Wer bläst zum Krieg – und wer für den Frieden?

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Ein eindringlicher Warnruf von Markus Stockhausen

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Der Trompeter, Komponist und Musikproduzent Markus Stockhausen gehört zu den Künstlern, die sich seit Jahren öffentlich für Abrüstung, Verständigung und eine friedliche Beendigung internationaler Konflikte einsetzen. Bereits im April 2022 wandte er sich in einem offenen Brief gegen Waffenlieferungen an die Ukraine und forderte Verhandlungen, Deeskalation und ein grundsätzliches Bekenntnis zum Frieden. Im Juni 2026 veröffentlichte Stockhausen erneut einen eindringlichen Appell.

Er richtet sich an Politiker, Militärs, Befehlshaber und andere Entscheidungsträger in Deutschland. Seine Warnung steht in einer Zeit, in der die Verteidigungsausgaben stark steigen, der neue Wehrdienst eingeführt worden ist und der Operationsplan Deutschland militärische Planungen mit staatlichen und zivilen Unterstützungsleistungen verbindet. Die Bundesregierung und die NATO begründen diesen Kurs mit Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit. Stockhausen stellt ihm die pazifistische Überzeugung entgegen, dass immer weitere Aufrüstung selbst Teil einer gefährlichen Eskalationsspirale werden kann. Wir veröffentlichen seinen Aufruf, weil die Frage von Krieg und Frieden nicht allein Regierungen, Militärstäben und Rüstungskonzernen überlassen werden darf. Sie betrifft jeden Bürger und vor allem die Generationen, die mit den Folgen der heutigen Entscheidungen leben müssen.


Offener Brief von Markus Stockhausen

Sehr geehrte Damen und Herren in Politik und Militär, sehr geehrte Befehlshaber und Entscheidungsträger in Deutschland,

ich warne Sie alle:

Wir wollen keinen Krieg in Deutschland!

Die Lektionen des Ersten und Zweiten Weltkriegs waren heftig genug. Wir sollten aus ihnen gelernt haben. Im Moment werden überall Vorbereitungen getroffen, in einen Krieg mit Russland einzutreten.

Das ist der pure Wahnsinn.

Ich fordere Sie auf:

Deeskalieren Sie, wo immer es möglich ist!

Produzieren Sie keine neuen Waffen. Versenden Sie keine Waffen an andere Länder, insbesondere nicht an die Ukraine und Israel. Stehen wir ein für Frieden und Respekt.

Es ist fatal zu sehen, wie einige deutsche Unternehmen nun immer stärker auf Rüstungsgüter setzen.

Die staatlichen Gelder werden dringend für Bildung, soziale Aufgaben, Krankenhäuser, Pflege und viele weitere Bereiche benötigt.

Nochmals:

Beenden Sie sofort alle Kriegsvorbereitungen.

Tun Sie alles Menschenmögliche, um den Frieden zu fördern.

Diplomatie und Gespräche müssen den Weg zur Lösung der Konflikte eröffnen.

Mit freundlichem Gruß

Markus Stockhausen
Deutscher Trompeter, Musikproduzent, Komponist und Friedensaktivist


Der Kommentar des KLARTEXT-Herausgebers

„Frieden ist keine Schwäche“

Am 19. Dezember 1989 stand Bundeskanzler Helmut Kohl vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche. Hinter ihm lag ein Jahrhundert deutscher und europäischer Katastrophen, vor ihm standen zehntausende Menschen, die friedlich für Freiheit, Selbstbestimmung und die Einheit Deutschlands demonstrierten. Kohl erinnerte an den Schwur seiner Generation: „Nie wieder Krieg, nie wieder Gewalt!“ Dann fügte er den Satz hinzu, der bis heute zu den bedeutendsten außenpolitischen Selbstverpflichtungen der Bundesrepublik gehört:

„Von deutschem Boden muss in Zukunft immer Frieden ausgehen.“

Kohl verband diese Mahnung unmittelbar mit dem Hinweis, dass wahrer Friede ohne Freiheit nicht möglich sei. Frieden war für ihn deshalb weder Unterwerfung noch Gleichgültigkeit gegenüber Unrecht. Er verstand ihn als Verbindung von Freiheit, Selbstbestimmung, europäischer Zusammenarbeit und Rücksicht auf die Sicherheitsbedürfnisse aller Nachbarn. Monate später wurde dieser Gedanke Teil der völkerrechtlichen Grundlage der deutschen Einheit. In Artikel 2 des Zwei-plus-Vier-Vertrags bekräftigten die Bundesrepublik Deutschland und die DDR,
dass von deutschem Boden nur Frieden ausgehen wird“.
Zugleich erklärten sie, dass Handlungen zur Vorbereitung eines Angriffskrieges verfassungswidrig und strafbar seien. Worte sind keine musealen Erinnerungsstücke. Sie sind ein Auftrag!

Eine historische Verantwortung


Deutschland trägt aufgrund seiner Geschichte eine besondere Verantwortung. Diese Verantwortung darf nicht auf eine einzige politische Schlussfolgerung verkürzt werden. Sie bedeutet, angegriffenen Menschen nicht gleichgültig gegenüberzustehen. Sie bedeutet aber ebenso, militärische Gewalt niemals zur Normalität werden zu lassen, Gegner nicht zu entmenschlichen und jede (wirklich JEDE!) Möglichkeit zur Verständigung auszuschöpfen.

Der russische Angriff auf die Ukraine mag ein Bruch des Völkerrechts sein – wie zig Kriege der USA-/NATO-Staaten zuvor auch. Die Benennung des jeweiligen Angreifers beantwortet aber noch nicht die Frage, wie das Töten beendet werden kann. Das Recht auf Selbstverteidigung entbindet die internationale Gemeinschaft nicht von ihrer Pflicht, gleichzeitig nach Verhandlungen, Vermittlung, Sicherheitsgarantien und einer tragfähigen europäischen Friedensordnung zu suchen. Pazifismus bedeutet nicht, Unrecht zu leugnen. Er bedeutet, sich der Vorstellung zu widersetzen, dass immer neue Waffen, immer größere Armeen und immer höhere Militärausgaben zwangsläufig zu mehr Sicherheit führen.

Die Militarisierung des politischen Denkens


Deutschland befindet sich 2026 in einer tiefgreifenden militärpolitischen „Umorientierung“. Der Bundestag hat für das Jahr 2026 rund 82,7 Milliarden Euro im regulären Verteidigungshaushalt bewilligt. Hinzu kommen etwa 25,5 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Zusammen sind dies rund 108,2 Milliarden Euro. Der reguläre Verteidigungsetat ist damit gegenüber 2025 um mehr als 20 Milliarden Euro gestiegen.

Seit dem 01. Januar 2026 gilt zudem der neue Wehrdienst. Er soll zunächst auf Freiwilligkeit beruhen und den personellen Aufwuchs der Bundeswehr sowie den Aufbau einer größeren Reserve ermöglichen. Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte an, die Bundeswehr zur „konventionell stärksten Armee Europas“ auszubauen!

Der Operationsplan Deutschland führt gleichzeitig militärische Planungen zur Landes- und Bündnisverteidigung mit den erforderlichen Leistungen von Behörden, Unternehmen, Krankenhäusern, Verkehrsbetrieben, Amtskirchen und anderen zivilen Akteuren zusammen. Auf NATO-Ebene haben sich die Mitgliedstaaten verpflichtet, bis 2035 jährlich fünf Prozent (!) ihrer Wirtschaftsleistung für Verteidigung und verteidigungsbezogene Aufgaben aufzuwenden. Mindestens 3,5 Prozent sollen der militärischen Kernverteidigung dienen, weitere bis zu 1,5 Prozent unter anderem Infrastruktur, Zivilschutz, technologischer Entwicklung und der Rüstungsindustrie. Offizielle Begründung lautet, durch militärische Stärke einen „Angriff abzuschrecken“.

