Buchhinweis von Prof. Dr. Michael Meyen

Die Propaganda beginnt mit der Verpackung. Jeder Konsument weiß das. Red Bull ließ einst sogar einen Österreicher vom Himmel fallen, um uns einreden zu können, dass ein Haufen Zuckerwürfel Wunder tut, wenn man ihn in eine Dose presst und kaltstellt. Was Körper und Arzt dazu sagen? Kein Thema.
Das Märchen von den Flügeln ist nichts gegen die Geschichte, die uns tagein, tagaus über den Journalismus erzählt wird. Genau genommen handelt es sich um drei Geschichten, die schon da waren, als die meisten von uns geboren wurden, und dann so oft wiederholt worden sind, dass sie genauso zum Inventar unseres Lebens zu gehören scheinen wie „die Demokratie“. Geschichte eins: Der Journalismus ist unabhängig, neutral und objektiv. Geschichte zwei: Die Leitmedien sind eine „vierte Gewalt“ – dazu auserkoren, Parlamenten, Behörden und Gerichten auf die Finger zu klopfen, wenn dort der Filz die Oberhand gewinnen sollte. Und Geschichte drei, die beste von allen: Der Rundfunk gehört uns. Ihnen, mir. Was „öffentlich-rechtlich“ heißt, hat, so geht diese Geschichte weiter, nichts mit dem Staat zu tun und auch nichts mit Wirtschaft oder Politik, sondern spiegelt einzig und allein, was Profis in den Redaktionen für so relevant halten, dass es die Gesellschaft wissen sollte. Deshalb muss jeder zahlen. Ein „Beitrag“ für das gedeihliche Miteinander. Keine „Gebühr“, einzuziehen von einer „Zentrale“ (so hieß das bis Ende 2012), und erst recht keine Steuer.
Der Volksmund hat diesen letzten Etikettenschwindel nicht mitgemacht und spricht störrisch weiter von der GEZ. Der Kopf dahinter ahnt auch, dass die drei großen Geschichten nicht stimmen. Objektiv, neutral und unabhängig? Ein Gegenspieler der Macht? Ein Kritiker und Kontrolleur also und kein Komplize? „Mein“ Anwalt, Freund und Helfer, obwohl er mir von morgens bis abends erzählt, was ich zu tun und zu denken habe? Ein „Beitrag“, den im Zweifel der Staat eintreibt mit dem Gewaltmonopol im Rücken?
Stopp. Bevor ich mich verliere im Dschungel der öffentlich-rechtlichen Sendungen, wiederhole ich, worauf es mir hier ankommt. Die Propaganda beginnt mit der Verpackung. Noch klarer: Die Verpackung ist Propaganda – bei mir ein Wort, das alle Versuche beschreibt, die Stimmung im Land zu manipulieren. Die Medienkritik klopft jeden Beitrag auf alles Mögliche ab, um der Propaganda auf die Spur zu kommen. Das ist gut und wichtig. Ich sage trotzdem: Was via ARD und ZDF über uns kommt, könnte nicht halb so gut verfangen, wenn es den Zuckerguss nicht geben würde – das Märchen von einem Rundfunk, betrieben im Auftrag des Volkes von Redaktionen, die autonom sind und nicht parteiisch. Ohne diesen Lack würde jeder schnell sehen, wer ihm hier etwas auftischen möchte – ein Parteienstaat, der den Steuerzahler gleich doppelt zur Kasse bittet: für die Propagandaapparate, die es in jedem Ministerium gibt, in jeder Behörde, bei jedem Spitzenpolitiker, und für Radio- und Fernsehprogramme, die die Botschaften dieser Apparate verbreiten.
Mein Punkt ist: Wir wissen das inzwischen. Also kann der Lack ab. Macht aus dem getarnten Staatsfunk einen echten. Dann kann der Wähler an der Urne entscheiden, was er dafür ausgeben will.
Anm.d.Red.: Michael Meyen ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU München. Sein Buch „Staatsfunk“ erscheint im September im Hintergrund-Verlag.
