WARUM DER KOMMUNISMUS IMMER WIEDER ENTSCHULDIGT WIRD

von Redaktion — über |

DIE GEFÄHRLICHE ROMANTIK DER KULTURREVOLUTION

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Ein Kommentar zum Leitartikel von Chris Barth

Es gibt politische Irrtümer, die verschwinden nie. Sie wechseln nur das T-Shirt. Früher trugen sie Mao-Anzug, später Che-Guevara-Konterfei, heute nennen sie sich „soziale Gerechtigkeit“, „Systemkritik“ oder „Transformation“. Der Kommunismus hat im 20. Jahrhundert eine Blutspur durch Kontinente gezogen – und trotzdem findet sich im Westen zuverlässig jemand, der erklärt: Eigentlich war die Idee gut, sie wurde nur leider falsch umgesetzt.

Wie praktisch.

Wenn eine Idee überall dort, wo sie Macht bekommt, Mangel, Angst, Spitzeltum, Lager, Mauern, Flucht und politische Gefangene hervorbringt, könnte man natürlich auf den Verdacht kommen, dass nicht immer nur das Personal versagt hat. Vielleicht liegt das Problem etwas tiefer. Vielleicht steckt die Entrechtung nicht im Betriebsunfall, sondern im Bauplan.

Das Interview von Epoch Times mit Alina Fernández, der Tochter Fidel Castros, ist deshalb so wertvoll, weil es diese Ausrede durchschlägt. Hier spricht keine kalte Theoretikerin aus einem westlichen Seminarraum, sondern eine Frau, die im Innersten des kubanischen Machtmythos aufwuchs. Sie sah den Führerkult aus nächster Nähe. Sie sah die Armut hinter den Parolen. Sie sah, wie Menschen, die Kuba verlassen wollten, als „Würmer“ beschimpft wurden. Sie sah, wie „freiwillige Arbeit“ so freiwillig war wie eine Steuerprüfung. Und sie sah, wie verzweifelte Bürger einem Kind Briefe an Fidel Castro mitgaben, weil sie hofften, über seine Tochter endlich Gehör zu finden. Castro nahm sie nicht einmal mit.

Aber gewiss: Die Idee war gut.

Es ist diese beinahe religiöse Milde gegenüber sozialistischen Experimenten, die so bemerkenswert ist. Beim Kapitalismus reicht schon eine überteuerte Miete, um das ganze System auf die Anklagebank zu setzen. Beim Kommunismus braucht es offenbar erst ein paar Jahrzehnte Stromausfall, Rationierung, Enteignung und Gefängnis, bis man zögerlich fragt, ob eventuell kleinere Korrekturen nötig wären.

Kuba ist dafür das perfekte Beispiel. Für westliche Sozialromantiker war die Insel nie einfach ein Land mit elf Millionen Menschen. Kuba war Projektionsfläche. Palmen, Revolution, Zigarren, Salsa und ein bärtiger Mann in Uniform, der dem großen Amerika die Stirn bietet. Was für ein Bild! Und Bilder sind in der Politik oft stärker als Wahrheiten. Das Bild sagt: Würde. Widerstand. Gerechtigkeit. Der Alltag sagt: kein Strom, kein Essen, keine Freiheit, kein Eigentum, keine echte Wahl.

Doch Alltag stört die Romantik.

Der Kommunismus lebt von einer einfachen Anmaßung: Eine kleine Kaste weiß besser als der Bürger, was gut für ihn ist. Sie nennt sich Partei, Bewegung, Avantgarde oder Revolution. Sie spricht im Namen des Volkes, solange das Volk nicht widerspricht. Tut es das doch, war es offenbar gar nicht das Volk, sondern konterrevolutionär, gekauft, reaktionär, faschistisch oder krank. Die Etiketten wechseln. Die Methode bleibt.

Das Kollektiv klingt immer warm, solange man selbst nicht in ihm verschwindet. In der Praxis bedeutet es: Der Einzelne wird kleiner gemacht. Sein Eigentum gehört plötzlich allen, also faktisch dem Staat. Seine Meinung ist frei, solange sie mit der Linie übereinstimmt. Seine Arbeit ist freiwillig, solange er nicht Nein sagt. Seine Ausreise ist Verrat, sein Zweifel Sabotage, seine Familie eine politische Akte.

Alina Fernández beschreibt genau diesen Mechanismus. Aus der Verheißung der Befreiung wurde ein Apparat des Gehorsams. Aus Revolutionären wurden Verwalter der Angst. Aus Gleichheit wurde Gleichmacherei – allerdings nur für die unten. Oben saßen weiterhin die Funktionäre, die Helden, die Unantastbaren. Der Sozialismus hat nämlich eine erstaunlich stabile Klassengesellschaft: die, die warten müssen, und die, die entscheiden, worauf gewartet wird.

Eigentlich hätte dies alles auch jeder Kubaner wissen können, damals zu Beginn der verhängnisvollen kubanischen Revolution im Juli 1953. In diesem Monat war George Orwells „Animal Farm schon acht Jahre auf dem Markt. Und in diesem Buch sind die immer gleichen krankhaften Auswüchse sozialistisch-kommunistischer Herrschaftssysteme eindrucksvoll und für jeden verständlich geschildert!

Die westliche Linke hat für solche Zustände in den Jahren nach der Revolution eine Art doppelte Buchführung entwickelt. Was im eigenen Land als autoritär gilt, heißt in sozialistischen Staaten „historischer Kontext“. Was bei politischen Gegnern Machtmissbrauch ist, wird bei Revolutionären zur „notwendigen Härte“. Was anderswo Propaganda heißt, ist dort „Bewusstseinsbildung“. Und wenn Menschen massenhaft fliehen, dann natürlich nicht vor dem System, sondern wegen widriger Umstände, äußerer Feinde, Sanktionen oder Missverständnisse.

Natürlich gibt es äußere Faktoren. Natürlich ist Geschichte kompliziert. Aber Komplexität darf keine Nebelmaschine sein. Wer den Bürger zum Material einer Utopie macht, landet nicht zufällig bei Zwang. Er muss dort landen. Denn der freie Mensch ist für jedes totalitäre Projekt ein Störfall.

Darum funktioniert der Kommunismus nicht. Nicht, weil seine Anhänger zu wenig Idealismus hätten. Sondern weil sie zu viel davon haben – und zu wenig Achtung vor dem Menschen, wie er ist: eigenwillig, gläubig oder ungläubig, ehrgeizig, besitzend, zweifelnd, widersprüchlich, freiheitsbedürftig. Der Kommunismus will den neuen Menschen schaffen. Am Ende beschädigt er den wirklichen.

Die gefährliche Romantik der Revolution besteht darin, dass sie das Leid der Opfer hinter großen Worten verschwinden lässt. Alina Fernández holt es zurück ans Licht. Nicht als Theorie. Als Erinnerung. Als Warnung. Als Zumutung für alle, die noch immer glauben, Unfreiheit werde edel, wenn man sie gerecht nennt.

Anm. d. Red.: Zur Fortsetzung unsere Dossiers über Aline Fernandez und den real-existierenden Sozialismus auf Cuba: KUBA HEUTE: STROMAUSFÄLLE, MANGEL, REPRESSION 👈 ... ... ... und hier geht es zum Anfang des gesamten Dossiers: FIDEL CASTROS TOCHTER: WARUM DER KOMMUNISMUS IN DER PRAXIS NICHT FUNKTIONIEREN KANN 👈