VOM MAINSTREAM LERNEN HEISST VERLIEREN LERNEN

von Redaktion — über |

Ein gesamtmedienkritischer Beitrag Dirk Hüther

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Liebe Leserin, lieber Leser,

Sie halten gerade ein alternatives Medium in der Hand. Wenn Sie sich im Bereich der alternativen Medien bereits ein wenig auskennen, wird das hier jetzt kein Zuckerschlecken. Wenn Sie noch immer den etablierten Medien glauben und Sie eher zufällig über dieses Medium gestolpert sind, werden Sie feststellen, dass es auch innerhalb unserer Blase Kritik gibt und wir nicht annähernd so gleichförmig sind, wie es der Mainstream gerne darstellt. Und bei aller Kritik machen die alternativen Medien immer noch 10-mal einen besseren Job als die Etablierten.

Alternative Medien: Anspruch und Wirklichkeit


Ich habe in den letzten 5 Jahren etliche Dutzend alternative Medien kennengelernt (ich kannte davor schon viele), deutsche wie auch internationale. Ich lasse die internationalen mal außen vor, da gibt es einige positive Ausnahmen. Für den Rest gilt das, was ich sage, auch international.

Die alternativen Medien sind mal angetreten, um das zu leisten, was die etablierten Medien versäumen. Hehre Ziele hatten sie, hohe Ansprüche, und sie wollten alles anders machen. Wie sieht es damit heute aus? Wie anders sind die alternativen Medien, vor allem im Bereich Information und Journalismus?

Fragetechnik: Warum Interviews oft scheitern


Fangen wir mit einer der Kernaufgaben von Journalisten an: Fragen stellen. Auch wenn sich die alternativen Medien dadurch auszeichnen, dass da überhaupt mal jemand kritische Fragen stellt und dann auch mal nachhakt: Das Fragenstellen an sich können sie alle nicht. Da in unserer Kultur die Gesprächskultur im Mainstream ja seit Jahrzehnten vorgelebt wird und dann von weiten Teilen der Bevölkerung adaptiert wird, ist die Fragestellung in den alternativen Medien identisch. Es reihen sich Suggestivfragen an Alternativfragen und geschlossene Fragen, oder der Interviewer braucht 5 Minuten, um seine geschlossene Frage zu erklären, und erhält am Schluss mehr Redeanteil als der Interviewte. Auch bei Leuten aus der eigenen Blase, bei denen Interviews ja wirklich leicht sein könnten, erlebe ich oft genug, dass der Interviewer gar nicht interviewt, sondern dem Gast und dem Publikum zeigen will, dass er schon genauso weit ist oder genauso viel weiß etc. Manche Interviews sind für mich unerträglich, weil es gigantische EgoShows der Interviewer sind. In den meisten Fällen denke ich mir in diesen Interviews: „Stell doch endlich mal eine Frage“. Und nein, auch die Leute, die von vielen als Helden gefeiert werden, stellen Fragen auf Bezirksliganiveau, und da unterscheiden sich die Alternativen kein Stück vom Mainstream. Ich habe in Deutschland in den letzten 15 Jahren noch nicht einen Interviewer in irgendeinem Medium gesehen, der auch nur ansatzweise brauchbare Fragen stellt.

Wie ich darauf komme? Ich bin Coach, und als Coach ist es noch viel mehr mein tägliches Brot, gute Fragen zu stellen, weil ich sonst gar nicht weiß, was ich mit dem Klienten arbeiten kann. Ich habe auch Coaches ausgebildet und ihnen Fragetechnik beigebracht. Fragetechnik ist eine hohe Kunst und beinhaltet gerade im Coaching besondere Fragen, die Journalisten nicht mal kennen. Nur findet Coaching eben nicht vor der breiten Öffentlichkeit statt, sondern in geschlossenen Räumen (um den Klienten zu schützen), und daher bleiben diese Fähigkeiten meist im Verborgenen. Und vergessen Sie diese Kasper, die Ihnen in den Medien als Coaches verkauft werden. Die haben von Coaching so viel Ahnung wie die Kuh vom Sonntag. Wer kluge Ratschläge verteilt, ist kein Coach.

Bezirksliga statt Bundesliga


Die wenigsten Journalisten haben verstanden, was Suggestivfragen überhaupt sind, geschweige denn, was z. B. zirkuläre Fragen oder Wunderfragen sind. Stattdessen rattern sie ihre Suggestivfragen runter und setzen sie vollkommen plump in ihren albernen Fragetrichtern ein. Die Alternativen genauso wie die Etablierten. Wir Coaches spielen, was Fragetechnik betrifft, Bundesliga, und der Journalismus spielt Bezirksliga. Und die Leute da draußen erkennen den Unterschied nicht mal.

