Trauerwache Deutschland in Frankfurt: Ein stiller Nachmittag zwischen Trauer, politischer Mahnung – und einigen offenen Fragen

Ein Beitrag von Chris Barth
Blumen, Grabkerzen und die Gesichter getöteter Menschen bestimmten am 19. September den Frankfurter Römerberg. Rund um die „Trauerwache Deutschland“ wurde geweint, selten etwas gerufen und anschließend schweigend durch die Innenstadt gezogen. Ein würdevoller Nachmittag, der zeigte, wie tief die Wunden vieler Familien reichen – aber auch, wie schwer es offenbar geworden ist, über die politischen Ursachen ihrer Schicksale zu sprechen, ohne sofort in Lager zu zerfallen.
Schon vor Beginn der Kundgebung bot sich auf dem Römerberg ein ungewöhnliches Bild. An Bauzäunen reihten sich Porträts von Menschen – darunter viele Kinder –aneinander, deren Leben durch Gewalttaten beendet worden war. Davor standen Blumen und Grablichter. Angehörige hielten Bilder ihrer Kinder, Partner und Familienmitglieder in den Händen.
Genau darin sieht die Trauerwache ihre Aufgabe: Sie will Menschen sichtbar machen, die seit der unkontrollierten „Wir-schaffen-das-Massenmigrationswelle“ 2015 bei Gewalttaten ums Leben kamen, insbesondere infolge von Attentaten, Anschlägen oder schweren Gewalttaten im Zusammenhang mit „Schutzsuchenden“. Im Mittelpunkt, so die Veranstalter, sollen ausdrücklich die Opfer und ihre Angehörigen stehen.
Dabei fiel auf: Unter den abgebildeten Opfern befanden sich keineswegs nur Menschen ohne eigene Einwanderungsgeschichte. Herkunft, Hautfarbe oder Familiengeschichte spielten bei der Trauer auf dem Platz keine erkennbare Rolle. Hier standen nicht abstrakte Statistiken nebeneinander, sondern Menschenleben. Gute Reden – die viele leider kaum hören konnten
Eine vermeidbare Schwäche der Veranstaltung war allerdings die Beschallung. Die Lautstärke war nicht nur nach meinem subjektiven Eindruck so niedrig eingestellt, dass Redner schon auf der Bühne darauf hingewiesen wurden, besonders dicht an das Mikrofon heranzugehen. Julia Ruhs bemerkte gleich zu Beginn, sie müsse das Mikrofon praktisch unmittelbar vor den Mund halten, damit sie überhaupt lauter zu verstehen sei.
Für die ersten Reihen funktionierte das. Weiter hinten auf dem großen Römerberg war von vielen Redebeiträgen dagegen gar nichts mehr zu hören. Das war schade, denn gerade die Reden gehörten zu den stärksten Teilen des Nachmittags.
Ruhs erinnerte zunächst an Michael Kyrath und seine Tochter Ann-Marie, die gemeinsam mit ihrem Freund Danny beim Messerangriff in einem Regionalzug bei Brokstedt auf grausame Weise ermordet worden war. Sie würdigte besonders, dass Kyrath trotz seines Verlustes nicht von „Wut und blindem Hass“ getrieben auftrete.
Politischer wurde es anschließend. Ruhs erklärte, illegale Zuwanderung sei unter der CDU-Bundesregierung zurückgegangen, und bescheinigte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, „keinen schlechten Job“ zu machen. Auf dem Römerberg war darauf auch deutlicher Unmut und Buhrufe zu hören. Für viele der Teilnehmer ging diese Einschätzung offenbar erheblich zu weit.
Später formulierte Ruhs einen Satz, der wesentlich mehr Zustimmung erhielt: Erklärungen wie psychische Erkrankungen, Traumatisierung oder patriarchale Prägung könnten Hintergründe einer Tat beschreiben, sie aber nicht entschuldigen. Auch wandte sie sich gegen die oft gehörte Behauptung, Deutschland sei „noch nie so sicher“ gewesen.