Aber Abschreckung ist kein mechanisches Naturgesetz. Sie kann im unwahrscheinlichen Fall einen Angriff verhindern. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Misstrauen, Gegenrüstung, Fehlinterpretationen und eine Eskalationsdynamik erzeugt werden, die sich allesamt der politischen Kontrolle entziehen. Was die eine Seite als Verteidigung bezeichnet, kann die andere als Angriffsvorbereitung wahrnehmen. So entsteht ein Sicherheitsdilemma, in dem sich alle Seiten bedroht fühlen und gerade deshalb immer weiter aufrüsten.

Ein weltweites Wettrüsten


Diese Entwicklung ist nicht auf Deutschland begrenzt. Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI erreichten die weltweiten Militärausgaben 2025 rund 2,887 Billionen US-Dollar. Es war das elfte Jahr in Folge mit steigenden Ausgaben und der höchste jemals von SIPRI ermittelte Wert. Allein in Europa stiegen die Militärausgaben innerhalb eines Jahres real um 14 Prozent. Deutschland gehörte 2025 gemeinsam mit den USA, China, Russland und Indien zu den fünf Staaten mit den höchsten Militärausgaben. Diese gesteigerten Ausgaben sollen mehr Sicherheit erzeugen. Dennoch wird die Welt dadurch offensichtlich nicht sicherer und erst recht nicht friedlicher.

Sicherheit besteht nicht aus Panzern, Raketen und Munitionsvorräten. Sicherheit entsteht durch stabile soziale Verhältnisse, eine funktionierende Gesundheitsversorgung, gute Bildung, eine belastbare Infrastruktur, zuverlässige Energieversorgung, wirtschaftliche Perspektiven und das Vertrauen der Bürger in den Staat.

Ein Land kann militärisch hochgerüstet und gleichzeitig gesellschaftlich, wirtschaftlich und moralisch innerlich geschwächt sein.

Die Frage, wie viele Milliarden für die Bundeswehr bereitgestellt werden, darf deshalb nicht von der Frage getrennt werden, welche Mittel für Krankenhäuser, Pflege, Schulen, Kommunen, sozialen Zusammenhalt und zivile Konfliktprävention fehlen. Politische Prioritäten zeigen, was ein Staat für besonders dringend hält und welche Zukunft er gerade vorbereitet. Diese Ausgaben lassen Böses erahnen.

Diplomatie ist kein Verrat


Die Charta der Vereinten Nationen verpflichtet ihre Mitglieder, internationale Streitigkeiten mit friedlichen Mitteln beizulegen. Artikel 33 nennt ausdrücklich Verhandlungen, Untersuchung, Vermittlung, Vergleich, Schiedsverfahren, gerichtliche Entscheidung und regionale Vereinbarungen. Diplomatie ist damit kein Ausdruck von Schwäche, sondern ein zentraler Bestandteil der internationalen Friedensordnung.

Das Friedensgutachten 2026 der deutschen Friedens- und Konfliktforschungsinstitute fordert, die Vereinten Nationen in den Bereichen Prävention, Mediation und Friedenssicherung zu stärken, neue Grundlagen für Rüstungskontrolle zu schaffen und ein Moratorium für die Stationierung neuer landgestützter Mittelstreckenraketen anzustreben. Zugleich betonen die Forscher, dass Friedensvereinbarungen völkerrechtskonform sein und durch glaubwürdige Sicherheitsgarantien abgesichert werden müssen. Die ist ein wichtiger Hinweis: Diplomatie darf nicht erst beginnen, wenn alle militärischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Sie muss ständig betrieben werden – öffentlich und vertraulich, auf staatlicher und zivilgesellschaftlicher Ebene, zwischen Verbündeten und gerade auch zwischen Gegnern.

Verhandlungen bedeuten nicht, dass man die Position der Gegenseite übernimmt. Wer verhandelt, kapituliert nicht. Er versucht, das Töten zu beenden, Missverständnisse auszuräumen, Interessen offenzulegen und einen Ausweg zu finden, bevor weitere Menschen sterben.

Die Friedensordnung von 1989 und 1990


Die friedliche Revolution in der DDR und die deutsche Einheit wurden nicht auf einem Schlachtfeld errungen. Sie wurden möglich durch den Mut der Bürger, durch Gespräche, politischen Druck, Gewaltverzicht und internationale Verständigung.