Angst und Wut als Muster


Ich wechsele die Ebene: Mit welchen Inhalten und vor allem dadurch ausgelösten Gefühlen arbeiten viele alternative Medien, vor allem diejenigen, die vorrangig Politik beobachten? Es ist einfach: Sie arbeiten alle mit den exakt gleichen Mustern wie die Mainstreammedien: Angst und Wut. Ich will hier keine Namen nennen, mir geht es nicht darum, Einzelne abzuwerten. Mir geht es um einen Anstoß, zum mal drüber reflektieren. Da gibt es ein alternatives Medium im DACH-Raum, das betreibt exakt denselben Angstporno, den die ARD in ihren Brennpunkten zelebriert. Die meisten alternativen Medien berichten täglich über die neuesten Sauereien der Mainstreampolitik und schüren damit Wut und Empörung wie die BILD. Und genauso wie die BILD kümmern sie sich einen Dreck um echte Lösungen und formulieren Sollzustände, ohne eine Ahnung zu haben, was konkret getan werden kann (außer zu protestieren und auf Demos zu gehen). Seit den Coronamaßnahmen haben etliche alternative Medien den Sprung nicht geschafft, damit aufzuhören, dauernd „wir müssen XY“ in die Welt zu rufen, und stattdessen mal Perspektiven anzubieten.

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Gäste-Karussell und Talkshow-Ödnis


Und genauso schieben sich die alternativen Medien die Gäste gegenseitig zu, exakt wie im Mainstream. Wenn Lauterbach innerhalb von zwei Wochen durch 12 Talkshows getingelt ist, geben sich die immer selben Nasen bei den Alternativen auch gegenseitig die Klinke in die Hand. Nur wenige schaffen es, nach 5 Jahren Protest und Widerstand mal Leute zu interviewen, die heute noch wirklich was zu sagen haben. Wen bringt das 17. Interview mit Panik Ernst noch weiter? Bei aller Wertschätzung für den Friedensdaniel, die ich ernsthaft und echt empfinde – seine Leistungen bis heute für die alternative Blase sind großartig, und ich mag ihn wirklich – wem bringt der 45. Vortrag und das 87. Interview von ihm noch irgendeinen konkreten Wert? Und wenn ich was über Achtsamkeit wissen will, frage ich doch das Original und nicht einen Historiker, der mal an ein paar Workshops teilgenommen hat. Wo bleibt das alternative Medium, das wirklich mal Eckhart Tolle interviewt?

Besonders langweilig sind dann die Shows, bei denen drei oder vier von denen mit einem Moderator zusammensitzen und wahlweise rumfeixen oder Allerweltsweisheiten von sich geben, die jeder im Raum und am Bildschirm schon hundert Mal gehört hat. Dazu ein Moderator, der nicht weiß, wie Fragenstellen geht, und Sie haben die selbe Art Talkshow, die Sie jeden Abend im Mainstream schauen können. Das ist dann maximal Unterhaltung (und nicht mal gute), weil da überhaupt keine relevanten Informationen überbracht werden, die nicht fast alle bereits vorher kannten. Ich frage mich immer wieder, was das soll. Ja, es gibt sie, die wenigen guten Sendungen, mit Gästen, die wirklich was zu sagen haben und denen ich gerne zuhöre – wenn da nicht wieder ein Interviewer wäre, der keine Fragen stellen kann und/oder der dem Rest der Welt zeigen will, dass er genauso schlau ist wie der Interviewte.

Fünf Jahre danach: Zeit für neue Perspektiven


5 Jahre nach den Coronamaßnahmen und mit allem, was bis jetzt passiert ist, wäre es mal an der Zeit zu reflektieren, ob die Leute, die einige Jahre lang die Führung hatten (was ich nicht kritisiere), nach 5 Jahren immer noch geeignet sind, Perspektiven oder Visionen zu bieten. Wer heute nicht mehr zu bieten hat als „Wir müssen endlich...“, der hat nicht wirklich was zu sagen.

Recherche, Fakten und blinde Flecken


Ich komme zum wesentlichen Kern, nämlich dem journalistischen Anspruch. Auch im alternativen Spektrum gibt es Leute, die recherchieren miserabel, verbreiten Stories, bei denen ich mich frage, aus welcher Mottenkiste sie die ausgepackt haben, mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte eben die Tagesschau gemeldet, sie hätte seit 15 Jahren die Bevölkerung beschissen und bittet dafür um Verzeihung. Etliche dieser Medien kennen nicht mal den Unterschied zwischen einem beobachtbaren Fakt und einer Interpretation.

