„WENN MAN KEINE AHNUNG HAT...“

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Eine Replik von Dirk Hüther

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Irgendwie scheint das Trendpendel, das sich im Rhythmus von 20 bis 30 Jahren immer wieder von links nach rechts und von rechts nach links bewegt, gerade wieder umzuschwingen: nach rechts. Das ist unter anderem an der Panik und den hilflosen Reaktionen des Mainstreams zu spüren, der sich in den letzten 20 Jahren mehr und mehr nach links orientiert hat.

Im gleichen Atemzug mehren sich aufseiten der sogenannten „Rechten“, die jetzt glauben, sie bekämen langsam Oberwasser, Berichte und Kommentare, in denen verbal auf die Linken eingedroschen wird. Und dann beginnt der Wortsalat. Denn sobald das Wort „links“ fällt, sind die Kommentatoren innerhalb von nur einem Gedankensprung gleich bei Sozialismus, Kommunismus, Planwirtschaft und Diktatur. Es entsteht ein Wortbrei, der vor Ideologie trieft und der im Diskurs vollkommen undifferenziert, verallgemeinernd und bar jeder Ahnung, worüber da geredet wird, über den Leuten ausgekübelt wird.

So auch geschehen hier in Klartext, als Reaktion auf eine Interviewreihe der Epoch Times mit Alina Fernández, der Tochter von Fidel Castro. Und gleich in der Überschrift wird der Wortsalat gepflegt, mit der Frage, „warum der Kommunismus immer wieder entschuldigt wird“.

Ich tippe mal vorsichtig und behaupte, dass 95 Prozent der Leute nicht die geringste Ahnung haben, was „Kommunismus“ ist, was „Sozialismus“ ist und was „Planwirtschaft“ bedeutet. Zumindest gehen zum Beispiel bekannte Helden unserer Filterblase immer wieder auf das Ding ein, wenn sie davon reden, dass hier bald der Sozialismus herrsche. Eine ziemlich von Ahnungslosigkeit geprägte Aussage. Also will ich mal ein bisschen Licht ins Dickicht bringen.

Was mich dazu bringt, das hier zu tun? Ganz einfach: Ich war mit 18 Kommunist und Mitglied der DKP. Ich war auf diversen Schulungen und sollte auch an einer Kaderschulung in der damaligen Hauptstadt der DDR, hierzulande „Ost-Berlin“ genannt, teilnehmen. Warum ich dies nicht tat und warum ich die DKP auch bald wieder verlassen habe, ist eine andere Geschichte.

Mir geht es hier darum, dass ich mich mit Marx schon früh beschäftigt habe – getreu dem Motto: „Wer mit 18 kein Marxist ist, hat kein Herz, und wer mit 30 immer noch Kommunist ist, hat kein Hirn.“ Ich habe eine Menge an Marx’ Ideen zu kritisieren. Der Typ war ein Misanthrop, wovon seine Idee der „Diktatur des Proletariats“ geprägt ist. Er war ein Schnorrer, der von anderen Leuten gelebt hat, und verheiratet mit der Tochter eines preußischen Geheimrats – verdächtig genug.

Und dann habe ich auch mal Wirtschaft studiert. Da kommt man nicht so leicht daran vorbei, sich mit Marx zu beschäftigen. Für mich ist erstaunlich, dass so viele studierte Wirtschaftswissenschaftler gerade bei dem Thema echt blank sind und den Unterschied zwischen einer Wirtschaftsordnung, einem Wirtschaftssystem, einer Gesellschaftsordnung und einem Gesellschaftssystem nicht kennen.

Kommunismus und Sozialismus beschreiben Gesellschaftssysteme beziehungsweise in der konkreten Ausprägung dann Gesellschaftsordnungen. Hierbei geht es vor allem um die Frage von Eigentum – genauer: um das Eigentum an sogenannten „Produktionsmitteln“ im Marx-Sprech oder, einfacher gesagt, um Kapital. Für Nicht-WiWis: Das ist nicht Geld.

