WER BESTIMMT, WAS WIR WISSEN DÜRFEN?

von Redaktion — über , , , , , , ,  |

Norbert Härings „Der Wahrheitskomplex“ zeigt, wie Staat, NGOs, Medien, Plattformen und Sicherheitsapparate zu einem System der Deutungshoheit zusammenwachsen

Rezension_Wahrheits_Komplex_logo.jpg

Eine Buchrezension aus der Sicht eines Bürgers, dem Freiheit und Gerechtigkeit wichtiger sind, als die Macht des Faktischen. Ein Gastbeitrag von M. Maler

Es gibt Begriffe, die so freundlich klingen, dass man beinahe ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man sie hinterfragt. „Demokratische Resilienz“ gehört dazu. Wer möchte schon gegen eine widerstandsfähige Demokratie sein?

Im Februar 2026 nahm das neue "European Centre for Democratic Resilience" seine Arbeit auf. Die Europäische Kommission beschreibt es als Drehscheibe, in der EU-Institutionen, Mitgliedstaaten und „Zivilgesellschaft“ gemeinsam Bedrohungen für unsere Demokratien erkennen und bekämpfen sollen. Im Mittelpunkt stehen „Desinformation“ und ausländische Informationsmanipulation. Auch Deutschland gehört dazu. Im September 2026 laufen bereits Schulungen und Treffen nationaler Kontaktstellen.

Parallel plant die EU den nächsten großen Finanzierungsschub. Für das Programm "AgoraEU" sind im vorgeschlagenen EU-Haushalt 2028 bis 2034 Milliardenbeträge vorgesehen. Allein neun Milliarden Euro sollen nach der Strategie der Kommission unter anderem Demokratie, Medienfreiheit, gemeinsame Werte und die Beteiligung der Zivilgesellschaft fördern.

Man kann das begrüßen. Man kann aber auch eine sehr einfache Bürgerfrage stellen:

Wer entscheidet eigentlich, welche Organisationen unsere Demokratie schützen sollen – und wer schützt die Demokratie vor ihren selbsternannten Beschützern?

Genau an diesem Punkt beginnt Norbert Härings neues Buch „Der Wahrheitskomplex – Wie NGOs im Staatsauftrag unerwünschte Meinungen bekämpfen“.

Und wer das Buch gelesen hat, wird Worte wie „Resilienz“, „Zivilgesellschaft“, „Faktencheck“ und „Desinformation“ anschließend vermutlich etwas aufmerksamer lesen.

Ein Kaninchenbau mit sehr realen Institutionen

Häring beschreibt keinen geheimen Zirkel, in dem sich einmal im Monat einige finstere Gestalten treffen und beschließen, was wir denken sollen. Das wäre fast beruhigend einfach. Was er beschreibt, ist komplizierter – und gerade deshalb interessanter.

Sein „Wahrheitskomplex“ besteht aus staatlichen Stellen, EU-Institutionen, NGOs, privaten Stiftungen, Faktencheckern, Medienhäusern, Wissenschaftsorganisationen, Internetplattformen und Einrichtungen aus dem militärischen und geheimdienstlichen Umfeld.

Häring macht dabei selbst eine wichtige Einschränkung. Er behauptet nicht, den einzig möglichen Sinnzusammenhang gefunden zu haben. Er fordert seine Leser ausdrücklich auf, seine Schlussfolgerungen zu hinterfragen und die Fakten selbst zu prüfen.

Das gefällt mir. Denn genau so sollte Journalismus funktionieren.

Nicht: „Glauben Sie mir.“ Sondern: „Hier sind die Fakten. Prüfen Sie selbst.“

Härings zentrale These ist dennoch gewaltig: Der Staat lasse teilweise durch formal private Organisationen erledigen, was er selbst wegen der Grundrechte nur unter sehr engen Voraussetzungen tun dürfte – nämlich unerwünschte, aber legale Meinungen in ihrer Verbreitung einzuschränken.

Dabei geht es eben nicht immer um das klassische Löschen. Moderne Macht funktioniert eleganter.

Ein Beitrag kann in Suchergebnissen schlechter auffindbar sein. Seine Reichweite kann sinken. Werbung kann entzogen werden. Ein Faktencheck kann vorgeschaltet werden. Ein Konto kann gekündigt werden. Ein Veranstaltungsraum kann plötzlich nicht mehr zur Verfügung stehen.

Niemand hat offiziell etwas verboten. Und dennoch wird es merklich stiller.

Recht und Gerechtigkeit sind nicht immer dasselbe. Vielleicht lese ich dieses Buch anders als ein Jurist.

Ich setze mich seit Jahren für Grundrechte ein. Dabei habe ich gelernt, dass zwischen Recht haben und Recht bekommen manchmal Welten liegen.

