Über Revolutionsromantik, lokale Einschüchterung und die Verantwortung des Bürgers

Kuba ist weit weg. Havanna liegt nicht am Main, Fidel Castro sprach nicht im Römer, und Che Guevara hat nie in einer Frankfurter Szenekneipe seinen Espresso getrunken. Man könnte also meinen: Was geht uns das alles an?
Eine ganze Menge!
Denn Kuba ist nicht nur ein geografischer Ort. Kuba ist auch ein politischer Mythos. Und Mythen reisen besser als Menschen. Sie passen auf T-Shirts, Plakate, Wandbilder, Sticker, Parteitagsreden und Schülerreferate. Sie brauchen keine historischen Details. Ein Gesicht reicht. Ein roter Stern. Ein paar große Worte: Gerechtigkeit, Befreiung, Antifaschismus, Solidarität, Revolution. Schon ist aus einer Diktatur ein Sehnsuchtsort geworden.
Genau hier beginnt der lokale Bezug. Die Frage lautet nicht: Droht uns morgen ein kubanisches Regime im Rhein-Main-Gebiet? Natürlich nicht. Die Frage lautet vielmehr: Wo begegnet uns im Alltag dieselbe politische Versuchung? Wo wird Gewalt romantisiert, wenn sie angeblich der richtigen Sache dient? Wo gilt der Gegner nicht mehr als Bürger mit anderer Meinung, sondern als Feind, den man markieren, überwachen, ausgrenzen oder sozial erledigen darf?
Alina Fernández, die Tochter Fidel Castros, beschreibt im Epoch Times Interview ein System, in dem Menschen, die ausreisen wollten, als „Würmer“ gebrandmarkt wurden. Kinder mussten angeben, ob es „Verräter“ in der Familie gab. Nachbarn wurden gegen Nachbarn mobilisiert. Wer nicht auf Linie war, verlor Arbeit, Ansehen, Sicherheit. Das ist die Logik totalitärer Politik: Der politische Gegner wird nicht widerlegt. Er wird entmenschlicht.
Natürlich leben wir in einer freien Gesellschaft. Genau deshalb lohnt die Wachsamkeit schon bei den kleinen Vorformen dieser Logik. Man erkennt sie nicht erst an Stacheldraht und Geheimpolizei. Man erkennt sie auch an Sprache. An Etiketten. An der Lust, Menschen in Lager einzuteilen. An der Begeisterung, politische Gegner öffentlich vorzuführen. An der Pose moralischer Überlegenheit, mit der man meint, Bürger überwachen, melden, diffamieren oder aus dem Diskurs drängen zu dürfen.
Im lokalen Alltag kann diese Romantik viele Gesichter haben. Der Che-Aufkleber auf dem Laptop. Die Castro-Verklärung in alten Solidaritätsgruppen. Das Revolutionspathos in linken Jugendmilieus. Wandbilder, auf denen Gewalttäter zu Helden werden. Veranstaltungen, bei denen politische Gewalt zwar offiziell bedauert, aber in der richtigen Richtung doch irgendwie verstanden wird. Hausbesetzerszenen, in denen Eigentum nicht als Recht, sondern als Provokation gilt. Antifa-Strukturen, die sich gern als moralische Bürgerwehr inszenieren und Gewalt gegen kritische Infrastrukturen und andersdenkende Menschen organisieren. Und digitale Pranger wie z.B. die Plattform „Rhein-Main-Rechtsaußen“, welche unter dem Banner der Aufklärung Daten über angebliche politische Gegner sammelt, kartiert, etikettiert und öffentlich rahmt.
Dabei ist der Mechanismus immer ähnlich. Zuerst wird eine höhere Moral behauptet. Dann wird ein Feindbild geschaffen. Dann werden die normalen Regeln des Anstands gelockert. Was man bei den eigenen Leuten nie akzeptieren würde, gilt beim Gegner plötzlich als notwendig. Wer anders denkt, ist nicht einfach konservativ, liberal, skeptisch, bürgerlich oder regierungskritisch. Er ist „rechts“, „gefährlich“, „demokratiefeindlich“, „menschenverachtend“ oder gleich ein Fall für Beobachtung.
Diese Begriffe können im Einzelfall berechtigt sein. Es gibt echten Extremismus, echte Gewalt, echten Antisemitismus, echte Verfassungsfeindlichkeit. Eine offene Gesellschaft muss sich dagegen wehren. Aber gerade deshalb dürfen diese Begriffe nicht zu Gummiknüppeln im ideologischen Meinungskampf werden. Wer jeden unbequemen Bürger zum Feind erklärt, entwertet die Sprache und beschädigt die Demokratie, die er angeblich schützen will.
