UMSTELLUNG AUF KRIEGSWIRTSCHAFT: VON DER INDUSTRIEPLANUNG ZUR POLITISCHEN REALITÄT

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Gekürzte Fortsetzung zum Artikel »Aufrüstung im Niedergang: Warum Deutschland und die EU in Krieg investieren«. - Ein Gastbeitrag von Michael Hollister

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Im Frühjahr 2025 fand in Frankfurt am Main ein streng vertrauliches Treffen des Volkswagen-Konzerns mit seinen wichtigsten Händlern statt. Striktes Handyverbot, keine Mitschriften, Kontrollen am Eingang. Die zentrale Botschaft lautete: 2025 wird wirtschaftlich hart, aber ab 2026 werde Deutschland auf Kriegswirtschaft umgestellt. Der Staat plane, den Spannungsfall auszurufen.

Diese Information stammt von einer für mich höchst verlässlichen Quelle – und sie ist kein Einzelfall. Mir liegen mehrere Hinweise aus unterschiedlichen Industriezweigen vor, die alle denselben Zeithorizont 2026 nennen. Es handelt sich nicht um eine skurrile Einzelmeldung, sondern um ein Muster in der internen Kommunikation der Industrie.

Der Spannungsfall: juristische Brücke zur Kriegswirtschaft

Der Begriff »Spannungsfall« klingt technisch, fast harmlos. Juristisch ist er einer der schärfsten Hebel des Grundgesetzes. Der Bundestag kann ihn auf Vorschlag der Bundesregierung feststellen, wenn die »Sicherheit des Bundes gefährdet« ist – eine weit auslegbare Formel. Mit diesem Beschluss werden Gesetze aktiviert, die im Alltag ruhen, aber längst bereitliegen.

Dazu gehören Sicherstellungs- und Wirtschaftssicherstellungsgesetz, Verkehrssicherstellungsgesetz, Wehrpflichtgesetz in verschärfter Form sowie Regelungen zur Mobilmachung der Bundeswehr. Im Spannungsfall darf der Staat Arbeitspflichten anordnen, Produktionsprozesse lenken und Unternehmen zwingen, für militärische Zwecke zu produzieren – auch gegen deren wirtschaftliche Interessen. Private Betriebe werden zu Gliedern einer staatlich gesteuerten Rüstungsökonomie. Der Spannungsfall ist die juristische Brücke zur Kriegswirtschaft, ohne dass ein Krieg offiziell erklärt sein muss.

Genau dieser Begriff ist auf der VW-Konferenz gefallen. Kein Journalist, kein Aktivist hat spekuliert, sondern ein Großkonzern wurde intern auf 2026 eingestimmt. Das ist ein Systemsignal.

Die industrielle Vorbereitung läuft längst

Wenn ein Konzern wie VW so informiert wird, ist klar: Es geht nicht um Einzelbetriebe, sondern um systemrelevante Industrieknoten – Mobilität, Energie, Kommunikation, Logistik, Chemie, Stahl. Wer im Ernstfall benötigt wird, wird früh eingebunden.

Die Indizien sind sichtbar. Rheinmetall baut neue Munitionsfabriken, der Verteidigungsbereich meldet Umsatzsprünge, maßgeblich finanziert aus dem Sondervermögen für die Bundeswehr. Kooperationen zwischen zivilen Technologiefirmen und Rüstungskonzernen nehmen zu, Dual-Use-Projekte in Materialforschung, Robotik und Software werden massiv gefördert. Der Bundesverband der Deutschen Industrie bezeichnet sich offen als zentrale Instanz bei der Militarisierung der Wirtschaft. Die Botschaft: Die Rüstungsindustrie allein reicht nicht, der Staat braucht die zivile Industrie als verlängerte Werkbank.

Parallel wächst ein neuer Sektor: Defence-Tech-Start-ups, die Drohnen, autonome Systeme, Sensorik und KI entwickeln. Firmen wie Quantum Systems oder Helsing sammeln hunderte Millionen ein, eine wachsende Zahl junger Unternehmen arbeitet an Technologien mit militärischem Potenzial. Europaweit steigen die Investitionen in Verteidigungs-Start-ups, während klassische Industriezweige schrumpfen und Traditionsunternehmen vom Markt verschwinden. Die Wehrfabriken von morgen wachsen im digitalen Start-up-Segment.

NATO-Manöver und EU-Programme: der operative Rahmen

Die militärische Vorbereitung läuft parallel zur industriellen. Große NATO-Manöver mit Zehntausenden Soldaten testen seit 2024 fast durchgängig Verlegung, Logistik, Luftoperationen und Versorgung im Ernstfall – vor allem in Osteuropa. Strategiepapiere westlicher Thinktanks fordern, Europa müsse bis spätestens 2027 seine Verteidigungsfähigkeit massiv ausbauen und sich auf lang anhaltende Hochintensitätskonflikte einstellen. Die Aussage »Europa soll ab 2026 kriegsfähig sein« ist keine düstere These, sondern militärische Planungsrealität.

Auf EU-Ebene bildet das European Defence Industry Programme (EDIP) den Masterplan. Es schafft den Rahmen für eine europäische »Defence Technological and Industrial Base« – eine Verteidigungsindustriebasis mit hoher Eigenversorgung, kurzen Lieferketten und koordinierter Rüstungsproduktion. Offiziell geht es darum, die Abhängigkeit von Drittstaaten zu reduzieren. In der Praxis bedeutet es die Schaffung eines geschlossenen militärisch-industriellen Binnenmarktes: Aufträge und Zulieferketten sollen in Europa bleiben, Hersteller außerhalb Europas werden zurückgedrängt.