Auf dem Papier sind vor dem Gesetz alle gleich. In der Realität verfügt derjenige über deutlich bessere Möglichkeiten, der Geld, Anwälte, politische Beziehungen, institutionellen Zugang und ein großes Netzwerk besitzt.

Ein kleiner Blogger kann theoretisch dieselben Grundrechte haben wie eine milliardenschwere Plattform oder ein öffentlich finanziertes Medienhaus.

Praktisch kämpft der eine mit seinem privaten Konto und seiner Freizeit, während auf der anderen Seite Rechtsabteilungen, Behörden, Stiftungen und professionelle Kommunikationsnetzwerke stehen.

Härings Buch handelt im Kern von diesem Machtgefälle. Und davon, wie sich Macht im Informationszeitalter verändert hat. Früher musste man eine Zeitung verbieten. Heute reicht es unter Umständen, dafür zu sorgen, dass kaum noch jemand ihre Beiträge sieht.

NGOs: Zivilgesellschaft oder Auftragnehmer?

Dabei lohnt es sich, einen verbreiteten Denkfehler zu vermeiden. Eine NGO ist nicht automatisch problematisch, weil sie gelegentlich zweckgebunden staatliches Geld erhält. Und eine Organisation wird nicht automatisch ferngesteuert, nur weil sie von der EU, einer Stiftung oder einem Ministerium gefördert wird.

Aber Geld schafft Abhängigkeiten!

Wer regelmäßig Förderanträge stellen muss, weiß sehr genau, welche Projekte förderfähig sind – und welche nicht.

Hier setzt Häring an.

Deutschland sei beim Aufbau dieser Strukturen ein Vorreiter gewesen. Er verfolgt die Entwicklung zurück bis 2014 und 2015: Gründung und Ausbau von „Faktenchecker-Strukturen“, das Bundesprogramm „Demokratie leben!“, die Arbeitsgruppe des damaligen Justizministers Heiko Maas gegen Hassbotschaften bei Facebook und die enge Einbindung sogenannter „zivilgesellschaftlicher Organisationen“.

Später folgten das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, europäische Verhaltenskodizes und schließlich der "Digital Services Act". So entsteht keine klassische Zensurbehörde.

Es entsteht etwas viel Moderneres: ein System verteilter Zuständigkeiten.

Der Staat setzt Regeln und verteilt Fördergeld. NGOs beobachten. Forscher analysieren. Faktenchecker bewerten. Plattformen reduzieren Reichweite oder löschen.

Die Medien übernehmen also selbst die Bewertungen. Und am Ende kann jeder sagen: „Ich war es nicht!“

Das ist vielleicht der wichtigste Mechanismus, den Häring verständlich macht.

Die Macht über den Geldhahn

Noch deutlicher wird es, wenn wirtschaftlicher Druck hinzukommt.

Eine Zeitung oder Internetseite muss nicht verboten werden, wenn man ihr die Werbeeinnahmen entziehen kann. Ein Medienprojekt muss nicht geschlossen werden, wenn Banken oder Zahlungsdienstleister kündigen. Ein Journalist muss nicht verhaftet werden, wenn man ihm beruflich die Türen schließt.

Häring widmet deshalb Werbeboykotten, Kontenkündigungen und sogenannten schwarzen Listen breiten Raum.

Das Entscheidende daran ist nicht, ob jede einzelne Maßnahme tatsächlich politisch motiviert ist. Entscheidend ist die Struktur:

Wer darüber bestimmen kann, wer Geld verdient, Reichweite erhält oder institutionellen Zugang bekommt, besitzt politische Macht – auch ohne ein einziges Gesetz zu ändern.

Und wirtschaftliche Macht lässt sich hervorragend mit politischer Macht verbinden.

Wenn Journalisten alle dieselben Experten fragen

Besonders interessant fand ich Härings Kapitel über die Wissenschaftsberichterstattung.

Organisationen wie das Science Media Center stellen Journalisten Fachinformationen und Experteneinschätzungen zur Verfügung. Für überlastete Redaktionen ist das praktisch.

Eine komplizierte Studie erscheint – und wenig später liegen verständliche Einschätzungen renommierter Fachleute auf dem Tisch.

Doch wer bestimmt, welche Fachleute gefragt werden?

Häring weist darauf hin, dass bis Februar 2026 bereits rund 3.700 Wissenschaftler zum Netzwerk des deutschen Science Media Centers gehörten und etwa 2.200 Journalisten dessen Angebote nutzten.

Das Problem liegt auf der Hand: Wenn zehn Zeitungen dieselben Expertenstimmen bekommen, können am nächsten Morgen zehn ähnliche Artikel erscheinen, ohne dass irgendein Minister angerufen hat.