„Ich war selten so besorgt“
Manuel Ostermann, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, begann seine Rede bewusst nicht mit Kriminalstatistiken, sondern mit den Angehörigen.
Er sprach von Respekt, Dankbarkeit und Gedenken: Menschen, die viel zu früh gestorben seien, hätten „Träume“ und „Hoffnung“ gehabt. Besonders würdigte er die Arbeit der Hinterbliebenen, die aus ihrem persönlichen Verlust Unterstützung für andere Familien entstehen ließen.
Dann wurde auch Ostermann politisch. Er erklärte, er sei „selten so besorgt um die Bundesrepublik Deutschland“. Statt immer wieder nur über Symptome der seit 2015 entstandenen Probleme zu reden, müsse man über Ursachen sprechen. Eine dieser Ursachen sieht Ostermann in einer falsch verstandenen politischen Korrektheit: „Fakten bleiben Fakten und Realität bleibt Realität.“
Die Grundfrage ließ sich auf diesem Platz kaum verdrängen. Wie verhindert eine Gesellschaft weitere Opfer, ohne Menschen pauschal nach Herkunft zu beurteilen – und ohne erkennbare Probleme aus Angst vor politischen Etiketten kleinzureden?
„Ich kann das nicht mehr ertragen“
Vielleicht am unmittelbarsten war der Beitrag von Victoria van Valkenburg.
Sie erzählte, wie sie am 19.12.2016 eigentlich mit ihrer achtjährigen Tochter den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz besuchen wollte. Weil ihre Tochter an diesem Abend nicht mitgehen wollte, blieb die Familie zu Hause. Wenig später raste – so die „offizielle Darstellung“ – ein gewisser Anis Amri mit einem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt.
Jahre später, am 17. Geburtstag ihrer Tochter, ereignete sich der Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt. Nach weiteren tödlichen Gewalttaten sei für sie als Mutter der Punkt gekommen, an dem sie gedacht habe: „Ich kann das nicht mehr ertragen.“
Vor dem anschließenden Trauermarsch appellierte sie ausdrücklich an die Teilnehmer: „Wir sind viele, wir sind friedlich und lassen uns nicht provozieren.“
Und genauso verlief der Aufzug.
Ein stiller Zug durch Frankfurt
Nach der Auftaktkundgebung bewegte sich der Trauermarsch durch die Frankfurter Innenstadt. Nach einer Vor-Ort-Zählung eines freien Journalisten sollen rund 1.250 Menschen teilgenommen haben.
Am Römer, an der Paulskirche und später am Roßmarkt sahen zahlreiche Passanten den langen Zug mit den Opferbildern. Doch gerade hier zeigte sich eine zweite Schwäche der Veranstaltung: Für Außenstehende war teilweise schwer zu erkennen, worum es konkret ging.
Eine ältere Frau hinter uns fragte ihren Mann ratlos, was denn „2015“ eigentlich gewesen sei. Eine kleine Szene – aber vielleicht eine bezeichnende. Denn Gedenken kann nur gesellschaftlich wirken, wenn auch diejenigen verstehen, was sie dort gerade sehen, die nicht ohnehin schon mit dem Thema vertraut sind, oder alles bereits verdrängt oder sogar vergessen haben.
Wenn es plötzlich die eigene Familie trifft
Besonders bewegend wurde es nach der Rückkehr auf den Römerberg, als Angehörige selbst sprachen.
Die „BILD“ und viele Livestreamer vor Ort berichteten ausführlich über die Eltern des in Trier getöteten Marius und über Michael Kyrath selbst. Alles Familien, welche vermutlich bis vor kurzem noch davon überzeugt waren, die CDU wäre „ihre Partei“ und die Regierung würde den Opferfamilien irgendwie helfen. Die Trauerwache Deutschland gibt diesen persönlichen Schicksalen Raum und Zeit und lässt die Angehörigen selbst zu Wort kommen.
