Ein Beitrag von Dr. med. Walter Weber, Onkologe aus Hamburg

„Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“ Dieses Zitat ist erstaunlicherweise von dem Philosophen Arthur Schopenhauer, der auch sagte: „Meist belehrt erst der Verlust über den Wert der Dinge.“
Die WHO hat schon im Vorwort ihrer Verfassung von 1946 „Gesundheit“ multidimensional definiert: „Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“* Nach dieser Definition sind nur wenige gesund, da die meisten irgendwelche physischen, psychischen, geistigen, sozialen oder etwa auch finanzielle Defizite haben, welche die „Gesundheit“ beeinträchtigen.
Überspitzt hat mal jemand es so ausgedrückt: Die Medizin ist so gut geworden, dass wir keine Gesunden mehr haben.
Oder kommen wir hier in den (gewünschten) Einflussbereich der Pharmazie?
Meine Definition ist folgende: Gesundheit ist nicht ein Zustand, sondern der Prozess, Stimmigkeit zu erzielen auf körperlichem, seelischem und geistigem Gebiet. Dazu brauchen wir Definitionen: "Was ist der Körper?" können wir leicht beantworten, bei Seele und Geist wird es etwas schwieriger. Fragen Sie 3 Experten und Sie bekommen 4 Meinungen. Deshalb: Fragen wir einfach den deutschen Duden. Die Seele ist „das, was das Fühlen, Empfinden, Denken eines Menschen ausmacht“. Die Gesamtheit meines Fühlens und Denkens seit der Zeugung ist also meine Seele. Der Geist ist laut Duden das denkende Bewusstsein des Menschen, aus meiner Sicht auch die zentrale Persönlichkeit, das, was der Volksmund „Ich“ nennt. Zusammenfassung: Ich denke und fühle und bin in einem Körper. Über das Zusammenwirken von Körper, Seele und Geist forscht die psychosomatische Medizin.
Mit dieser Einheit ziehen wir also durchs Leben und streben Stimmigkeit an. Körperliche Stimmigkeit erreichen wir durch gesunde, artgerechte Ernährung, durch genügend Bewegung und durch die Beachtung der uns tragenden und umgebenden Rhythmen. Eine gesunde, artgerechte Ernährung ist das Zuführen der einzelnen Bausteine des Körpers, möglichst in seiner natürlichen Umgebung, z. B. als Obst, Gemüse, Getreide etc. Vegetarier müssen auf die Quellen für genügend Eisen, Veganer zusätzlich auf die Quellen für genügend B-Vitamine achten. Alles Weitere kann man durch eine Beratung bei einem Ernährungstherapeuten erfahren. Das Thema Ernährung ist zu komplex, um es an dieser Stelle weiter zu erörtern.
Genügend Bewegung hält uns in Schwung. Unsere Muskulatur ist durch die Evolution auf täglich 15 km angelegt. Wer beachtet dieses? Es gilt. Eine Stunde Bewegung täglich (wie auch immer) verbessert den Heilungsverlauf von Krankheiten, auch Krebserkrankungen, um 50%, ebenso die Prävention vor Erkrankung. Ein einfaches Mittel, aber: wer macht es?
Was den Rhythmus angeht, so charakterisierte der bekannte Rhythmusforscher Gunther Hildebrandt bereits 1994 die Ent-Rhythmisierung vieler Lebensgewohnheiten. Denken wir nur an den Nachtschichtdienst und die Flugreisen mit wechselnden Zeitzonen und Jahreszeiten. Am wichtigsten ist sicher der Tag-Nacht-Rhythmus. Wer beachtet ihn und geht „mit den Hühnern zu Bett“ und steht mit ihnen wieder auf? Wer richtet sich nach den Jahreszeiten? Eine Beachtung der vielen Rhythmen ist leider nicht Teil der Ausbildung in der Medizin.