Im Sozialismus ist das Kapital nach der reinen Lehre in der Hand der Gesellschaft, also im Eigentum aller. Der Kommunismus ist die Endform einer Gesellschaftsordnung oder eines Gesellschaftssystems, in dem es Eigentum nicht mehr gibt. Kommunismus ist eine Utopie oder Vision, in der es keine Macht mehr gibt und sich im Grunde alle lieb haben. In den Grundstrukturen unterscheidet sich der Kommunismus nur marginal von anderen großen Visionen über menschliches Zusammenleben in großen Gruppen.

Der Sozialismus wiederum ist eine Übergangsform, weil laut Marx die Menschen so unreif sind, dass sie von der Diktatur des Proletariats dazu erzogen werden müssen, Kommunismus leben zu können. Zudem sprach Marx auch davon, dass es Kommunismus von Haus aus niemals in einzelnen Ländern isoliert geben könne, sondern nur weltweit. Insofern muss eine sozialistische Welt einer kommunistischen dringend vorausgehen.

Das bedeutet zwangsläufig, dass es auf diesem Planeten noch nie irgendwo ein „kommunistisches Land“ gegeben hat oder geben wird. Was wir da draußen sehen, sind sozialistische Länder. Nicht umsonst nannte sich die DDR „real existierender Sozialismus“. Könnte man mal drüber nachdenken. Natürlich nennen sich entsprechende Parteien gerne „Kommunistische Partei“. Sie wollen damit das große Ziel gleich im Namen kenntlich machen.

Nun stellt sich für mich die Frage, wo denn all die Leute, denen nachgesagt wird, sie wollten den Sozialismus einführen, davon reden, Kapital zu vergesellschaften. Da ist doch gar keine Rede von. Ja, die SPD verstaatlicht gerne. Nur: Wenn der Staat in der Hand weniger Oligarchen ist, wem dient dann die Verstaatlichung? Die Grünen wollen auch keinen Sozialismus. Die wollen gerne mit ihren grünen Schnapsideen reich werden. Die wollen das Gegenteil von vergesellschaftetem Kapital. Die wollen so reich werden wie Al Gore und Konsorten.

In Italien waren Unternehmen und Staat zu Zeiten Mussolinis gleichgeschaltet beziehungsweise der Staat wurde als Diktatur Unternehmensinteressen untergeordnet. Das nannte man deshalb „Faschismus“ – von „fasces“, dem Rutenbündel. Verstaatlichung bedeutet also nicht zwangsläufig Sozialismus, sondern manchmal das Gegenteil. Wie kommt es, dass unsere alternativen Medienhelden davon nicht berichten?

Ja, wir spüren seit geraumer Zeit, vor allem im Bereich Wirtschaft und Regulierung, einen zunehmenden Einfluss und Zwang seitens staatlicher Stellen. Und wieder wird sofort „Sozialismus“ gerufen, obwohl es hier viel mehr um Aspekte der Wirtschaftsordnung geht. Hier sind wir dann bei Begriffen wie „Planwirtschaft“ und „Marktwirtschaft“.

Plan- und Marktwirtschaft sind Wirtschaftssysteme, also erst mal reine Theorie. In der Praxis wurden daraus Wirtschaftsordnungen, die sich in der DDR „Zentralverwaltungswirtschaft“ und in der BRD „soziale Marktwirtschaft“ nannten. Weder sind Planwirtschaft und Sozialismus zwangsläufig miteinander verheiratet, noch sind es Marktwirtschaft und Kapitalismus.

Achten Sie einfach mal darauf, wie oft jemand „Sozialismus“ sagt und eigentlich „Planwirtschaft“ meint.

Noch ein paar Worte zur Planwirtschaft. Es gibt Unternehmen, deren Bilanzsumme größer ist als das Bruttoinlandsprodukt ganzer Staaten. Und jetzt raten Sie mal, was die so alles treiben. Achtung! Spektakulär! Die planen!

Nein! Doch! Oh!

Ja, das lernt ein BWL-Student im ersten Semester: Ein Unternehmen plant, und zwar kurz-, mittel- und langfristig. Operativ, taktisch und strategisch nennt sich das im BWL-Klugschiss. Da haben wir natürlich nichts dagegen. Aber wehe, ein Staat kommt auf die Idee, mal etwas zu planen. Dann schreien die Finanzhelden in unserer Blase gleich wieder „Sozialismus“. Den Unterschied zwischen Sozialismus und Planwirtschaft hatten wir schon.