Vor allem aber sind mir die alternativen Medien verdächtig, die auf der einen Seite so tun, als wären sie ein Fanal guter Recherche und der Meinungsfreiheit, und dieselben Leute lassen sich dann von Politik und Eliten beim nächsten Thema verarschen. Wie viele alternative Medien haben zwar die Coronaverarsche durchschaut, die Klimahysterie und die Migrationskrise, doch sobald es an die Ukraine-Situation geht, erzählen sie die selbe alberne Geschichte wie der Mainstream vom bösen Putin und den tapferen Ukrainern, und bei Israel meinen dieselben Leute, der Völkermord in Gaza sei das Selbstverteidigungsrecht Israels.

Dieselben Leute sagen dann auch, wenn sie Araber für Palästina demonstrieren sehen, über die Araber, sie seien „Antisemiten“, was der endgültige Beweis für die wirkliche Verblödung dieser „Journalisten“ ist. Araber sind Semiten, und wenn diese gegen die israelische Regierung demonstrieren, dann demonstrieren sie gegen europäische, nicht semitische Einwanderer. Das ist albern, sie als „Antisemiten“ zu bezeichnen. Auch hier haben manche alternative Medien brav das Mainstreamnarrativ gefressen. Wieso glauben die, sie wären anders als der Mainstream? Wenn wir uns vorstellen, dass zwischen uns Menschen und dem, was wir als Wahrheit betrachten können, verschiedene Vorhänge liegen, die uns den Blick versperren, dann haben diese speziellen Medien vielleicht den ersten Vorhang ein wenig angelupft. In ihrem Selbstbild halten sie sich für aufgeklärt oder sogar aufgewacht. Eine alberne Vorstellung.

Helden von gestern und verpasste Entwicklungen


Und dann haben wir noch die Vertreter alternativer Medien, die vor längerer Zeit mal groß waren und die schlicht und einfach den Zug verpasst haben und nun unbedingt neue Betätigungsfelder brauchen. Ich habe Keyvan 10 Jahre lang gefeiert (als er sich noch Ken nannte), als Journalist. Dann kam Corona, und er wurde mit dem Video vom Joker ein Held. Heute gibt es andere, die den Job des Journalisten übernommen haben, und dann bleibt halt nicht mehr viel übrig. Jetzt hält er Vorträge über Angst – ein Gebiet, auf dem er nicht mehr Ahnung hat als jemand, der eben vielleicht ein oder zwei Bücher gelesen hat. Dann hält er Vorträge über Massenmanipulation und nennt als seine Referenzen immer noch Bernays, Le Bon und Lippmann. Die sind alle über 100 Jahre alt. Wäre modernes Marketing z. B. immer noch auf dem Stand dieser drei unterwegs, sähe es schlecht für das Marketing aus. Moderne Massenmanipulation steht bei Cialdini, den kennt er nicht, und wenn Du den gelesen hast, gruselt es Dich wirklich, was Massenmanipulation auf Stand der Dinge heute bedeutet. Natürlich ist es schwer, Erfolg loszulassen, den Applaus, all die Sympathie und vielleicht auch den ein oder anderen Euro, der zum Lebensunterhalt dient – geschenkt. Wie wäre es, wenn die alternativen Medien und die Macher mal anfangen, sich mit wirklich aktuellen Themen zu beschäftigen und dazu auch entsprechend kompetente Leute einladen und nicht die selben Helden von gestern, die einfach nur das Thema gewechselt haben?

Ich betone noch mal: Es gibt im Bereich alternativer Medien die Perlen. Leute, die erkannt haben, dass nach 5 Jahren Widerstand es vielleicht mal Zeit für ein bisschen Selbsterkenntnis ist. Und es gibt auch die, die die entsprechenden Leute mal befragen. Nur sind die aus meiner Sicht selten.

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Fazit: Was unterscheidet Euch wirklich?


Als Fazit ist für mich die Mehrzahl alternativer Medien ein Spiegelbild der Mainstreammedien. Sie machen exakt dasselbe, nur mit anderen Projektionsflächen. Und wenn Du sie fragst, was sie denn vom Mainstream unterscheidet, meinen sie, sie hätten halt Recht. Das allerdings glaubt dummerweise der Mainstream auch, und somit unterscheiden sich die beiden Formen nicht mal an der Stelle. Also, liebe alternative Medien: Was genau unterscheidet Euch jetzt vom Mainstream?