Begleitet wird EDIP von der European Defence Industrial Strategy (EDIS). Sie spricht offen von der »Rückkehr intensiver Kriegsführung in Europa« und fordert höhere, besser abgestimmte Rüstungsinvestitionen der Mitgliedstaaten. Zivile Produktionsstätten werden geprüft und gegebenenfalls auf militärische Zwecke umgestellt. Automobilwerke werden auf Panzer- und Militärfahrzeugfertigung vorbereitet, Zulieferbetriebe auf Munitionsproduktion. Verteidigungsausgaben und Rüstungsinvestitionen steigen seit Jahren deutlich.

Kurz gesagt: Was VW seinen Händlern für Deutschland ankündigt – die Umstellung auf Kriegswirtschaft ab 2026 –, plant die EU in Form von EDIP und EDIS für ganz Europa. Industrie, Politik und Militär arbeiten an einem koordinierten Umbau.

Der Kontrast im Inneren: Kürzungen im Sozialen, Milliarden fürs Militär

Während die Industrie auf Kriegswirtschaft vorbereitet wird, schraubt der Staat an den Grundlagen des sozialen Ausgleichs. Elterngeld wird gedeckelt, Mittel für Bildung und Forschung stagnieren oder sinken, Investitionen in Krankenhäuser werden verschoben, die Arbeitsagentur muss mit weniger Geld mehr Menschen betreuen. Gleichzeitig werden zweistellige Milliardenbeträge für Rüstungsbeschaffung, Waffenforschung und militärische Infrastruktur mobilisiert.

Zur gleichen Zeit melden traditionsreiche Unternehmen Insolvenz an, große Konzerne verlagern Produktion ins Ausland oder streichen Arbeitsplätze. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen steigt auf Werte wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Innenpolitisch wird abgebaut, außen- und sicherheitspolitisch aufgerüstet – nicht nur als Reaktion, sondern zunehmend als ökonomische Strategie in der Stagnation. Militär-Keynesianismus heißt das im Fachjargon: Kriegsausgaben als Wachstumsprogramm.

Das Dilemma: Wer Waffen produziert, braucht Kriege

Aus Sicht eines Systems ohne zivile Wachstumspfade ergibt dieses Bild ökonomisch Sinn. Die Produktion wird Richtung Rüstung gelenkt, neue Arbeitsplätze entstehen, Konzerne sichern sich Großaufträge, das Bruttoinlandsprodukt wird stabilisiert. Doch diese Logik hat einen tödlichen Haken:

Wer dauerhaft Waffen, Munition und Drohnen produziert, braucht Abnehmer. Lagerhallen sind kein Geschäftsmodell. Wer Drohnen baut, sucht Einsatzgebiete. Wer Munition herstellt, braucht Zielkoordinaten. Wer Panzer in Serie fertigt, kalkuliert mit Verschleiß.

Was früher gelegentlich militärisch »gebraucht« wurde, droht zum dauerhaften Konjunkturimpuls zu werden: zerstören – nachbestellen – neu produzieren. Sobald Kriegsausgaben zur zentralen Stabilisierungsstrategie werden, ist der Ausnahmezustand aufgehoben. Frieden wird dann für ein solches System zur ökonomischen Bedrohung.

Wer seine Wirtschaft nur noch über Rüstung stabilisieren kann, muss die Waffen irgendwann einsetzen. Und wer sie einsetzen muss, kann sich Frieden nicht mehr leisten.

Fazit: Realität in Vorbereitung

Deutschland wird in eine Kriegswirtschaft überführt. Nicht vielleicht, nicht irgendwann – sondern jetzt. Die Industrie wird eingebunden, das Narrativ ist gesetzt, die juristischen Hebel sind vorbereitet. Die NATO organisiert große Manöver, Milliarden fließen in neue Waffenfabriken und Defence-Tech-Start-ups, während Krankenhäuser, Schulen und soziale Sicherungssysteme ausgehöhlt werden.

Was zuvor wie eine abstrakte Strukturkritik wirken konnte, hat inzwischen konkrete Akteure, Programme und Zeithorizonte: Konzerne wie VW werden auf 2026 eingeschworen, Rüstungskonzerne planen Kapazitäten für diese Jahre, die EU schafft mit EDIP und EDIS die industriellen und finanziellen Rahmenbedingungen, der Bundeshaushalt sieht massive Verteidigungssprünge vor.

Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern politisch-ökonomische Planung. Die Frage ist nicht mehr, ob dieser Kurs eingeschlagen wird, sondern ob die Gesellschaft bereit ist, ihn mitzugehen – oder ob sie ihn stoppt, solange noch demokratischer Spielraum besteht.

Denn wenn Rüstung zur zentralen Quelle wirtschaftlicher Stabilität wird, verliert Demokratie ihren Inhalt. Parlamente verkommen zur Bühne, Medien zu Transmittern, der Bürger zur Ressource. Wer dann noch behauptet, er habe es nicht wissen können, hat nicht hingesehen.

Quellenangabe: www.michael-hollister.com, Michael Hollister ist Analytiker von globalen Machtstrukturen hinter Politik und Wirtschaft.