Das ist der Punkt, an dem Kuba plötzlich sehr nah kommt. Nicht als Gleichsetzung, sondern als wichtige Warnung! Jede unfreie Ordnung beginnt mit der Behauptung, sie vertrete das Gute. Niemand baut Unterdrückung mit dem Werbespruch: „Wir möchten Ihre Freiheit beschneiden.“ Es heißt immer: Wir schützen das Volk. Wir bekämpfen die Reaktion. Wir verteidigen die Demokratie. Wir sichern den Fortschritt. Wir stehen auf der richtigen Seite der Geschichte.
Und dann entscheidet eine kleine Kaste, was richtig ist!
In Kuba waren es Revolutionäre in Uniform. Anderswo sind es Parteiapparate, Aktivistenmilieus, Funktionäre, Medienzirkel oder selbsternannte Wächter der öffentlichen Moral. Die Formen unterscheiden sich. Der geistige Reflex ist vertraut: Misstrauen gegen den freien Bürger. Verachtung für bürgerliche Selbständigkeit. Verdacht gegen Eigentum, Familie, Tradition, Religion, nationale Zugehörigkeit. Die Neigung, Menschen nicht nach ihrem Charakter, sondern nach ihrer politischen Nützlichkeit zu beurteilen.
Eine Bürgerzeitung wie KLARTEXT Rhein-Main muss hier nicht hysterisch werden. Aber sie darf unbequem sein. Sie darf fragen, warum Che Guevara noch immer als Pop-Ikone durchgeht, während seine Opfer namenlos bleiben. Sie darf fragen, warum manche bei rechter Gewalt völlig zu Recht hellwach sind, bei linker Gewalt aber plötzlich soziologische Nebelmaschinen anwerfen. Sie darf fragen, warum Bürger, die von ihrem demokratischen Recht auf Kritik Gebrauch machen, immer häufiger markiert statt argumentativ gestellt werden.
Der Bürger ist kein Untertan einer moralischen Avantgarde. Er ist auch kein Erziehungsobjekt für politische Milieus. Er ist Träger von Rechten. Er darf irren, zweifeln, widersprechen, protestieren, unbequem sein. Das ist nicht der Defekt der Demokratie. Das ist ihr Wesen.
Kuba erinnert uns daran, wohin es führt, wenn aus politischer Überzeugung ein Wahrheitsmonopol wird. Wenn Gegner zu Schädlingen („Würmer“), erklärt werden. Wenn öffentliche Moral in sozialen Druck umschlägt. Wenn die große Idee wichtiger wird als der einzelne Mensch.
Deshalb hat Kuba mit uns zu tun. Nicht, weil Frankfurt am Main auf einmal Santiago de Cuba wäre. Sondern weil Freiheit nie abstrakt verloren geht. Sie wird immer konkret beschädigt: in der Schule, im Verein, im Betrieb, im Netz, auf der Straße, im Stadtrat, in der Sprache.
Unser aller Freiheit wird kann nur konkret verteidigt werden. Durch Bürger, die sich nicht einschüchtern lassen. Durch Medien, die nicht mitheulen. Durch Erinnerungskultur, die nicht nur die Verbrechen der falschen Seite kennt. Und durch die schlichte Weigerung, politische Romantik über menschliche Wirklichkeit zu stellen.
Anm.d.Red.: KEINE REDE OHNE GEGENREDE... einer unserer Autoren, Dirk Hüther, hatte sich vom Kuba-Dossier anstecken lassen. Er ist der Meinung, dass wenn jemand „Kommunismus“ sagt, er all zu oft Sozialismus meint. Wenn jemand „Sozialismus“ sagt, meint er häufig Planwirtschaft. Und wenn jemand „Planwirtschaft“ sagt, weiß er manchmal selbst nicht mehr genau, worüber er gerade spricht.
Dirk Hüther räumt in seiner Replik zum Kuba-Dossier begrifflich auf – pointiert, streitbar und mit biografischem Hintergrund: Ex-DKP, Marx-Lektüre, Wirtschaftsstudium. Seine These: Wer politische Systeme kritisiert, sollte wenigstens wissen, was er kritisiert. Klingt radikal? Ist vielleicht einfach nur saubere Debatte. Zum kritischen Hüther-Beitrag 👈
Hier geht es zum Anfang des gesamten Dossiers: FIDEL CASTROS TOCHTER: WARUM DER KOMMUNISMUS IN DER PRAXIS NICHT FUNKTIONIEREN KANN 👈 ... ... ... UND WENN SIE UNABHÄNGIGEN, WERBEFREIEN, EHRENAMTLICHEN BÜRGERJOURNALISMUS UNTERSTÜTZEN KÖNNEN, MACHEN SIE ES JETZT UND HIER 🙏