„Schutz ohne Bedarf“ – und wer den Preis dafür bezahlt

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Einordnung einer 48-jährigen Maßnahmenkritikerin zum Enquete-Talk von Tom Lausen (Wiesbaden, 27.02.2026) von S. Baier aus Rheinland-Pfalz

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Ich bin 48. Ich habe zwei Kinder. Und ich gehöre zu denen, die sich in den Jahren 2020 bis 2022 nicht „mitziehen“ ließen – weder durch Angstkampagnen noch durch sozialen Druck. Nicht, weil ich leichtsinnig wäre. Sondern weil ich sehr früh gespürt habe: Hier stimmt das Verhältnis nicht mehr. Risiko und Maßnahme passen nicht zusammen. Und vor allem: Es wird nicht sauber hingeschaut.

Tom Lausen hat an diesem Abend in Wiesbaden vieles ausgesprochen, was ich seit Jahren als Kloß im Hals trage. Er tut das mit Witz, manchmal mit Spott, oft mit bitterer Zuspitzung. Aber der Kern ist ernst: Wer hat wann auf welcher Datenbasis entschieden – und warum hat so lange keiner die offensichtlichen Widersprüche aufgearbeitet?

Die Grundfrage: Bedarf oder Entmündigung?


Lausen startet nicht mit einer Zahlenlawine, sondern mit einem Grundsatz, der mir aus der Seele spricht. Er zitiert sinngemäß eine Position, die schon 2020 formuliert wurde: „Schutz ohne Bedarf ist nicht erforderlich. Er wäre eine Entmündigung und mit dem Menschenbild unserer Verfassung nicht zu vereinbaren… Nur die Selbstverantwortung entspricht dem Menschenbild des Grundgesetzes.

Genau daran zerbrach für mich damals das Vertrauen: Man behandelte mündige Bürger wie unmündige Untertanen. Und man tat so, als sei Selbstverantwortung plötzlich ein moralischer Makel.

Für mich als Mutter war das nicht abstrakt. Wenn der Staat Kindern das Atmen hinter Masken und das Lernen in Isolation zumutet, wenn Spielplätze gesperrt werden, wenn Familien auseinandergerissen werden – dann ist das nicht „nur Politik“. Dann ist das ein Eingriff in Biografien.

Und ausgerechnet in einer Enquete-Sitzung wird es dann von einer Caritas-Sachverständigen so ausgesprochen, wie es eigentlich längst hätte in den Nachrichten laufen müssen: Viele Maßnahmen seien „zu intervenierend“ gewesen – und ja, „selbst der Besuch eines Spielplatzes“ war zeitweise verboten, für Kinder ohne Garten „eine wirkliche Tortur“.

Ich erinnere mich, wie ich damals Eltern sah, die ihre Kinder beim leisesten Husten wie Gefährder behandelten. Wie Kinder lernten, andere Kinder zu meiden. Das ist keine Bagatelle. Das prägt.

„Wir können Teilchenbeschleuniger – aber bei Corona nicht ins Detail gehen“


Lausen bringt an einer Stelle einen Satz, der wie ein Schlaglicht wirkt: Wir seien als Gesellschaft in der Lage, ein „deutsches Elektronen-Synchrotron“ zu bauen – aber bei Corona sei man „nicht in der Lage, ins Detail zu gehen“.

Ich habe das genauso erlebt. Sobald man nach Details fragte, wurde man abgewertet: Querulant, Schwurbler, unsolidarisch. Dabei ist das Nachfragen in einer Demokratie kein Fehler, sondern Pflicht.

Lausen zeigt anhand der Bundesenquete-Kommission, wie unangenehm es wird, wenn plötzlich doch jemand mit Zahlen, Daten, Dokumenten kommt. Und er beschreibt, warum ihn diese „Detailverweigerung“ so wütend macht: „Wir wissen ganz viele Details, die die anderen… nicht sehen können oder wollen.

Das ist der Riss, der bis heute durch Familien geht.

Rechtsstaat als Kulisse? – Wenn Gerichte „Weisungen“ folgen


Einer der stärksten Momente in Lausens „Enquete Talk“ ist der eingespielte Videoausschnitt mit dem Staatsrechtler Professor Karl-Albrecht Schachtschneider. Der sagt nüchtern, was viele von uns gefühlt haben: Das RKI sei weisungsgebunden, nicht unabhängig; und wenn Gerichte sich einfach auf RKI-Bekundungen stützen, „nimmt es faktisch Weisungen der Bundesregierung entgegen“. Das sei „keine Rechtsprechung mehr im rechtsstaatlichen Sinne“.

Und er legt nach: Solche Rechtspraktiken kenne man „aus weniger freiheitlichen Staaten“.