Zur Wahrheit gehört auch, dass die damalige Entspannung nur gelingen konnte, weil Sicherheitsinteressen nicht ausschließlich als Nullsummenspiel verstanden wurden. In der Charta von Paris erklärten die Staaten Europas, die USA, Kanada und die damalige Sowjetunion im November 1990, das Zeitalter der Konfrontation und Teilung Europas sei beendet. Die künftigen Beziehungen sollten auf Achtung und Zusammenarbeit beruhen. Sicherheit sollte nicht gegeneinander, sondern gemeinsam organisiert werden. Unsere Friedensordnung ist heute schwer beschädigt. Die Darstellung, Russland habe mit seinem Angriff auf die Ukraine grundlegende Prinzipien dieser Ordnung verletzt, mag inhaltlich stimmen, blendet aber – wie in der Zwischenzeit hoffentlich alle Europäer wissen sollten – die gesamte Vorgeschichte dieses Konfliktes aus. Und gerade deshalb wäre es falsch, die Leitidee dieser Friedensordnung einfach selber und ohne echte Not aufzugeben.

Ein dauerhafter Frieden in Europa kann nicht auf Feindschaft, Abschreckung und immer neuen Waffensystemen beruhen. Er benötigt Regeln, überprüfbare Vereinbarungen, Rüstungskontrolle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Beziehungen sowie die Anerkennung legitimer Sicherheitsinteressen.

Warum wir diesen Aufruf veröffentlichen


Eine Bürgerzeitung ist kein Verlautbarungsorgan der Regierung und kein Sprachrohr eines Militärbündnisses. Ihre Aufgabe besteht darin, Bürgern Raum zu geben, Fragen zu stellen, Widerspruch zu äußern und gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu begleiten.

Wir müssen nicht jeden Satz des Aufrufs von Markus Stockhausen vorbehaltlos übernehmen, um seine Warnung ernst zu nehmen. Seine Behauptung, allein Diplomatie könne sämtliche Konflikte lösen, ist eine pazifistische Grundüberzeugung und keine Garantie für den Erfolg jeder Verhandlung. Auch Diplomatie benötigt Geduld, Druckmittel, glaubwürdige Vereinbarungen und die Bereitschaft aller Beteiligten.

Doch kein Krieg endet ohne politische Verständigung. Selbst nach Jahren des Tötens müssen die Gegner eines Tages miteinander oder über Vermittler sprechen. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie viele Menschen müssen bis dahin noch sterben?

Stockhausens Aufruf erinnert daran, dass hinter jedem militärischen Lagebild Menschen stehen: Söhne und Väter, Töchter und Mütter, Familien, Verwundete, Vertriebene und Traumatisierte. Diese menschliche Wirklichkeit darf in keiner Debatte über Strategie, Bündnistreue und geopolitische Interessen verschwinden. Von Deutschland sollten deshalb nicht Gleichgültigkeit, Feindbilder und eine unkontrollierte Rüstungsspirale ausgehen. Von Deutschland sollten Initiativen für Waffenstillstände, Vermittlung, humanitäre Hilfe, Rüstungskontrolle und eine neue europäische Sicherheitsordnung ausgehen.

Das wäre keine Abkehr von Helmut Kohls Vermächtnis. Im Gegenteil: Es wäre seine Fortführung.

Von deutschem Boden muss in Zukunft immer Frieden ausgehen!

Nicht irgendwann.

Nicht erst nach dem nächsten Krieg.

Sondern jetzt.

Mit freundlichem Gruß,

Chris Barth, Herausgeber von KLARTEXT Rhein-Main-Neckar.

Anm. d. Red.: Sie haben keine Lust auf den totalen Krieg mitten in Europa? Kein Interesse an der totalen Zerstörung Deutschlands? Fordern Sie die aktuelle Ausgabe unserer Bürgerzeitung KLARTEXT noch heute bei uns an. Nicht für Sie selbst… Sie wissen bereits, was los ist hier in unserem Land. Aber für Ihre Nachbarn. Ab damit in deren Briefkästen. Geben Sie Ihre Nachbarn nicht auf. Melden Sie sich unter: www.klartext-rheinmain.de/kontakt.