Dass Menschen in Unternehmen sich für Geld in Zustände begeben, die in staatlichen Systemen auch gerne mal als „faschistisch“ bezeichnet werden, ist dabei ein weiterer Aspekt.

Ich stelle gerade beim Schreiben fest, dass ich da ein ziemliches Fass aufgemacht habe, das sich nicht in einem einzelnen Artikel bearbeiten lässt. Das heißt: Ich kündige hiermit schon mal Fortsetzungen an.

Ich will zum Schluss noch auf Alina Fernández eingehen, die bei so manchem strammen Kapitalismusanhänger gerne als Freiheitskämpferin gefeiert wird. Das hat ungefähr den Charakter all der Helden, die Reza Pahlavi für einen Kämpfer für die Freiheit der Iraner halten. Ich empfehle, sich mal mit dem Lebenslauf der Frau zu beschäftigen. Das reicht, um zu wissen, dass es ihr ganz sicher nicht um das Wohlbefinden ihrer Landsleute geht.

Da drischt sie verbal auf die kubanischen Regierungen ein, auf das System und die sogenannte Misswirtschaft. Und wo spricht sie darüber, dass das Drama der Kubaner nicht das politische und/oder wirtschaftliche System ist, sondern über 50 Jahre Sanktionen und Blockaden der USA, die Kuba schlichtweg wirtschaftlich immer an den Rand des Ruins getrieben haben?

Es gibt an Kuba einiges zu kritisieren, wie an jedem anderen Land. Und wenn wir Deutschland im Jahr 2026 als Referenz nehmen, weiß ich nicht, wo das Leben gefühlt freier ist. Die Folgen der US-Politik gegenüber Kuba dürfte jeder gesehen haben, der verfolgt hat, wie die USA kürzlich eine Seeblockade gegen Kuba verhängt haben und Kuba über einige Wochen keinerlei Energie aus Öl mehr hatte. Wen wundern da die Zustände?

Was mich hierzulande besonders irritiert, ist, wie bereitwillig vermeintlich „Aufgewachte“ jedwedes alberne Narrativ des Mainstreams schlucken, wenn es gegen ihre ideologischen Erzfeinde geht. Kuba? Böse. Sozialistische Diktatur. Gaaanz schlimm. Iran? Mullah-Regime. Gaaanz fürchterliche Diktatur. China? Ganz schlimm. Grauenvolle Diktatur. Genau wie Nordkorea, Venezuela und einige mehr.

Von wem haben die Leute eigentlich ihre Informationen? Die alternativen Medien haben dort keine Korrespondenten. Die Informationen, die in sogenannten alternativen Medien dazu erscheinen, sind meist im Mainstream abgeschrieben und werden genau so geschluckt, wie es die Pressestelle der NATO und die regierenden Oligarchen des Westens gerne von uns hätten. Und die vermeintlichen „Helden“ auf unserer Seite wundern sich nicht einmal, dass sie bei diesen Themen in einer Reihe stehen mit Leuten wie Merz, Starmer, Macron, von der Leyen und anderen. Das ist dann zum Beispiel ein Thema für einen weiteren Artikel.

Ich will zum Schluss einfach mal dazu einladen, sich mit dem Inhalt der Begriffe zu beschäftigen, wie ich sie eben skizziert habe, und damit aufzuhören, einen sprachlichen Einheitsbrei aus purer Ahnungslosigkeit über das Thema zu fabrizieren.

Im Sinne des berühmten Zitats von Dieter Nuhr, das ich in der Überschrift angedeutet habe: bis zum nächsten Mal.

Anm. d. Red.: Wir dokumentieren diese Gegenrede, weil sie eine wichtige begriffliche Kritik an unserem Kuba-Dossier formuliert. ... ... ... UND WENN SIE UNABHÄNGIGEN, WERBEFREIEN, EHRENAMTLICHEN BÜRGERJOURNALISMUS UNTERSTÜTZEN KÖNNEN, MACHEN SIE ES JETZT UND HIER 🙏