Wenn man das mal sacken lässt, erkennt man: Hier wird ein rechtsstaatlicher Kern berührt. Ich erinnere mich an Bußgelder, an Denunziation, an das Gefühl, man müsse sich ständig rechtfertigen – für normales Leben.

Lausen kommentiert das mit seiner typischen Mischung aus Spott und Bitterkeit – aber ich höre dahinter die Erschöpfung: Er sagt, das Publikum könne kaum gleichzeitig zuhören und die „Schmerzen“ mancher Beteiligter anschauen. Und er setzt einen Satz, der hängen bleibt: „Was Herr Professor Schachtschneider gesagt hat, war… leicht und klar verständlich.

Genau. Es war verständlich. Und genau deshalb war es so gefährlich – für diejenigen, die weder damals noch heute wirklich Rechenschaft ablegen wollen. Bergamo als Schockbild – und warum Lausen von „Anfangsverdacht“ spricht

Bergamo! Dieses Bild, diese Erzählung: „Dort war die Hölle, deshalb musste alles passieren.“ Lausen nimmt dieses Narrativ auseinander, indem er auf eine Sterbekurve verweist – Wochensterbefälle in der Region Bergamo über viele Jahre. Im Schnitt sterben dort „190 Menschen in der Woche“ – und dann kommt ein massiver Peak – ein plötzlicher Anstieg auf das über 10-fache und dann gleich wieder absacken auf „Normalniveau“!

Er erzählt, wie sein Team hingefahren ist und „auf 27 Friedhöfe“ ging, um Gräber zu zählen, weil er es zunächst für einen Datenfehler hielt, aber die Zahlen stimmten. Und dann sagt er folgenden Satz: „Wir finden, das sieht mehr aus wie ein Anschlag… wie wenn man eine Bombe fallen lässt!“. Lausen führt aus, dass die in 2 Wochen massiv auftretenden Todesfälle größtenteils nicht „Covid19-bedingt“ waren, sondern „maßnahmenbedingt“. Die meisten der Toten waren alte, pflegebedürftige Menschen, deren meist illegal beschäftigte Pflegekräfte aus Osteuropa fluchtartig die Lombardei verlassen hatten, wenige Stunden vor dem totalen Lockdown.

Man kann daran erkennen, wie Zweifel entstehen, wenn offizielle Erklärungen brüchig wirken. Lausen sagt ja selbst: Allein dieses Thema wäre ausreichend, „um einen Anfangsverdacht auszulösen“.

Und ich frage mich: Warum war es ausgerechnet in Deutschland so schwer, den Anfangsverdacht überhaupt zuzulassen? Warum wurde er moralisch verboten? Modellierung statt Realität – die „Ausnahmesituation“ wird herbeigerechnet

Dann kommt Lausen zu dem Punkt, den ich für zentral halte: Modellierungen. Er zeigt eine RKI-Modellierung vom 5. März 2020 und beschreibt Szenarien bis „400.000 Tote in wenigen Wochen“.

Und gleichzeitig sei eine Veröffentlichung vom BMG nicht gewünscht gewesen – „mündliche Weisung“, möglichst nicht schriftlich festhalten. Das ist natürlich politisch brisant, weil es die Richtung zeigt: Nicht Transparenz, sondern Steuerung.

Lausen bringt es auf seine Art auf den Punkt, als später über „Ausnahmesituationen“ gesprochen wird: „Die haben die Ausnahmesituation per Modellierung herbeimodelliert.

Und als Mutter denke ich: Wenn man mit Rechenmodellen Politik und Panik macht, ohne die realen Folgeschäden sofort mitzuberechnen, dann bekommt man genau das, was wir bekommen haben: Kollateralschäden in Serie – und am Ende sagt man, man habe „es gut gemacht“.

Schweden, Empfehlungen – und der Satz, der alles entlarvt


Einer der klarsten Kontraste des Abends ist Schweden. Lausen spielt mehrfach Anders Tegnell ein. Der entscheidende Satz lautet: „Niemand hat es versucht. Kein anderes Land hat versucht, mit freiwilligen Maßnahmen zu beginnen. Alle haben sich in der Sekunde für Zwangsmaßnahmen entschieden.“

Und Lausen rahmt das mit einem Satz, den ich mir damals von jedem Minister gewünscht hätte: „Ein Staat, der zu früh auf Zwang setzt, der sendet das Signal, wir vertrauen euch nicht.

Genau dieses Signal hat unsere Gesellschaft vergiftet. Es hat Nachbarn gegeneinander gestellt, Lehrer gegen Schüler, Familienmitglieder gegeneinander. Es hat Kinder gelehrt: Nähe ist Gefahr. Und es hat Erwachsene gelehrt: Gehorsam ist Tugend.