Gerade diese Familien machen sichtbar, was politische Debatten über Migration, innere Sicherheit oder Behördenversagen schnell vergessen lassen: Für die Betroffenen gibt es kein Zurück zur Normalität.
Ein leerer Platz am Esstisch bleibt leer!
Große Politik und Medien? Auffällig wenig Resonanz!
Bemerkenswert war schließlich die politische und mediale Wahrnehmung.
Trotz persönlicher Einladung haben sich weder Bundespräsident Steinmeier (SPD) noch Bundeskanzler Merz (CDU) auf der Kundgebung blicken lassen. Verwundert hat das aber niemanden wirklich - dass von den sogenannten „Leitmedien“ ausschließlich die „BILD“ berichten wollte, schon eher. Dafür waren zahlreiche alternative Medien und Livestreamer vor Ort. Ein ARD-Fernsehteam des Hessischen Rundfunks wurde ebenfalls auf dem Römerberg beobachtet.
Eine entsprechende Berichterstattung des HR über die Trauerwache war anschließend jedoch nicht zu finden. Nach einer veröffentlichten Antwort der hessenschau auf eine Anfrage der ehemaligen Bundestagsabgeordneten Joana Cotar habe die Redaktion angesichts zahlreicher Demonstrationen am Samstag auswählen müssen; die tatsächliche Größe der Frankfurter Veranstaltung habe man erst spät erfahren.
Hatte das ARD-Fernsehteam nur eingeschränkte Sicht auf die über 1.000 Teilnehmer? Oder war das Thema so kurz vor den Landtagswahlen in MV und Berlin einfach politisch unerwünscht?
Dass ausgerechnet eine Veranstaltung mit Hunderten Opferporträts und zahlreichen persönlich betroffenen Angehörigen medial so unterschiedlich gewichtet wird, darf zumindest Fragen aufwerfen. Erst recht, wenn ausgerechnet eine große australische (!) aber keine deutsche TV-Nachrichtensendung über die Kundgebung in Frankfurt berichtete.
Was bleibt?
Es war kein perfekter Nachmittag.
Die Beschallung war zu leise. Der Trauermarsch hätte seine Botschaft für Passanten sichtbarer erklären, die Aufzugsroute besser gewählt werden können. Auch die Strategie der Veranstalter, möglichst jede politische Vereinnahmung und bestimmte Konflikte im Vorfeld zu vermeiden, hat offenbar nicht jeden überzeugt. Einige fühlten sich als AfD-Wähler „unerwünscht“ und kritisierten das Bühnen-Design, auf dem ein fettes EU-Zeichen prangte, während das Zeigen der Deutschlandfarben Schwarz-Rot-Gold als „unerwünscht“ galt.
Doch vielleicht liegt gerade darin eine größere Aufgabe.
Menschen werden bei Migration, Corona, Russland, Ukraine, Iran, Parteien oder Medien niemals vollständig einer Meinung sein. Eine demokratische Gesellschaft muss diese Unterschiede aushalten.
Aber vielleicht ließe sich zumindest bei einigen Grundsätzen wieder zusammenfinden:
Ein Menschenleben ist nicht weniger wert, weil das Opfer nicht ins eigene politische Weltbild passt. Trauer braucht keine Parteizugehörigkeit. Gewalt darf weder verschwiegen noch instrumentalisiert werden. Und wer weiteres Leid verhindern will, muss über Ursachen sprechen dürfen.
Auf dem Römerberg standen an diesem sonnigen Septembertag Blumen und Kerzen vor Hunderten Gesichtern.
Viele Menschen hatten Tränen in den Augen.
Vielleicht war genau das die wichtigste Botschaft dieser Trauerwache:
Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Und hinter jedem getöteten Menschen bleibt eine Familie zurück.