen…, sondern deren Publikum obendrein auch“ . Genau darum ist die Anklage geflohen: Weil hier plötzlich nicht mehr „AfD“ auf der Anklagebank sitzt, sondern ein Milieu, das Menschen samt Publikum aus dem Kulturraum herauskegeln will – und das „Demokratie“ nennt.
Der KLARTEXT-Schlusskommentar
Wenn Sie nach diesen sieben Szenen noch glauben, es ginge dort im Hamburger Thalia Theater um „Deutschland“ oder um eine einigermaßen saubere juristische Prüfung, dann haben Sie das Entscheidende übersehen: Das Verfahren richtet sich in Wahrheit gegen „Abweichler“. Nicht gegen Straftäter, nicht gegen „falsche Fakten“ – sondern gegen Menschen, die den Meinungskorridor nicht als Naturgesetz akzeptieren. Das Muster ist immer gleich: Erst wird gerahmt, dann wird etikettiert, dann wird – wenn nötig – beschämt, unterbrochen, pathologisiert. Und sobald Fakten stören, werden sie nicht widerlegt, sondern moralisch entsorgt.
Am deutlichsten wird es ausgerechnet bei der Befragung von Kay Ray: Die „Anklage“ verzichtet auf Fragen, weil sie sich „keine erhellenden Informationen“ verspricht.
Das ist der Moment, in dem die Maske fällt. Ein echter Prozess fragt, auch wenn es unbequem wird. Ein Schauspiel wählt seine Zeugen danach aus, ob sie ins Bild passen. Und Kay Ray sagt am Ende in einem Satz, warum dieses Ausgrenzen so perfide ist: „Cancel Culture“ will nicht nur den Künstler loswerden – sondern gleich sein ganzes Publikum mit. Und so soll die „Brandmauer“ auch nicht nur einzelne Extremisten aus dem Verkehr ziehen, sondern gleich die Hälfte der deutschen Bevölkerung mit.
Damit steht nicht „Deutschland“ am Pranger, sondern eigentlich das Milieu, das Kritik nur dann liebt, wenn sie von der richtigen Seite kommt. Ein Milieu, dass offenkundig unfähig ist, seine eigenen Widersprüche zu erkennen und Doppelstandards zu hinterfragen. Dazu passt auch, dass das Thalia Theater nach großzügiger Veröffentlichung aller Videos incl. separater YouTube-Playlist alle Videos außer der "Ich will die AfD verboten sehn Auftritt" von Michel Abdollahi auf „privat“ gestellt oder sogar gelöscht hatte (in der Zwischenzeit sind die Videos - in welcher Bearbeitungsfassung ist unklar - wieder abrufbar). Offenbar wollte man nicht, dass die eigene schiefgelaufene AfD-Verbotsdebatte für noch mehr Schlagzeilen sorgt.
Insofern muss man den „Machern“ vom Thalia Theater sogar dankbar sein: Ohne diesen zweifelhaften Beitrag hätten wir niemals so plastisch vor Augen geführt bekommen, wie weit die Einheitsfront aus den „etablierten Parteien“ und Teilen der „Zivilgesellschaft“ bereits „ihre Demokratie“ höchstselbst demontiert haben. Ein Ruck geht nun durch das gesamte Land und wir dürfen uns zusammen mit Roman Herzog (†) darüber von Herzen freuen.