…wer predigt dann noch den Frieden?

Ein Friedensappel an die deutschen Kirchen von S. Baier aus Rheinland-Pfalz
Ein internes ökumenisches Papier macht sichtbar, worüber in den Gemeinden kaum gesprochen wird: Die evangelische und katholische Kirche bereiten sich organisatorisch auf einen Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall vor. Nicht nur in allgemeinen Worten. Nicht nur als geistlicher Trost für Menschen in Not. Sondern mit Krisenstäben, Meldeketten, Schnittstellen zu staatlichen Stellen, Schulungen, Kommunikationswegen, Begleitung von Militär, Gefallenen, Hinterbliebenen, Kriegsgefangenen und Flüchtlingen.
Das Dokument trägt den nüchternen Titel „Ökumenisches Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“. Es spricht vom Dienst am Nächsten, vom barmherzigen Samariter, von Trost, Resilienz und Hoffnung. Das klingt christlich. Und natürlich: Wenn Menschen leiden, wenn Verwundete zurückkommen, wenn Mütter Todesnachrichten erhalten, wenn Familien zerbrechen, dann darf Kirche nicht abwesend sein. Niemand kann ernsthaft fordern, dass ein Pfarrer am Krankenbett, am Grab oder in der Notunterkunft schweigen soll.
Aber genau hier beginnt die entscheidende Frage: Dient die Kirche den Menschen im Krieg — oder bereitet sie sich darauf vor, als seelischer Stabilisator eines menschenverachtenden Kriegssystems zu funktionieren?
Das Papier beschreibt Deutschland im „Bündnisfall“ als logistische Drehscheibe. Soldaten, Waffen und Material würden durch das Land transportiert; Verwundete und Gefallene kämen zurück; die Bevölkerung müsse mit Einschränkungen, Angst, Sabotage, Cyberangriffen und Terror rechnen. Die Kirchen planen dazu besondere Gottesdienste, Krisenstäbe, gesicherte Informationswege und seelsorgliche Begleitung. Sie wollen vorbereitet sein. Doch wer bereitet die Christen darauf vor, „Nein!“ zu sagen?
Denn das Evangelium ist kein Begleitprogramm staatlicher Sicherheitspolitik. Jesus Christus hat seine Jünger nicht gelehrt, sich in die Ordnung der Gewalt einzufügen. Er hat Petrus im Garten Gethsemane nicht für seinen Mut gelobt, sondern ihm gesagt: „Steck dein Schwert an seinen Ort.“ Die Bergpredigt spricht nicht von Kriegstüchtigkeit, sondern von Friedfertigkeit. „Selig sind, die Frieden stiften“, nicht: Selig sind, die das Sterben gut organisieren.
Die Kirchen betonen in ihrem Papier, sie wollten ihre Friedensethik nicht relativieren. Doch was bleibt vom Primat der Gewaltfreiheit, wenn die praktische Energie in Krisenstäbe, Zuständigkeiten, Schulungen und Durchhaltefähigkeit fließt? Was bedeutet „gerechter Friede“, wenn die Gemeinden erst dann zentral vorkommen, wenn sie für Ordnung, Orientierung und seelische Beruhigung gebraucht werden? Werden die Kirchen auch wieder bereitwillig ihre Kirchenglocken einschmelzen lassen für den „Endsieg“?
Besonders empfindlich ist der Punkt der Information. Das Papier spricht davon, dass Gemeinden mit „gesicherten Informationen“ versorgt werden sollen. In Krisen ist verlässliche Information wichtig. Aber wer definiert, was gesichert ist? Der Staat? Die Kirchenleitung? Ein Krisenstab? Werden Pfarrer zu Verkündern des Evangeliums — oder zu Vertrauenspersonen für eine offizielle Lageerzählung?