Gleichschaltung braucht keinen Gleichschaltungsbefehl. Es genügt manchmal eine Gleichrichtung der Informationsquellen.

Faktenchecker – vom Prüfer zum Schiedsrichter?

Ähnlich kritisch untersucht Häring die sog. „Faktenchecker“.

Natürlich brauchen wir möglichst objektive Fakten. Wer eine Zahl erfindet, ein Foto manipuliert oder einem Menschen etwas unterschiebt, sollte korrigiert werden. Aber politische Debatten bestehen selten nur aus eindeutig wahr oder falsch. Sie bestehen aus Auswahl, Gewichtung, Interpretation, Kausalität und Kontext.

Häring zeigt zahlreiche Fälle, in denen seiner Ansicht nach nicht mehr nur eine Tatsachenbehauptung überprüft wurde, sondern eine bestimmte Deutung.

Er beschreibt Methoden wie das Zuspitzen einer Aussage, das Herausgreifen eines Nebenaspekts oder die Auswahl bestimmter institutioneller Experten als Schiedsrichter über eine kontroverse Frage.

Fairerweise schreibt er selbst, seine ausgewählten Beispiele könnten seine Gesamtthese nicht automatisch beweisen. Der Leser solle weitere Fälle prüfen. Auch das gehört zu einer seriösen Bewertung dieses Buches.

Häring liefert starke Indizien und viele dokumentierte Verbindungen. Nicht jede seiner Schlussfolgerungen ist damit zwangsläufig bewiesen.

Und plötzlich tauchen Militär und Geheimdienste auf

Der wahrscheinlich unbequemste Teil des Buches beginnt dort, wo Häring Militär und Geheimdienste ins Spiel bringt.

Warum sollten die sich überhaupt dafür interessieren, was Menschen im Internet schreiben?

Weil moderne Kriegsführung längst nicht mehr nur aus Panzern, Raketen und Soldaten besteht. Sie umfasst Informationen, Wahrnehmung, psychologische Beeinflussung und sogenannte hybride Kriegführung. Wer die Köpfe erreicht, beeinflusst gesellschaftliche Zustimmung.

Häring verfolgt diese Entwicklung insbesondere seit dem Konflikt um die Ukraine ab 2014 und zeigt Verbindungen zu NATO-nahen Einrichtungen, dem Atlantic Council und transatlantischen Programmen zur Bekämpfung von „Desinformation“.

Die Informationskontrolle ist also längst sicherheitspolitisch geworden.

Auch die EU beschreibt heute offiziell die Zusammenarbeit von Behörden, Zivilgesellschaft, Medien, Wissenschaft und Faktencheckern als Teil eines gesamtgesellschaftlichen Vorgehens gegen Informationsmanipulation.

Und genau deshalb sollten Journalisten besonders kritisch hinschauen.

Die BBC und der MI5: eine unglaubliche Geschichte, die leider wahr ist

Eine Passage des Buches hat mich besonders beschäftigt.

Häring erinnert an die jahrzehntelange Zusammenarbeit der BBC mit dem britischen Inlandsgeheimdienst MI5. Was zunächst nach einer wilden Geheimdienstgeschichte klingt, ist historisch dokumentiert.

Der Geheimdienst wurde innerhalb der BBC unter dem Decknamen „The College“ geführt. Häring schreibt, dass Kandidaten vor Einstellungen, Versetzungen oder Beförderungen überprüft wurden. Die BBC selbst hat ihre Akten hierzu später ausgewertet.

Tausende Namen wurden über Jahrzehnte dem MI5 vorgelegt. Wer politisch als „subversiv“ galt, konnte bei Einstellungen oder beim Zugang zu sensiblen Positionen behindert werden. Das Verfahren reichte bis in die Zeit des Kalten Krieges hinein; erst Anfang der 1990er Jahre wurde diese Form des Vettings beendet.

Der Observer berichtete bereits 1985 darüber. Dort wurde beschrieben, wie Bewerber und Mitarbeiter ohne ihr Wissen überprüft wurden und politische Informationen Auswirkungen auf Einstellung und Beförderung haben konnten.

Warum ist dieses historische Beispiel so wichtig? Weil es zeigt, wie naiv die Vorstellung ist, große Medienhäuser und Sicherheitsapparate hätten grundsätzlich nichts miteinander zu tun. Sie hatten es jahrzehntelang und haben es vermutlich auch heute noch!

Die Leitmedien und die unsichtbare Leine

Auch bei den deutschen Leitmedien argumentiert Häring differenzierter, als der Titel seines Buches vermuten lässt. So behauptet er nicht, dass morgens aus dem Kanzleramt die Tageslinie an sämtliche Redaktionen geschickt wird.

Er beschreibt präzise die multiplen Abhängigkeiten.