Die Vergessenen: Alte Menschen, Pflegeheime, Abschiedslosigkeit


Für mich ist der schwerste Teil nicht die Politik, nicht die Talkshows, nicht die peinlichen Sprüche. Es sind die Alten.

Lausen zitiert aus einem WDR-Beitrag: Bewohner, die „über Wochen in ihre Zimmer eingeschlossen“ wurden, „mitunter sediert“, in „über 70 Fällen“ habe das Heim dafür Gerichtsentscheide erwirkt. Und er kommentiert: Wenn das „wir haben es gut gemacht“ sein soll, dann sei es „eine Verhöhnung der alten Menschen“.

Ich hatte selbst einen Angehörigen im Heim. Ich weiß, was es heißt, wenn Besuch „reglementiert“ wird, wenn der Mensch hinter Plexiglas verschwindet, wenn Berührung fehlt. Das ist kein medizinisches Detail – das ist Menschlichkeit.

Passend dazu kommt Daniel Koch aus der Schweiz mit einem Satz, den man eigentlich in Stein meißeln müsste: Auch alte Menschen hätten „das Recht, über sich selber zu bestimmen“, und nur weil jemand alt sei und im Pflegeheim, sei es „nicht ein absolutes Recht vom Staat“, ihn einzusperren.

Und dann folgt noch ein weiterer, erschütternder Aspekt: Lausen berichtet, Sterbebegleitung sei nicht „die letzten vier Stunden“, sondern „ein, zwei, drei Wochen“ – und das Wegschneiden dieser Begleitung sei „absolut unmenschlich“.

Ja. Absolut unmenschlich. Und wer das relativiert, hat den Kompass verloren.

„Außerhalb der Klinik“ – die stille Sterbewelle, die keiner sehen wollte


Lausen legt dann eine These vor, die ich seit Jahren als Frage im Raum sehe: Wenn Kliniken leer waren – wo sind die Menschen geblieben, die sonst behandelt worden wären?

Er sagt: Weil Krankenhäuser leer waren, könne es sein, dass Menschen „außerhalb der Kliniken“ starben. Und dann: „Nicht gut, oder?“ – es lasse den Verdacht aufkommen: Nichtbehandlung, Falschbehandlung, Angst, Isolation, Verlust des Lebenswillens. Er nennt Zahlenordnungen („1.000 mehr“, „3.000 mehr“ in Thüringen) und sagt: „Das analysiert keiner!

Ich erinnere mich an Bekannte, die Vorsorge abgesagt haben, weil sie Angst hatten, „in der Klinik Corona zu holen“. Ich erinnere mich an verschleppte Diagnosen, an Depressionen, an Alkohol, an Jugendliche, die innerlich eingeknickt sind. Und dann höre ich, wie im April 2020 (!) schon der damalige Ethikrat-Vorsitzende mahnt, man müsse die Maßnahmen immer wieder auf Verhältnismäßigkeit prüfen – und er zählt auf: verschobene Operationen, unterbrochene Therapien, Sterbende ohne Begleitung, Beerdigungen „auf das unmenschlich empfundene Minimum reduziert“.

Man konnte es wissen. Früh. Man wollte es nur nicht in den Mittelpunkt stellen.

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Was ich mir wünsche – und warum solche Abende wichtig sind


Ich habe keine Lust auf Rachefantasien. Ich will Aufarbeitung, die diesen Namen verdient. Ich will, dass Verantwortliche erklären müssen:

  • Welche Daten lagen wirklich vor?
  • Welche Alternativen wurden ernsthaft geprüft?
  • Welche Folgeschäden wurden wissentlich in Kauf genommen?
  • Warum wurde Zwang zur ersten, nicht zur letzten Option?

Und ich will vor allem, dass wir wieder zu dem zurückfinden, was Lausen gleich am Anfang einfordert: Räume, in denen Menschen real zusammenkommen, „analoge Communities“, nicht nur digitale Empörungsschleifen.

Denn ja: Es ist auch „Infotainment“. Man lacht. Und manchmal tut das Lachen weh. Aber vielleicht ist es genau dieses Lachen, das wieder Luft in die Lunge bringt – nach Jahren, in denen viele von uns den Atem angehalten haben, um nicht als „Problem“ zu gelten.

Ich habe mich damals entschieden, mich und meine Kinder nicht jeder Maßnahme zu unterwerfen, nur weil sie befohlen wurde. Diese Entscheidung hat mich Freunde gekostet, Nerven gekostet, schlaflose Nächte gekostet. Aber sie hat mir das Wichtigste bewahrt: den inneren Kompass.

Und wenn ich aus diesem Abend eine Lehre ziehe, dann die:
Beim nächsten Mal ist die entscheidende Frage nicht: „Was wird befohlen?“ – sondern: „Wo ist der Bedarf, wo sind die Daten, und wo bleibt die Verhältnismäßigkeit?“