Die Herstellung von Stimmigkeit auf seelischem Gebiet ist das Erkennen, Analysieren und Lösen von Konflikten und Problemen. Sehr gut ist Unstimmigkeit auf diesem Gebiet an unseren Emotionen zu erkennen: Unser Ur- und Normalzustand ist Liebe und Begeisterung. Sind wir aus dieser Stimmungslage herausgefallen und befinden uns in einer Gemütslage von Unruhe, Ärger, Nervosität o.ä., so befinden wir uns in Konflikten oder Problemen, die es zu erkennen, analysieren und lösen gilt. Das kann manchmal einfach ein „vermaledeiter“ Brief vom Finanzamt, Stress am Arbeitsplatz oder Ärger mit dem Partner sein. Sollte es mir nicht innerhalb von 3-4 Tagen gelingen, aus „diesem Elend“ wieder herauszukommen, so sollte ich freundschaftliche oder professionelle Hilfe holen. Aller Stress, der nicht auf dieser Ebene gelöst werden kann, geht in den Körper und muss von diesem auf seine Art gelöst werden. Wir nennen das dann Krankheit, „kleben“ ein medizinisches Etikett drauf, z. B. Bronchitis und erkennen nicht mehr, was da ursprünglich passiert ist.
Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Mein Chef ärgert mich, ich sage aber nichts, sondern „schlucke“ diesen Ärger. Dann bekomme ich zunächst Magenbeschwerden, dann Gastritis (= Magenschleimhautentzündung), dann ein Magengeschwür und schließlich vielleicht Magenkrebs. Und das alles, weil ich den Stress nicht auf der richtigen, der bewussten Ebene verarbeitet habe und mich dann wieder im Zustand von Liebe und Begeisterung befinde. Ich weiß, das hört sich leichter gesagt als getan an. Dennoch geht es hier um das Prinzip und die Einsicht, rechtzeitig anzufangen, Dinge zu klären, bevor der Körper reagieren muss.
Nun zur geistigen Stimmigkeit. Zur geistigen Stimmigkeit gehört die Authentizität, zu wissen, wer ich bin und zwar ICH und keine Position oder Rolle (gute Mutter, braves Kind usw.). Position oder Rollen nehmen wir zwar im Leben ein, aber wir sollten uns nicht zu strikt damit identifizieren, denn wenn wir die Position oder Rolle verlieren, wer sind wir dann noch? So könnten wir denken und schmerzhaft empfinden. Das kann wehtun und bis hin zur Krankheit führen. Also: Ich bin ich und stehe zu mir. Ich bin nicht meine Gedanken und Gefühle, sondern ich habe sie und kann sie jederzeit verändern.
Ein weiterer wichtiger Punkt zum Thema Gesundheit ist das Thema Opfer und Täter (nicht im kriminalistischen Sinn gemeint). Meine provozierende These: nur Opfer werden krank, Täter sind gesund. Das liegt daran, dass sie bestimmen können, was getan wird, während Opfer dem ausgesetzt sind, was ihnen angetan wird. Viele psychosomatische Äußerungen deuten auf diese Wahrheit hin: ich muss alles schlucken, ich kann es nicht verdauen, es geht mir ans Herz, schlägt mir auf den Magen, geht mir nicht aus dem Kopf. Hier wird angedeutet, in welchem Organ sich die nicht bewusste Stressverarbeitung niederschlägt. Bei genauerem Hinhören erkennen wir die Zusammenhänge. Zu mir in die Praxis kommen „arme Opfer“, „arme Schlucker“ und verlassen die Praxis möglichst als selbstbewusste „Täter“.
Unsere energetischen Verarbeitungsformen sind das Wort, die Tat und der Körper, also verbalisieren (lateinisch verbum = das Wort), dramatisieren (griechisch drama = die Handlung) und somatisieren (griechisch soma = der Körper). Diese 3 Energieverarbeitungsformen sind in einander meist umwandelbar. Wenn dies ,richtig verstanden und praktiziert würde, hätte es große Auswirkung auf die Medizin. Versucht wird diese schon mit dem Fach der psychosomatischen Medizin, leider noch mit zu wenig Aufwand und Aufmerksamkeit. Die meiste Aufmerksamkeit bekommt derzeit die Pharmazie: für jedes Symptom und jede Krankheit gibt es eine Pille.
Ich bin der Meinung, dass wir wieder mehr hinter/unter die Symptome und Krankheiten schauen und statt, „was macht uns krank?“ mehr fragen sollten „was macht und hält uns gesund?!“. Das ist das Gebiet der Salutogenese, das wäre ein Paradigmenwechsel in der Medizin!