Regierungen verfügen über Werbegelder. Vor allem verfügen sie aber über Zugang. Wer bekommt das Hintergrundgespräch? Wer reist mit dem Minister? Wer erhält vorab Informationen? Wer bekommt das exklusive Interview?

Häring beschreibt, wie dieser privilegierte Zugang journalistische Nähe erzeugen kann. Das ist menschlich nachvollziehbar.

Und gerade deshalb gefährlich. Journalismus sollte Macht kontrollieren.

Aber was geschieht, wenn der berufliche Erfolg eines Journalisten zunehmend davon abhängt, dass die Macht ihn weiterhin an ihren Tisch einlädt?

Vom Verbot zur Unsichtbarkeit

Für mich führt das Buch deshalb zu einer einfachen Erkenntnis: Die entscheidende gesellschaftliche Auseinandersetzung der kommenden Jahre wird möglicherweise gar nicht darum geführt, was man sagen darf. Sie wird darum geführt, wer überhaupt noch gehört wird.

Häring fordert deshalb im Kern eine Rückkehr zu einem einfachen rechtsstaatlichen Prinzip:

Was illegal ist, soll durch klare Gesetze verboten sein. Was legal ist, muss grundsätzlich gesagt werden dürfen. Nicht nur theoretisch. Sondern auch ohne heimliches Shadow-Banning, wirtschaftliche Bestrafung oder administrative Tricks.

Das erscheint mir bemerkenswert vernünftig.

Gerade jetzt wird dieses Buch wichtig

Während ich diese Rezension schreibe, wird die von Häring beschriebene Infrastruktur nicht zurückgebaut. Sie wächst sogar!

Das European Centre for Democratic Resilience arbeitet seit Februar 2026 und soll Behörden, EU-Institutionen und zivilgesellschaftliche Akteure miteinander verbinden. Eine Stakeholder-Plattform soll Wissenschaft, Forschung und NGOs einbeziehen.

Im März 2026 stellte die EU weitere fünf Millionen Euro für ein europäisches Netzwerk von Faktencheckern bereit.

Und mit AgoraEU soll ab 2028 ein sehr großer Fördertopf entstehen, der unter anderem Medien, Demokratieprojekte und zivilgesellschaftliche Organisationen finanziert.

All das kann gut gemeint sein. Aber Macht sollte nicht danach beurteilt werden, ob sie gut gemeint ist.

Sondern danach, welche Möglichkeiten sie schafft – und was passiert, wenn eines Tages andere Menschen diese Möglichkeiten nutzen.

Mein Fazit

„Der Wahrheitskomplex“ ist kein bequemes Buch. Nach der Lektüre sieht man manche Strukturen anders.

Nicht weil Häring beweisen würde, dass hinter jedem Faktencheck ein Geheimdienst steckt oder jede NGO ein verlängerter Arm der Regierung oder umgekehrt wäre. Das tut er nicht!

Sein Buch ist stärker, wo es etwas Grundsätzlicheres zeigt:

Macht braucht heute immer seltener den offenen Befehl.

Sie wirkt über Geld. Über Zugang. Über Förderprogramme. Über Expertennetzwerke. Über Algorithmen. Über institutionelle Anerkennung. Über die Entscheidung, wer als vertrauenswürdig gilt. Und manchmal über die stille Drohung, aus diesem Kreis ausgeschlossen zu werden.

Häring endet trotz allem nicht mit einem Aufruf zum Gegenschlag.

Im Gegenteil: Er fordert Meinungsfreiheit auch für Menschen, mit denen man politisch überhaupt nichts anfangen kann. Er warnt davor, Freiheit nur für das eigene Lager einzufordern.

Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft des ganzen Buches.

Denn Grundrechte beweisen ihren Wert nicht dann, wenn sie die Meinung schützen, die ohnehin alle hören wollen.

Sie beweisen ihren Wert dort, wo eine Meinung unbequem wird.

Wo sie Macht stört. Wo sie Mehrheiten provoziert. Wo sie sich vielleicht sogar irrt.

Eine Demokratie braucht keine staatlich zertifizierte Wahrheit. Sie braucht Bürger, die widersprechen dürfen. Journalisten, die Macht kontrollieren, statt ihr zuzuarbeiten. Institutionen, die Kritik aushalten.

Und eine Gesellschaft, die darauf vertraut, dass mündige Menschen selbst unterscheiden können, wem sie glauben.

Norbert Härings „Der Wahrheitskomplex“ liefert dafür reichlich unbequemen Stoff. Gerade deshalb sollte man ihn lesen – und anschließend vor allem eines tun: seine Quellen prüfen, weiterfragen und sich eine eigene Meinung bilden.

Anm.d.Red.: Das Buch „Der Wahrheitskomplex" ist im Westendverlag erschienen und kann auch direkt dort erworben werden.