Viele Christen erinnern sich noch an die Corona-Jahre. Auch damals wurden theologische Begriffe politisch aufgeladen. „Nächstenliebe“ wurde nicht selten zur Parole staatlicher Gesundheitspolitik. Wer zweifelte, galt schnell als unsolidarisch. Genau deshalb muss eine Kirche heute besonders wachsam sein. Sie darf nicht wieder geistliche Autorität verleihen, wo offene Debatte, Gewissensfreiheit und Wahrheitssuche nötig wären.
Und noch etwas fehlt auffällig: die starke, öffentliche Stimme für Kriegsdienstverweigerer, für Mütter und Väter, die ihre Kinder nicht an Fronten verlieren wollen, für Soldaten, die einen Tötungsbefehl vor Gott nicht verantworten können. Das Papier erwähnt Menschen, die den Dienst an der Waffe verweigern. Aber es macht daraus keinen geistlichen Schwerpunkt. Dabei wäre genau das die Aufgabe der Kirche: nicht Verwundete verbinden, sondern Verwundung verhindern; nicht Gefallene bestatten, sondern dem Fallen entgegenrufen: Du bist kein Material der Macht!
Eine Kirche, die im Ernstfall nur tröstet, aber vorher nicht widerspricht, kommt wieder einmal viel zu spät. Geschichte wiederholt sich zwar nie, aber sie reimt sich ständig!
Natürlich ist die Welt gefährlich. Natürlich gibt es Aggression, Lüge, Machtpolitik und Gewalt. Nicht nur auf einer Seite. Politiker auf beiden Seiten neuer Frontlinien reden von Sicherheit, meinen aber oft Einfluss, Rohstoffe, Geld, Prestige oder historische Eitelkeit. Gerade deshalb braucht es eine Kirche, die nicht in die Sprache der Blöcke verfällt. Eine Kirche darf nicht zuerst fragen, wie Deutschland krisenfest, bündnisfähig oder durchhaltefähig wird. Sie muss zuerst fragen: Wie bleiben wir Christus treu? Oder konkret: Wie erreichen wir Geistliche der russisch-orthodoxen Kirche? Wie bauen wir Kommunikationskanäle zu schiitischen Geistlichen auf? Wie bereiten wir aus unserem Glauben heraus den Boden für echte Friedensarbeit abseits der Kriegspolitik und -rhetorik?
Christliche Seelsorge im Krieg darf niemals zur geistlichen Schmierung der Kriegsmaschine werden. Sie muss öffentlich sagen: Der Mensch ist Ebenbild Gottes, nicht Ersatzteil geopolitischer Strategien. Kein Sohn und keine Tochter gehört dem Staat und schon gar keinem fremden! Kein Gewissen gehört einem Bündnis. Kein Altar gehört in den Maschinenraum militärischer Planung.
Darum braucht es jetzt eine offene Debatte in den Gemeinden. Nicht hinter verschlossenen Türen, nicht in internen Papieren, nicht erst, wenn der Ernstfall ausgerufen ist. Kirchenmitglieder haben ein Recht zu erfahren, welche Rollen ihre Kirchenleitungen im Rahmen staatlicher Gesamtverteidigung übernehmen wollen. Pfarrer haben ein Recht, nicht zu Funktionären einer Krisenkommunikation gemacht zu werden. Eltern haben ein Recht, von ihrer Kirche mehr zu hören als seelsorgliche Vorbereitung auf den Tod ihrer Kinder.
Wenn die Kirchen wirklich dem Frieden dienen wollen, müssen sie jetzt abrüsten — zuerst in ihrer Sprache, dann in ihrer Nähe zur Macht. Sie müssen Räume schaffen für Gewissensprüfung, Friedensgebet, Versöhnung, Diplomatie, Kriegsdienstverweigerung und mutige Kritik an allen Kriegstreibern.
Denn die Kirchen Jesu Christi sind nicht dazu da, Menschen kriegstüchtig zu machen. Sie sind dazu da, ihnen zu helfen, Kinder Gottes zu bleiben — auch dann, wenn die Welt wieder Marschtritt übt.